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Zeugin im Maria Baumer-Prozess: Erst verliebt, dann betäubt | BR24

© BR/Andreas Wenleder

Im Prozess um Maria Baumer hat am Mittwoch eine wichtige Zeugin ausgesagt und den Angeklagten schwer belastet. Die ehemalige Patientin des Krankenpflegers war mit einem Medikament betäubt worden.

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Zeugin im Maria Baumer-Prozess: Erst verliebt, dann betäubt

Im Prozess um Maria Baumer hat am Mittwoch eine wichtige Zeugin ausgesagt und den Angeklagten schwer belastet. Die ehemalige Patientin des Krankenpflegers war mit einem Medikament betäubt worden. Die Anklage sieht Parallelen zum Fall Maria Baumer.

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Im Mordprozess am Landgericht Regensburg ging es an diesem Mittwoch auch um ein altes Urteil aus dem Jahr 2016: Damals war der jetzige Angeklagte unter anderem verurteilt worden, weil er einer jungen Frau ein starkes Beruhigungsmittel untergemischt und sie damit betäubt hatte.

Die Aussage der Zeugin wirkte gefasst. Ruhig und überlegt beantwortete die heute 27-Jährige die Fragen des Vorsitzenden Richters. Nur einmal musste sie kurz schlucken. Es geht um einen Tag im April 2014. Zusammen mit gemeinsamen Freunden hatte sie sich mit dem Angeklagten zum Picknicken verabredet. Ganz wohl sei ihr dabei nicht gewesen, sagte die Zeugin. In den Monaten zuvor habe der Angeklagte immer wieder einseitig den Kontakt zu ihr gesucht. Von Anrufen, vielen Nachrichten und auch unangekündigten Besuchen berichtet sie. Auch habe er auffällig oft Körperkontakt zu ihr gesucht. "Stalking" nennt sie das heute.

Zeugin wird vom Angeklagten überrumpelt

Als sich gegen Abend die Picknickrunde auflöst, habe sie seine Bitte zu ihr mitzukommen abgelehnt. Bei der anschließenden gemeinsamen Busfahrt, sei er anders als verabredet aber nicht ausgestiegen, sondern einfach still neben ihr sitzengeblieben. "Bei mir hat sich dann eine Art Autopilot eingeschaltet“, sagt sie heute. Sie habe ihn nicht verärgern oder provozieren wollen. "Nein“ zu sagen, falle ihr generell schwer, bestätigte die Zeugin außerdem.

So kommt der Angeklagte mit in ihre Wohnung. Der Angeklagte will Tee mit ihr trinken. Weil das ungute Gefühl nicht nachlässt, versucht sie ihre Tasse nicht aus den Augen zu lassen. Als sie der Angeklagte bittet, aus dem Bad ein Taschentuch zu holen, bleibt ihr Tee dann aber doch kurz unbeaufsichtigt. Nachdem sie sie ausgetrunken hat, verliert sie schnell das Bewusstsein. Erst an den nächsten Tag kann sie sich wieder erinnern: Als sie angezogen aufwacht, liegt der Angeklagte neben ihr und streichelt sie.

Parallelen zum Fall Maria Baumer

"Ich habe nur noch versucht, schnell aus der Wohnung zu kommen. Bloß keine schnelle Bewegung, ihn bloß nicht verärgern“, sagte die Zeugin. Noch am selben Tag wird in ihrem Körper das starke Beruhigungsmittel Lorazepam nachgewiesen. Ein Medikament, das der Angeklagte laut Staatsanwaltschaft verwendet haben soll um 2012 seine Verlobte Maria Baumer zu töten. Denn an ihren sterblichen Überresten konnte das Beruhigungsmittel ebenfalls nachgewiesen werden.

Angeklagter war anfangs ihr "Lieblingspfleger“

Um zu verstehen, warum die Zeugin den Angeklagten in ihre Wohnung ließ, ist die Vorgeschichte wichtig. Wie die Zeugin berichtete, hätte sie anfangs ein sehr gutes Verhältnis zum Angeklagten gehabt. Sie lernte ihn 2012 – drei Monate vor dem Verschwinden Maria Baumers – am Bezirksklinikum in Regensburg kennen. Dort arbeitete der Angeklagte als Pfleger. Er habe sich stark und einfühlsam um sie und die anderen Patienten gekümmert. "Als Krankenpfleger hatte er wirklich eine Gabe. Wenn es mir besonders schlecht ging, hat er sich um mich gekümmert“, erzählte die Zeugin.

Sie hatte vor ihrem Klinikaufenthalt schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht. Dem Angeklagten habe sie aber vertraut, auch weil er verlobt war und von Maria Baumer als "Liebe seines Lebens" gesprochen hatte. Nach ihrem ersten Klinikaufenthalt habe sie sich weiter regelmäßig mit ihm getroffen. Nach und nach sei ihr aber klargeworden, dass der Angeklagte mehr will.

Motiv für Tat?

Eine Annahme für die es deutliche Anhaltspunkte gibt: Laut Staatsanwaltschaft soll der Angeklagte seine Verlobte Maria Baumer getötet haben, um frei für eine Beziehung mit der Zeugin zu sein. Bereits an den vergangenen Prozesstagen war bekannt geworden, dass der Angeklagte den Namen seiner Patientin als Facebook-Passwort verwendet hatte. Am Mittwoch kamen weitere Indizien dazu. So soll sich der Angeklagte im Internet als eine andere Person ausgegeben haben und ihr auf Englisch Nachrichten und auch ein Gedicht geschickt haben. Mit dem Klinikum bekam er Ärger, weil er seine Patientin sogar in seiner Freizeit besucht hatte. Auch ihre Krankenakte soll er besessen haben, allerdings mit ihrem Einverständnis, wie sie heute bestätigt. "Ich habe nicht überrissen, wie ernst die Lage ist“, sagt die Zeugin. Seine Gefühle habe sie aber nie erwidert.

Zeugin kontert Anwalt

Die Verteidigung versuchte in ihrer Befragung die Aussagen der Zeugin im Anschluss in Zweifel zu ziehen. Mehrmals fragte einer der Anwälte zum besagten Abend mit dem Blackout nach, versucht Widersprüche zu finden. "Ich weiß nicht, was das soll“, entgegnet ihm die Zeugin. "Ihr Mandant hat das doch gestanden.“

Tatsächlich war der Angeklagte schon 2016 nach einem Geständnis zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Er hatte zugegeben die Zeugin mit Lorazepam betäubt zu haben. Auch den Missbrauch von jüngeren Domspatzenschülern zu seiner eigenen Schulzeit räumte er damals ein.

Anwalt will Freispruch

Pilzsammler fanden im Herbst 2013 die Leiche Maria Baumers in einem Wald. Damals geriet der Verlobte bereits ins Visier der Ermittler, kam aber wieder auf freien Fuß. Ende 2019 wurde der Mann erneut festgenommen. Mit neuen technischen Methoden hatten Experten an Kleidung und Haaren des Opfers Medikamenten-Rückstände festgestellt. Der Angeklagte soll kurz vor dem Verschwinden der Frau nach tödlichen Arzneimittel-Mengen und "der perfekte Mord" gegoogelt haben. Sein Anwalt will einen Freispruch erwirken.

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