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Zerstören was aufgebaut wurde: "Pflugregelung" verärgert Bauern | BR24

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Landwirte, deren Kühe weiden, kritisieren die "Pflugregelung". Demnach müssen sie alle fünf Jahre ihre Weide umpflügen, nur damit die nicht an Wert verliert.

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Zerstören was aufgebaut wurde: "Pflugregelung" verärgert Bauern

Landwirte, die ihre Kühe auf Äckern weiden lassen, kritisieren die "Pflugregelung". Wegen ihr müssen sie spätestens alle fünf Jahre ihre Weide umpflügen – nur damit die Fläche nicht an Wert verliert. Das schreckt Landwirte vor Weidehaltung ab.

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Kühe auf der Weide – ein häufiges Motiv auf unseren Milchpackungen. Dabei stehen die meisten Milchkühe gar nicht auf der grünen Weide, sondern den ganzen Tag im Stall. Ein Beispiel: Von 150 Milchviehbetrieben im Landkreis Kelheim machen gerade mal fünf Weidehaltung. Einer von ihnen ist Markus Dillinger aus Saal an der Donau.

Wenn er seine Kühe im Sommer auf die Weide lässt, ist ihnen die Freude anzusehen. Sie springen und wälzen sich im Gras. Vor neun Jahren hat Dillinger mit der Weidehaltung angefangen. Sein Fazit: Durchwegs positiv. Eigentlich.

© BR/Anne-Lena Schug

Kühe springen aus dem Stall

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Kuh wälzt sich auf der Weide

Äcker werden als Weide genutzt

Der Haken an der Weidehaltung: Es gibt zu wenig Grünland. Dillinger hat deshalb für die Weidehaltung einen Acker vom Nachbarn gepachtet. Über 80 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche im Landkreis Kelheim sind Ackerland. Weil Dillinger hier aber Gras angesät hat, riskiert er, dass der Ackerlandstatus verloren geht. Denn auf EU-Ebene wurde festgelegt: Flächen, auf denen fünf Jahre Gras wächst, werden automatisch zu Grünland. Doch Grünland ist deutlich weniger wert als ein Acker.

Strafzahlungen möglich

Ginge also der Ackerstatus verloren, müsste Dillinger wahrscheinlich eine Strafe an den Verpächter zahlen, weil dessen Fläche ja einen wertvollen Status verloren hätte. Um das zu vermeiden, muss Dillinger spätestens alle fünf Jahre die Fläche umpflügen. Wo die Tiere dann grasen sollen, wenn auf der Fläche nur noch blanke Erde und kein Gras mehr ist, weiß er noch nicht. Wahrscheinlich müssten sie dann wieder ganzjährig im Stall bleiben. Aber das will der Landwirt auf keinen Fall. Der Auslauf tut seinen Tieren gut.

Weidehaltung bietet große Vorteile

Laut Dillinger sind die Kühe durch die Weidehaltung gesünder. Er habe weniger Tierarztkosten. Normalerweise werden Milchkühe im Schnitt nur fünf Jahre alt – bei Dillinger sogar mehr als das Doppelte.

Zwei Mal am Tag gehen die Kühe von der Weide zum Melken in den Stall. Weil sie nur Gras fressen und kein Kraftfutter, geben sie zwar weniger Milch, aber die Vorteile überwiegen.

"Man spart mit der Weidehaltung sehr viel an Diesel, Strom, und es ist für die Tiere eine sehr artgerechte Haltung." Markus Dillinger, konventioneller Landwirt
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Bauer Markus Dillinger auf seiner Weide.

Auch Bio-Bauer Peter Oberhofer aus Bruckberg treibt seine Tiere aus und hat dasselbe Problem wie sein Berufskollege Dillinger.

"Wir sind überzeugt. Den Tieren geht es gut, unserer Familie geht es gut damit und man hat ein ganz anderes Wohlbefinden im Stall und in der Familie, weil das von der Arbeitsbelastung her auch immens besser ist. Aber wenn man bedenkt, was das an Geld kostet und wie viele Steine einem in den Weg gelegt werden – für nix – dann überlegt man sich ernsthaft, ob man das weitermacht." Peter Oberhofer, Bio-Landwirt
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Bio-Bauer Peter Oberhofer aus Bruckberg

Nicht einmal die Aussaat von Getreide kann Umpflügen verhindern

Damit seine gepachtete Weide den Ackerstatus behält, hat Oberhofer auf einem Teil der Fläche Roggen ins Gras miteingesät. Die Idee: Wenn da auch Getreide wächst, könnte er vielleicht den Ackerstatus behalten – ohne umpflügen zu müssen. Doch der Trick mit dem Roggen hat nicht funktioniert – mehr als 800 Euro für die Katz, erklärt Oberhofer. "Wie sich herausgestellt hat, reicht das nicht. Sondern der Boden muss aufgerissen werden oder der Roggen muss die meiste Zeit vom Jahr stehen und das können wir uns wieder nicht leisten."

Im Herbst wird er also einen Teil der Fläche umpflügen müssen. Aus seiner Sicht ein Irrsinn:

"Weil wir da mit teurem Aufwand das Gras zerstören müssten und mit teuer Geld das Bio-Saatgut wieder kaufen, wieder ansäen. Wir wissen aber nicht ob es was wird, weil wir Sommer-Trockenheit haben." Peter Oberhofer, Bio-Bauer
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Durch die Kuhfladen wird der Boden direkt gedüngt. Die Gülle muss nicht ausgefahren werden. Im Boden sind viele Regenwürmer.

Bodenstruktur und Biotope werden zerstört

Die Kuhfladen auf der Weide werden mit der Zeit Lebensraum für Insekten und Larven und die wiederum sind Nahrung für Vögel – die auf konventionellen Äckern kaum Futter finden. Dieses Gefüge soll durch den Pflug wieder zerstört werden.

"Wir machen das heuer – schweren Herzens. Wir wissen aber nicht, wie das weitergeht. Weil wir können das nicht weiter so stemmen und es ist gegen die Betriebsphilosophie, dass man alle fünf Jahre das zerstört, was man mühsam aufgebaut hat. " Bio-Bauer Peter Oberhofer

Forderung: Was Acker ist, soll Acker bleiben

Bauern wie Peter Oberhofer fordern schon lange von der Politik, dass das, was Acker ist – Acker bleibt, auch wenn darauf Gras wächst. Die aktuelle Regelung lege den Landwirten zu viele Steine in den Weg. Und das, obwohl Weidehaltung vom Verbraucher gewünscht sei und es den Tieren damit sichtlich gut geht.

Ob die EU weiterhin an dieser Fünf-Jahres-Regel festhält, kann man derzeit noch nicht absehen. Die Beratungen über die künftige Gemeinsame Agrarpolitik in der EU laufen momentan. Der Bayerische Bauernverband setzt sich für eine Stichtagsregelung ein, sodass Acker, der seit einem bestimmten Zeitpunkt den Status hat, einfach Acker bleibt, auch wenn er als Wiese oder Weide genutzt wird.

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