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Zentralratspräsident Schuster fordert Zivilcourage | BR24

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Wann hört die Meinungsfreiheit auf und wann schwingt legitime Kritik am Staat Israel in Antisemitismus um? Darüber spricht der Moderator Andreas Bönte mit dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland Dr. Josef Schuster.

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Zentralratspräsident Schuster fordert Zivilcourage

Der wachsende Antisemitismus beunruhigt die deutschen Juden. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, fordert Zivilcourage und konkretes Handeln der Politik.

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Gezielte Angriffe auf Menschen jüdischen Glaubens nehmen zu und haben mit dem Anschlag in Halle am 9. Oktober einen Höhepunkt erreicht. Neben offener Gewalt und Hass im Netz gewinnt in Deutschland eine Partei an Einfluss, die die NS-Zeit als "Vogelschiss" in der mehr als 1.000-jährigen deutschen Geschichte bezeichnet. Wie reagieren Juden hierzulande auf diese Entwicklung?

Kapitulation "der falsche Weg"

Auszuwandern, wie es in Frankreich bereits jeder zweite Jude in Erwägung zieht, ist für Josef Schuster, den Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, keine Option, zumal sich das jüdische Leben in Deutschland sehr positiv entwickelt habe: "Es wäre in meinen Augen der falsche Weg, jetzt zu sagen, wir kapitulieren. Ich bin auch nicht bereit dazu, das, was unsere Eltern- und Großelterngeneration in Deutschland jüdischerseits wieder aufgebaut hat, so einfach preiszugeben. So einfach sollte man es den Rechtsextremisten nicht machen."

Politik, Justiz und Gesellschaft gefragt

In der Sendung "Jüdisches Leben in Deutschland" analysiert Schuster am 10. Dezember um 23.15 Uhr im Gespräch mit Andreas Bönte im BR Fernsehen die aktuelle Entwicklung und die Auswirkungen des Antisemitismus auf das Leben der Juden in Deutschland. Und er fordert konkretes Handeln von Politik, Justiz und Gesellschaft im Kampf gegen den erneut aufflammenden Antisemitismus: "Es geht nicht um den Aufschrei, sondern es geht (…) in meinen Augen um Zivilcourage. (…). Ich glaube, die Zivilcourage kann sehr viel bewirken und uns auch in der Gesamtgesellschaft weiterbringen." Trotz der erschreckenden Stimmergebnisse vor allem im Osten stimme die weitaus größte Mehrheit der Bevölkerung den Thesen der AfD nicht zu, so Schuster.

Solidaritätskundgebungen als "hoffnungsvolles Zeichen"

Dass die deutschen Juden nach dem Anschlag in Halle zahlreiche Solidaritätskundgebungen erreicht haben – "in einem Umfang, wie wir sie bislang nicht erlebt haben" –, wertet der Zentralratspräsident als "ein hoffnungsvolles Zeichen, dass man auch hier in weiten Teilen der Bevölkerung jüdisches Leben in Deutschland als etwas Schützenswertes und eigentlich auch Selbstverständliches ansieht".

Handeln gegen Hetze und Hass

Ein Beispiel für politisches Handeln gegen Hetze und Hass ist für Schuster die Abwahl des AfD-Abgeordneten Stephan Brandner als Vorsitzender des Rechtsausschusses des Bundestages: "Wenn man dann, wenn ein Vertreter so übers Maß hinaus zielt (...), auch ein klares Signal setzt, macht man die Partei nicht zum Märtyrer, sondern zeigt denjenigen, die an einer Demokratie interessiert sind (…), wie man sich auseinandersetzt."

Kritik an deutscher Haltung gegenüber Israel in der UNO

Deutliche Kritik übt der Zentralratspräsident an der deutschen Haltung bei Israel-Abstimmungen in der UNO: "Ich habe für das Verhalten der Bundesrepublik zum Beispiel in der UNO, wenn es um Resolutionen gegen Israel geht, wenig Verständnis. Ich sage nicht, dass alles richtig ist, was in Israel geschieht, da will ich nicht missverstanden werden." Es sei aber komisch, dass im Gegensatz zu Israel bei Zypern, der Westsahara oder auch der Krim wenig über UNO-Resolutionen zu hören sei. Die Bundesrepublik sei häufig dabei, Israel mit zu verurteilen, wenn man sich guten Gewissens auch enthalten könne. "Da muss man sich dann einfach die Frage stellen: Wo beginnt Moral? Und wo endet Moral? Und wo geht es nur noch um die Frage von Wirtschaftsinteressen."

Langfassung in ARD-alpha

Sehen Sie das ganze Gespräch am 10. Dezember um 23.15 Uhr im BR Fernsehen. Am 22. Dezember um 21.45 Uhr zeigt ARD-alpha die Langfassung des Gesprächs. Über politische Fragen hinaus ist darin auch die 1700-jährige Tradition und der kulturelle Reichtum des jüdischen Lebens in Deutschland Thema.