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Norbert Kittel in seinem Wohnzimmer in München.

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Zeitzeuge zum Tag der Befreiung: Mahner gegen das Vergessen

Norbert Kittel hat als Jugendlicher im Zweiten Weltkrieg gekämpft und war danach in sowjetischer Gefangenschaft. Zum Tag der Befreiung mahnt der 91-Jährige: "Macht nicht die Fehler, die uns zu schaffen gemacht haben."

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Von
  • Tobias Brunner

Als am 8. Mai 1945 die bedingungslose Kapitulation erklärt wird, marschiert Norbert Kittel gerade zu Fuß aus Breslau. Für den damals 16-Jährigen ist es der Weg aus dem Krieg in die Gefangenschaft. "Du hast noch Tote gesehen, du hast noch tote Pferde gesehen", erinnert sich der heute 91-Jährige. "Man schlief im Stehen oder Gehen – und die ersten blieben bereits auf der Strecke."

Im Januar 1944 hatten die Nationalsozialisten Kittel und rund 50 seiner Mitschüler aus dem Gymnasium zur Luftwaffe geholt. Fortan musste er als Luftwaffenhelfer an der Flak kämpfen, später auch mit dem Gewehr zwischen den verbliebenen Häusern von Breslau. Das letzte Aufgebot der Wehrmacht, bis die Sowjets die Stadt einnahmen.

Kriegsgefangenschaft: Brennnessel mit Fabrik-Salz gegessen

Heute sitzt Norbert Kittel in seinem Wohnzimmer in einem Altbau in München-Schwabing. Die Vergangenheit liegt mittlerweile weit zurück, der Krieg, die drei Jahre im sowjetischen Lager danach bis zum Mai 1948, der Hunger, die Hitze und Eiseskälte. Und doch ist all das nur einen Meter entfernt.

Denn auf dem Tisch vor ihm stapeln sich die Fotos, Briefe, Notizen und die Biografien von etwa 25 Mitschülern aus Breslau. Manche getippt, manche handschriftlich, er hat sie gesammelt. "Wir verzehrten auch Brennnessel, die wir in einer Granatenhülse kochten", zitiert er. "Dass das gesundheitsschädlich oder gar tödlich ausgehen könnte, kam uns nicht." Für die Kriegsgefangenen ging es ums Überleben.

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Mit diesem Löffel aß Kittel drei Jahre lang in Gefangenschaft, er hat ihn bis heute behalten.

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Norbert Kittel vor dem Krieg (links oben).

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Der offizielle Ausweis: Am 17. Mai 1948 wurde Kittel aus der Kriegsgefangenschaft entlassen.

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Der 91-Jährige hat Stapel mit Unterlagen gesammelt - Fotos, Notizen und Biografien von ehemaligen Mitschülern.

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Insgesamt 25 Biografien seiner ehemaligen Mitschüler besitzt Kittel, sie erzählen von Krieg und Gefangenschaft.

Sein Ziel: Späteren Generationen etwas hinterlassen

Jahrzehntelang hat Kittel zu all dem geschwiegen, nicht einmal privat darüber gesprochen. Inzwischen ist das anders. Er hat ein "zweites Leben" bekommen, wie er es nennt, eine Familie gegründet, Karriere als Werbemann gemacht und gearbeitet, bis er 80 Jahre alt war.

Und jetzt spricht er, hat sogar mehrmals Klassentreffen mit den ehemaligen Mitschülern aus Breslau organisiert. Denn noch immer wüssten zu viele Menschen nicht genug über die Nazi-Zeit und den Zweiten Weltkrieg. "Ich will der Nachwelt etwas hinterlassen", sagt er. Seine Botschaft: "Erzähl der nachfolgenden Generation, wie es dir ergangen ist. Macht nicht Fehler, die uns zu schaffen gemacht haben."

Von den Nazis als Schüler manipuliert

Zur Erinnerung gehört auch die Zeit im Deutschen Jungvolk und der Hitlerjugend – und das Verständnis, wie die Jugendlichen damals manipuliert wurden: Auch in Kittels Schule gab es jüdische Mitschüler, die irgendwann plötzlich verschwanden. "Es gab dafür von Seiten der Propaganda immer eine Erklärung, die man geschluckt hat oder auch nicht – aber niemals irgendwie eine Äußerung machen durfte."

Eine Zeitung hat Norbert Kittel einmal einen "Erinnerungsverwalter" genannt. Man könnte auch sagen: ein ewiger Mahner gegen das Vergessen.

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Nicht nur in Berlin, auch in anderen europäischen Ländern wurde heute an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren erinnert. Wegen der Corona-Krise fand die Feier in Paris in deutlich kleinerem Rahmen statt als üblich.

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