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Inklusion an der Schule
© dpa-Bildfunk/Uwe Anspach
© dpa-Bildfunk/Uwe Anspach

Inklusion an der Schule

Nenad M. hat das Land Nordrhein Westfalen auf Schadensersatz verklagt und gewonnen. Bis er 18 war, musste er eine Kölner Förderschule für geistig Behinderte besuchen. Dabei ist er normal intelligent, wie kürzlich durchgeführte IQ Tests beweisen.

"Die haben mir mein Leben kaputt gemacht." Nenad M.

Nenads Prozess deckt Fehler im deutschen Schulsystem auf – länderübergreifend. Wenn Eltern nicht um die richtige Schule kämpfen, bleiben Kinder mit Anlaufschwierigkeiten oft jahrelang auf Förderschulen stecken.

Migranten landen oft auf Förderschulen

Das kritisiert auch die Gerichtsgutachterin im Fall Nenad M., die Erziehungswissenschaftlerin Professor Irmtraud Schnell.

"Das ist ganz sicher so, dass Migranten dem System gegenüber hilflos ausgeliefert sind, wenn es nicht jemanden gibt, der sagt, das Kind ist da nicht richtig." Prof. Irmtraud Schnell, Erziehungswissenschaftlerin

Nenads Probleme begannen an der bayerischen Mauritiusschule in der Nähe von Coburg, eine Schule für geistig Behinderte.

Mit sieben Jahren muss Nenad M. hier zum IQ Test. Er ist Romakind aus Serbien, spricht damals fast kein Deutsch. Die Testfragen versteht er nicht, er antwortet irgendetwas aus dem Bauch heraus.

"Ich wusste einfach nicht, warum ich den Test machen soll. Ich dachte, ich dachte, vielleicht wegen Ausweisdokumenten." Nenad M.

Fall Nenad M: Jahrelang keine Chance auf Schulwechsel

Nenad wird damals ein IQ von nur 59 bescheinigt. Weder er noch seine Eltern verstehen, dass er deshalb auf eine Schule für geistig Behinderte wechseln muss.

"Mit der Zeit hab ich rausgefunden, das ist eine Schule für geistig Behinderte. Da habe ich geweint." Nenad M.

Eigentlich hätte die Schule Nenads IQ Tests nach einem Jahr überprüfen müssen. Warum ist trotzdem nichts passiert? Von den Verantwortlichen bekommen wir keine Auskunft. Der Rektor der fränkischen Mauritius Schule lehnt ein Interview ab.

Auch wenn im Bildungsbericht des bayerischen Kultusministeriums steht: "Nur noch in begründeten Ausnahmefällen sind Kinder und Jugendliche verpflichtet, die Förderschule zu besuchen." Die Realität ist eine andere.

Die Illusion vom gemeinsamen Lernen

Auch in Zeiten von Inklusion ist die überwältigende Mehrheit der Schüler mit Lernproblemen an Förderzentren untergebracht. Rund 55.000 Kinder waren es im vergangenen Schuljahr in Bayern. Nur ganze 5 Prozent der Kinder erreichen einen anerkannten Schulabschluss Schulabschluss. Und nur wenige schaffen es zurück auf die Regelschulen. Ganze 3 Prozent waren es 2016.

Nenad hat inzwischen einen Schulabschluss. Es waren Mitarbeiter des Kölner Vereins für Inklusion "mittendrin", die Nenad aus der Förderschule holten. Sie besorgten ihm einen Platz am Berufskolleg. Dort holt er in kürzester Zeit den Schulstoff der Hauptschule nach, ist einer der Besten in der Klasse.

Makel Förderschule: Nenad hofft auf Lehrstelle

Seinen Schadensersatzprozess hat Nenad inzwischen gewonnen. Doch ob es mit einer Lehrstelle klappt, weiß er noch nicht.

"Wenn ich auf meinen Lebenslauf schreibe: Förderschule zur geistigen Entwicklung und ein Arbeitgeber das sieht, würde er sofort meine Bewerbung wegschmeißen." Nenad M.

Bisher hat Nenad diverse Absagen von Firmen bekommen, bei denen er sich beworben hat. Er hofft trotzdem noch, dass ihn der Makel Förderschule nicht ein Leben lang begleiten wird.