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Teuer und schlecht versorgt in zahnärztlichen Zentren? | BR24

© picture-alliance/Alexander Bernhard/CHROMORANGE

MVZs: Nicht alles, was professionell aussieht, ist im Sinne der Patienten.

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Teuer und schlecht versorgt in zahnärztlichen Zentren?

Hausarzt, Hals-Nasen-Ohrenarzt und Sportarzt unter einem Dach: ein Medizinisches Versorgungszentrum. Jetzt entstehen immer mehr zahnärztliche MVZ. Für die Krankenkassen sind sie bis zu 30 Prozent teurer. Doch Patienten werden oft schlechter versorgt.

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Mehr als 600 Medizinische Versorgungs-Zentren im Bereich Zahnmedizin gibt es heute in Bayern, hinter circa 70 von ihnen könnten nach Angaben der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Bayern große internationale Investoren stehen. Denn in Zeiten des billigen Geldes suchen Investoren Anlegemöglichkeiten. Und auf Zahnschmerzen ist auch in Zukunft Verlass. Dagegen laufen die niedergelassenen Zahnärzte jetzt Sturm.

Vorteil für Patienten: MVZ bieten deutlich längere Öffnungszeiten

Vesna Jelic ist Mitte Dreißig und Zahnärztin aus Leidenschaft. Jelic arbeitete in einer Gemeinschaftspraxis und war sehr zufrieden. Dann jedoch wurde die Praxis quasi über Nacht in ein medizinisches Versorgungs-Zentrum (MVZ) umgewandelt. Die Anzahl der Zahnärzte wurde verdoppelt, die Öffnungszeiten abends bis 21 Uhr ausgeweitet, auch an Samstagen war die Praxis nun geöffnet. Die Praxis war jetzt Teil eines Verbunds mit Niederlassungen in Hamburg, Berlin und Mallorca mit zentralisierter Verwaltung.

Kosteneffizienz: Ärzte sollen sich auf Arbeitsschritte spezialisieren

Die Bestellung von Praxismaterial lief nur noch über eine Online-Plattform und wurde vom Management kontrolliert. Jelic fühlte sich stark eingeschränkt. Mehr noch belastet sie aber, dass die Arbeit umorganisiert wurde: Sie hatte nicht mehr ihren festen Patientenstamm, sondern es wurde durchgewechselt. Das Ziel sei eine verstärkte Spezialisierung gewesen, sodass ein Zahnarzt beispielsweise nur noch Kronenbehandlungen durchführt. Aber dafür sei die Zahnmedizin viel zu komplex, sagt Jelic. Eine Arbeitsteilung wie in der Auto-Fertigung lasse sich nicht auf ihren Beruf übertragen.

Überversorgung: Bis zu 30 Prozent mehr Behandlungen in MVZ

Die Kassenzahnärztliche Vereinigung Bayern hat errechnet, dass in Medizinischen Versorgungszentren zwischen 20 und 30 Prozent mehr Behandlungen pro Patient durchgeführt werden, als üblich. Der Grund: Ein niedergelassener Zahnarzt, der seine Patienten gut kennt, warte auch mal mit einer Behandlung ab, bis sie wirklich nötig ist. Anders ein Zahnarzt, der ständig neue Patienten vor sich sieht: Der tendiere eher dazu, gleich alle Probleme zu behandeln, sagt Christian Berger von der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Bayern.

"Er hat keine Ahnung, wie die Befunde, die er sieht, entstanden sind, er hat keine Prognosen, und deswegen ist die Tendenz, dort mehr zu behandeln, auf jeden Fall gegeben." Christian Berger, Kassenzahnärztliche Vereinigung Bayern

MVZ schweigen zur Kritik der Kassenzahnärztlichen Vereinigung

Ob Ärzte in Investoren-geführten MVZ ihre Patienten tatsächlich übertherapieren, könne man aber erst in einigen Jahren sagen, so Berger. Allerdings gebe es Berichte von MVZ-"Aussteigern", sie hätten vertraglich festgelegte Umsätze erfüllen müssen.

Zwei vom BR angefragte MVZ wollten zu dieser Kritik nicht Stellung beziehen. Wirft man einen Blick auf die Web-Seiten der angefragten Zentren, wird auch nicht klar, ob und welche Investoren jeweils hinter den Zahnarzt-Großpraxen stehen. Berger fordert hier Transparenz: Wem gehört die Praxis, steht ein Arzt oder ein Manager an der Spitze. Patienten hätten ein Anrecht darauf, das zu wissen.

Unterstützt werden die Zahnärzte zum Beispiel von der Linkspartei. Diese kritisiert, dass die "Private-Equity-Fonds mit Sitz in Steueroasen" hinter den MVZ stünden. Achim Kessler, Bundestagsabgeordneter der Linken, fordert ein öffentlich zugängliches Transparenzregister.

Zahnärztin Jelic beklagt "Industrialisierung der Zahnmedizin"

Zurück zu Vesna Jelic: Am stärksten leide bei der "Industrialisierung der Zahnmedizin" natürlich das Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Zahnarzt. Ein Patient müsse blind vertrauen können, es koste einen Arzt viel Energie, Angst abzubauen. Für viele Patienten sei das Verhältnis zum Zahnarzt wie zu ihrem Friseur: Die Chemie muss stimmen. Jelic verließt das MVZ und kaufte eine eigene Praxis. Trotz Schulden und Bürokratie sei sie sehr zufrieden, sagt die Zahnärztin.

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Seit wenigen Jahren gibt es auch bei Zahnärzten MVZs: Das sind Großpraxen, mit oft mehreren Standorten. Sie versprechen aufgrund der Größe eine bessere Versorgung anbieten zu können, als traditionell geführte Praxen.