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Würzburger hilft Geflüchteten im bosnischen Bihac | BR24

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Bildrechte: Jonathan Schörnig

Jonas Hermes ist freiwilliger Helfer der Hilfsorganisation "HERMINE" aus Würzburg. Vor Weihnachten war er in ein bosnisches Flüchtlingslager gefahren. Jetzt ist er zurück und berichtet.

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Würzburger hilft Geflüchteten im bosnischen Bihac

Im Flüchtlingslager Lipa in Bosnien unterstützen das ganze Jahr über Freiwillige die Hilfsorganisationen vor Ort. Einer von ihnen ist aus Würzburg dorthin gefahren und hat über Weihnachten mit angepackt.

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Von
  • Carolin Hasenauer

Mit nackten Füßen stehen sie im Schnee. Temperaturen unter Null Grad. Wer eine Wolldecke hat, um sich darin einzuwickeln, kann sich glücklich schätzen. Winterjacken und dicke Pullover sind Mangelware. Schlafsäcke erst recht. Die Hilfsorganisationen vor Ort, vor allem SOS Bihac, haben alle Hände voll zu tun, um die rund 3.000 Geflüchteten zumindest mit dem Nötigsten zu versorgen. Einer von ihnen ist Jonas Hermes aus Würzburg.

Barfuß im Schnee

Beim Verteilen der Hilfsgüter und Spenden gab es Momente, die er nicht so schnell vergisst: "Irgendwann musste ich den Leuten sagen, dass sie heute keine Schlafsäcke mehr bekommen. Das war besonders schlimm bei denen, die in Badelatschen zitternd vor einem stehen – das war beschissen", sagt der 39-Jährige rückblickend. Eigentlich ist er Musiker und einer der Initiatoren der solidarischen Musikschule "Willkommen mit Musik" in Würzburg. Die Arbeit mit Geflüchteten ist ihm also nicht fremd.

© ARD/Daniel Dzyak
Bildrechte: ARD/Daniel Dzyak

Winterklamotten sind Mangelware. Viele haben nicht einmal richtige Schuhe.

Hilfsfahrt organisiert vom Würzburger Verein Hermine

Kurz vor Weihnachten 2020: Im Lager der Würzburger Hilfsorganisation Hermine e.V., für die Jonas nach Bihac fährt, beladen er und andere Freiwillige den Transporter. 400 Schlafsäcke und einiges an Winterklamotten sollen mit - aber es passt nicht alles rein. Für Jonas Hermes ein herber Schlag: "Da leben Menschen, die schlafen draußen bei Minusgraden, mit nahezu nichts. Warme Schlafsäcke sind gerade enorm wichtig.“ Die Jacken und Pullover müssen in Würzburg zurückgelassen werden.

Auf der Flucht und obdachlos

Am nächsten Morgen fährt er los. Knapp zwölf Stunden Fahrt liegen vor ihm. Ziel: Das Flüchtlingslager Lipa, 25 Kilometer außerhalb der Stadt Bihac in Bosnien. Eins von vielen Flüchtlingslagern an der Außengrenze der Europäischen Union - oder zumindest das, was davon übrig ist. Ein Feuer hat das Lager vollständig zerstört. Rund 1.200 Menschen sind damit nicht nur auf der Flucht, sondern jetzt auch obdachlos. Und das bei Temperaturen unter 0 Grad. Viele haben sich in die umliegenden Wälder zurückgezogen, versuchen hier in notdürftigen Unterständen, in Dünnen Zelten oder unter Planen, Schutz zu suchen. Eine humanitäre Katastrophe, sagen Hilfsorganisationen.

© ARD/Daniel Dzyak
Bildrechte: ARD/Daniel Dzyak

Nachdem das Lager Lipa abgebrannt war, haben sich die Menschen im angrenzenden Wald notdürftige Unterschlupfe gebaut.

Unterträgliches Leid - Emotionen schaltet er aus

Ganz in der Nähe schnürt Jonas im Lager der dortigen Hilfsorganisation Pakete mit je fünf Winterjacken, Pullovern und Decken. Eingewickelt in Folie lassen sie sich besser verteilen und bleiben trocken. Die Schlafsäcke aus Würzburg, sind schon verteilt – die wurden am dringendsten gebraucht. Das Leid der Menschen zu erleben, härtet den Würzburger aber nicht ab. Im Gegenteil: "Ich habe mich bewusst dafür entschieden, die Emotionen auszuschalten oder zumindest nur in einzelnen Momenten abends zuzulassen. Denn wenn ich die ganze Zeit darüber nachdenken würde, wäre ich nicht mehr handlungsfähig.“

Menschen trotz Leid offen und herzlich

Mitte Januar ist er zurück in Würzburg. Die Corona-Quarantäne als Reiserückkehrer nimmt er gelassen. Doch auch mit Abstand: Was Jonas in Bosnien erlebt hat, lässt ihn nicht los: "Was mich unfassbar fasziniert ist, wie Menschen mit Situationen klar kommen. Wie sie nach monatelanger, jahrelanger Qual anderen Leuten offen und herzlich entgegen treten können - das fasziniert mich." Großen Respekt hat er vor den Helferinnen und Helfern, die das ganze Jahr über die Menschen in Lipa mit Essen, Kleidung und Medizin versorgen.

Zurück im Alltag zu sein, ist für den Musiker nicht leicht. Lange wird er aber nicht in Würzburg bleiben. Denn die nächste Hilfsfahrt ist schon geplant.

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