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Nach der furchtbaren Bluttat in Würzburg beginnt die Aufarbeitung. Rettungskräfte, Ersthelfer und Augenzeugen müssen lernen, mit den Bildern im Kopf umzugehen. Wie das überhaupt gehen kann, erzählen Profis.

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Nach Messerattacke in Würzburg - Das Trauma bewältigen

Nach der furchtbaren Bluttat in Würzburg beginnt die Aufarbeitung. Rettungskräfte, Ersthelfer und Augenzeugen müssen lernen, mit den Bildern im Kopf umzugehen. Wie das überhaupt gehen kann, berichten Profis von Rettungsdienst und Krisennetzwerk.

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Von
  • Ansgar Nöth
  • Nico Hilebrand

Am Freitagnachmittag trägt ein 24-Jähriger brutale Gewalt mitten in die Innenstadt von Würzburg. Drei Frauen – nach den Ermittlungen Zufallsopfer - werden in einem Kaufhaus am Barbarossaplatz von ihm getötet. Auf weitere Menschen sticht der offensichtlich verwirrte Mann auf seiner Flucht ein, verletzt viele schwer, bevor er von einem gezielten Schuss ins Bein von Polizisten gestellt wird.

Erlebnisse, die die Seele verkraften muss

Menschen beim Shopping und Passanten werden zu Opfern dieser Tat. Andere sind Zeugen, werden als Beobachter unvermittelt mit schrecklichen Bildern konfrontiert. Auch die couragierten Helfer, die unter anderem versuchen, den Mann mit Stühlen zurückzudrängen, müssen ihre Erlebnisse verarbeiten.

Und schließlich sind da die professionellen Rettungskräfte, die an den Tatort des Amoklaufs in Würzburg eilen. Auch sie müssen lernen, mit dem umzugehen, was sie an diesem Freitagnachmittag in Würzburg erlebt haben.

"Wir reagieren wie jeder andere Mensch auch"

Der Einsatzleiter des Rettungsdienstes, Uwe Kinstle, war eine der ersten Kräfte vor Ort und berichtet: "Wir hatten das Einsatzstichwort 'Amok-Lage' und haben uns schon auf der Anfahrt im Auto damit befasst, was uns erwarten wird". Anders als Passanten, die zufällig in eine Extremsituation geraten, sei man also besser vorbereitet. Mit einer "Zeitverzögerung, sobald der Einsatz vorbei ist", reagieren aber auch Rettungskräfte "wie jeder andere Mensch auch", so Kinstle. Für die Rettungskräfte wurde daher zügig nach dem Einsatz ein Rückzugsort in der Malteser-Wache in Würzburg eingerichtet. Dort haben sich speziell geschulte Mitarbeiter der Psychosozialen Notfallversorgung bis tief in die Nacht um die beteiligten Retter gekümmert.

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Uwe Kinstle, Einsatzleiter des Rettungsdienstes im BR24Live-Interview

Belastungsreaktionen entwickeln sich erst in den folgenden Tagen

Passanten vor Ort, die zufällig in die Tat verwickelt waren oder diese beobachtet haben, wurden von Ulrich Wagenhäuser und seinem Team von der Notfallseelsorge betreut. Da die Betroffenen direkt im Anschluss an die Tat von der Polizei zu den Geschehnissen befragt wurden, spricht Wagenhäuser von einer besonders schwierigen Situation: "Da kommen die ganzen Bilder direkt wieder hoch". Für die Zeugen sei dieses "Hochkochen der Erlebnisse", besonders belastend.

"Bei der psychosozialen Nachversorgung gehe es dann vor allem darum da zu sein, zuzuhören und Kontaktmöglichkeiten für eine weitere Versorgung zu schaffen", Ulrich Wagenhäuser, Notfallseelsorger

Die Belastungsreaktion entwickle sich meist erst in den folgenden Tagen, "mal mehr, mal weniger stark", sagt Wagenhäuser.

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Notfallseelsorger Ulrich Wagenhäuser

Menschen haben Schuldgefühle weil sie nichts gegen den Täter unternommen haben

Ein kostenlose, unbürokratische Anlaufstelle bietet in einem solchen Fall das Beratungs-und Hilfeangebot der Krisendienste Bayern. Unter der kostenlosen Rufnummer 0800 / 655 3000 können hier alle Bürgerinnen und Bürger psychische Unterstützung erhalten. Die Leiterin Krisendienstes Unterfranken, Dr. Simona Kralik, berichtet im BR24Live-Interview, dass das couragierte Eingreifen von Passanten gegen den Täter bei anderen Betroffenen zu Schuldgefühlen geführt hat: "Es haben Menschen angerufen, die sich in Sicherheit gebracht haben und die im Nachhinein das Gefühl hatten, die Opfer im Stich gelassen zu haben".

Routinen und Alltag können helfen das Erlebte zu verarbeiten

Bürgern und Passanten die vor Ort waren und die Schwierigkeiten haben, das Erlebte zu verarbeiten, rät Kralik, zunächst das Stressniveau zu senken. "Ein sicherer Hafen können Freunde oder Familie sein", so die Psychiaterin, "weiter kann es sinnvoll sein an Routinen anzuknüpfen, denn diese geben Sicherheit und können ein Stückweit Normalität schaffen". Das Krisentelefon Bayern ist ab 1. Juli 2021 rund um die Uhr erreichbar und soll Bürgern in akuten psychischen Notlagen beratend zur Seite stehen. Falls nötig, wird innerhalb von einer Stunde ein mobiles Einsatzteam zu den Betroffenen geschickt. "Auch das war am Wochenende nötig", erzählt Kralik.

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Dr. Simona Kralik, Leiterin Krisendienstes Unterfranken,

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