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Wald von oben fotografiert

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World Earth Day: "Druck auf Regierungen ausüben"

In der Klimafrage drängt aus Sicht vieler Experten die Zeit. Der World Earth Day will auf das Problem aufmerksam machen. Aus diesem Anlass hat BR24 mit dem Bestsellerautor und CO2-Forscher Mike Berners-Lee über sein neues Buch gesprochen.

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Von
  • Katharina Pfadenhauer

Joe Biden hat heute zum Klimagipfel geladen, denn in der Klimafrage laufe die Zeit davon, warnen Experten. Mit dem Motto "Stellt unsere Erde wieder her" will der World Earth Day darauf aufmerksam machen. Die Botschaft: Wir müssen unseren Lebensstil anpassen und weniger CO2 verbrauchen. Doch wie? Der US-Bestsellerautor Mike Berners-Lee hat das untersucht – mit erstaunlichen Ergebnissen. BR24 hat mit ihm gesprochen.

Verkehrsstaus sind Klimakiller

Berners-Lee untersucht den sogenannten CO2-Fußabdruck. Das erfordert ein akribisches Vorgehen. Er erforscht, wie viel Kohlenstoffdioxid wir erzeugen, wenn wir uns eine Tasse Kaffee machen, eine E-Mail schreiben oder die Waschmaschine beladen. Nach seinem Bestseller "Es gibt keinen Planet B" hat er nun ein neues Buch geschrieben, mit dem Titel: "Wie schlimm ist eine Banane? Der CO2-Abdruck von allem".

Zum Beispiel hat er ausgerechnet, wie viel CO2 hinter einem Videoanrufen (skypen, zoomen oder teamsen) steckt: zwischen 0,03 Gramm bis 2 Gramm Kohlenstoffdioxid.

Der Wissenschaftler stellt klar: Im Vergleich zu einer Dienstreise kann der Videoanruf Tonnen von CO2 einsparen. Denn pro Kilometer Autofahrt entsteht im Schnitt ein Kilogramm Kohlenstoffdioxid. Bei einem Stau kann sich das verdreifachen. Europas Stau-Hauptstadt München kommt da schnell auf eine miese CO2-Bilanz.

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Bestsellerautor Mike Berners-Lee über CO2-Emissionen

Bitcoins lassen den Energieverbrauch explodieren

Am meisten überrascht bei seiner Recherche, sagt der britische Bestsellerautor und Professor im BR24-Interview, habe ihn das Bitcoin-Problem. Die globale Informations- und Telekommunikationstechnologie setze ohnehin schon viel CO2 frei. Fünf Prozent machen aber inzwischen allein die digitalen Münzen aus.

Seine Rechnung geht so: Vor zehn Jahren haben Kryptowährungen kaum eine Rolle gespielt. Im Jahr 2019 haben sie bereits 68 Millionen Tonnen Kohlenstoffdioxid hinterlassen. Der Grund: Für Bitcoin & Co. müssen riesige Server-Farmen aufgebaut würden und Tag und Nacht laufen. "Eine der unsinnigsten Arten des Energieverbrauchs", findet Berners-Lee.

Mobilität und Ernährung sind entscheidend

Auf unseren CO2-Fußabdruck zahlen folgende Hauptfaktoren ein: Ernährung, Reisen, Wohnen und Konsumverhalten. "Jedes Mal, wenn Sie Geld ausgeben, zahlen Sie auch mit Kohlenstoffdioxid", bilanziert der britische Wissenschaftler und Bestsellerautor.

Die größten CO2-Sünden sind wenig überraschend. Es sind Verkehr und Essen. „Auto- und Flugreisen spielen eine große Rolle“, betont Berners-Lee. Bei der Ernährung setzt nach seiner Ansicht vor allem der Fleischkonsum der Umwelt zu. Einen kompletten Verzicht predigt er aber nicht: "Wir müssen nicht gleich Vegetarier oder Veganer sein, aber wir sollten wirklich unseren Fleischkonsum reduzieren."

Er sieht vor allem die Industriestaaten in der Pflicht: Ein US-Amerikaner beispielsweise habe im Vergleich zu einem Nigerianer einen doppelt so großen CO2-Fußabdruck, weil "reichere Menschen im Durchschnitt öfter reisen, sich größere Häuser leisten, mehr Fleisch essen und viele Dinge kaufen können."

Keine Klimasünden beim regionalen Spargel?

Zum Abendessen 250 Gramm Spargel ergeben nach Berners-Lees Rechnung 0,27 Kilogramm Kohlenstoffdioxid – sofern der Spargel regional ist. Der CO2-Ausstoß verringert sich nämlich erheblich, wenn wir regionale Obst- und Gemüsesorten kaufen, die keine langen Flug- oder Schiffswege zurücklegen mussten.

Das heißt: In Bayern beispielsweise zum Schrobenhausener Spargel greifen - den dürfe man durchaus genießen, findet Berners-Lee. Wenn wir allerdings zu dem Spargel eine Flasche Wein trinken, blasen wir weitere 1,3 Kilogramm Treibhausgase in die Luft.

Interessant ist, dass die Flasche meist einen größeren Öko-Fußabdruck hat als der Rebensaft. Berners-Lee rechnet vor: Für drei Flaschen Wein pro Woche könnte man beispielsweise auch 620 Kilometer mit dem Auto fahren und den Wein quasi direkt aus Italien holen. Auch wenn Weinkenner das nicht gerne hören: Aus streng ökologischer Perspektive könnte es am Ende sogar besser sein, Weinkartons zu kaufen und das Getränk dann in Karaffen abzufüllen.

Wie viel CO2 steckt eigentlich in einer Maß Bier?

Welche ökologischen Folgen hat eine Maß Bier? Durchschnittlich sieben Millionen Liter Bier trinken die Menschen auf dem Münchner Oktoberfest. Berners-Lee findet das gar nicht so tragisch, zumindest mit Blick auf das Erdklima.

Wichtig sei, dass das Bier regional gebraut werde. Dazu kommt ein zweiter Punkt: „Insbesondere, wenn das Bier aus einem wiederverwertbaren Fass kommt und nicht aus einer Dose oder Flasche“, sagt Berners-Lee.

Pragmatische Lösungen sind gefragt – Tipps für den Alltag

Aber was kann jeder Einzelne tun? "Wir müssen nicht gleich alle perfekt sein", relativiert Berners-Lee, "wir sollten nur versuchen, etwas zu verbessern." Wichtig sei, so schnell wie möglich die richtigen Bedingungen für Veränderungen zu schaffen. Das können wir laut Berners-Lee auf verschiedenen Wegen erreichen.

Wichtig sind zunächst Politik und Wirtschaft: Welche Parteien wir wählen, wie wir mit Politikern reden oder mit Wirtschaftsvertretern. Aber auch die Art und Weise, wie wir in unserem privaten Umfeld über Klima sprechen, würde Veränderungen herbeiführen. "Das Wichtigste ist: Wir müssen den Druck auf die Regierungen erhöhen". In Großbritannien funktioniert das so: "Schreiben Sie ihrem Abgeordneten eine E-Mail!"

Berners-Lee hat auch praktische Tipps für den Alltag: Nachhaltige Marken und Produkte finden. Löchrige Kleidung oder Technik reparieren. Möbel, Textilien und andere Gebrauchsgegenstände Second-Hand kaufen. Gebrauchte Dinge nicht wegwerfen, sondern wieder verkaufen.

World Earth Day: "Stellt unsere Erde wieder her"

Der World Earth Day wurde eingeführt, um das Konsumverhalten zu überdenken und die Wertschätzung für die Natur zu fördern. Jedes Jahr steht dieser Tag unter einem anderen Motto. In diesem Jahr lautet es: "Restore our earth" – "Stellt unsere Erde wieder her".

Auch viele Unternehmen und Organisationen beteiligen sich an diesem Tag mit Aktionen. Wer sich rechtzeitig angemeldet hat, für den hat es die NASA beispielsweise in diesem Jahr möglich gemacht, mit den Besatzungsmitgliedern der Raumstation ISS direkt zu diskutieren oder einen kleinen Plausch zu führen.

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