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Wohnungsnot in Bayern: Warum Mutter und Kind im Container leben | BR24

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Für die meisten ist es ganz einfach: Entweder man zahlt Miete und hat eine Wohnung, oder man ist obdachlos. Doch es gibt ganz viel dazwischen. Das heißt, dass man etwa im Heim oder bei Freunden unterkommen muss, oder man lebt gar in einem Container.

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Wohnungsnot in Bayern: Warum Mutter und Kind im Container leben

Die Lage scheint recht einfach: Entweder man zahlt Miete und hat eine Wohnung, oder man ist obdachlos. Doch es gibt viel dazwischen. 680.000 Menschen in Deutschland gelten als wohnungslos. Ein Beispiel aus der Region Augsburg und seine Auswirkungen.

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Ulrike Werner-Wolf öffnet die Metalltür ihres Wohncontainers. Auf 36 Quadratmetern lebt sie mit ihrem siebenjährigen Sohn. Sie teilen sich ein Doppelbett, das direkt neben einer kleinen Küchenzeile steht, auf der sie Spiegeleier brät. Für ausgefallenere Gerichte fehlt der Platz. Die drückende Enge verstärkt sich durch die Boxen, Kisten und Koffer, die sich überall in dem Container stapeln. Ulrike Werner-Wolf hat aus ihrer alten Wohnung alles mitgenommen. Diese war etwa dreimal so groß wie die Notunterkunft, in der sie jetzt leben.

Scheidung, Jobverlust und Mietschulden

Sie verlor ihren Job und wurde geschieden. Als dann Mietschulden dazu kamen, wurde sie mit ihrem Sohn vom Vermieter auf die Straße gesetzt. Nun lebt sie im Container, aus dem sie jedoch so schnell es geht raus will. Es sei kalt und zugig. Ihr Sohn, der Asthmatiker ist, leide unter der Wohnsituation.

Zuständig für Mutter und Sohn wurde quasi über Nacht Emersackers Bürgermeister Michael Müller. Die Kommune muss bei drohender Obdachlosigkeit aktiv werden, so das Gesetz. Er fragte beim Landkreis wegen einer Sozialwohnung an. Doch alles ist belegt. Es gibt eine Warteliste.

Ein bayernweites Problem: Seit 2009 ist die Zahl der Sozialwohnungen um mehr als 30.000 gesunken. Von gut 167.000 auf nunmehr knapp 137.000. Der Grund: Die Zahl der Wohnungen, die aus der Sozialbindung fallen, können durch Neubauten bei weitem nicht ersetzt werden.

So wenig verfügbare Wohnungen wie "nie zuvor"

Das Bauministerium verweist darauf, dass viele der geförderten Mietwohnungen auch nach dem Auslaufen der Sozialbindung als preisgünstige Altbauwohnungen zur Verfügung stehen. Auch weil die Kirche in die Bresche springe. Dennoch könne der Bedarf bei Weitem nicht gedeckt werden, sagt Knut Bliesener von der Wohnungslosenhilfe Augsburg. Er könne sich nicht daran erinnern, dass jemals so viele Menschen eine Wohnung gesucht hätten wie derzeit.

Das treffe nicht mehr nur Menschen, die wegen Suchtproblemen oder Arbeitslosigkeit aus dem System fallen, so Bliesener. Inzwischen kommen auch Bürger zu ihm in die Sprechstunde, die etwa wegen einer Eigenbedarf-Kündigung ihre Wohnung verloren haben. Und es gebe eine große "versteckte Obdachlosigkeit". Was Bliesener meint, sind jene, die bei Freunden unterkommen, in Heimen leben – oder eben im Wohncontainer, wie Ulrike Werner-Wolf. Ihre Notunterkunft hat Bürgermeister Müller organisiert, das Jobcenter bezahlt.

Langjährig Betroffene verharren oftmals in Opferrolle

Sozialer Wohnungsbau allein, sagt Müller, werde die Probleme aber nicht lösen. Denn jeder Fall sei individuell. Angebotene Hilfe, darunter auch Jobangebote, habe Ulrike Werner-Wolf abgelehnt. Sie beharre auf Hilfe zu ihren Bedingungen. So sei die Zusammenarbeit schwierig. Kein Einzelfall, sagt Knut Bliesener von der Wohnungslosenhilfe. Wer über Jahre quasi ums Überleben kämpfe, verharre irgendwann in der Opferrolle. Auch, um das eigene Schicksal überhaupt ertragen zu können.