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Corona hat das Leben von sozial benachteiligten Menschen noch schwieriger gemacht. Obdachlose schlafen trotz Minusgraden unter der Brücke - auch aus Angst vor einer Infektion.

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Wohnungslos im Winter: Wie Corona die Lage verschärft

Corona hat das Leben von sozial benachteiligten Menschen noch schwieriger gemacht. Obdachlose schlafen trotz Minusgraden unter der Brücke - auch aus Angst vor einer Infektion. Hilfen für Bedürftige gibt es, aber nicht alle werden angenommen.

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Von
  • Anja Wahnschaffe
  • Carola Brand

12 Uhr Mittag, München Hauptbahnhof. Vor dem roten Foodtruck der Caritas warten rund 30 Menschen, jung wie alt, auf eine warme, kostenlose Mahlzeit und einen heißen Tee oder Kaffee.

Das Thermometer zeigt minus acht Grad an. Viele, die hier anstehen, sind obdachlos. Nahe dem Foodtruck, im Bahnhofsgebäude, wurde eine leerstehende Ladenfläche zum Speiseraum umfunktioniert. "Aber ein Großteil nimmt das gar nicht an", erzählt Projektleiterin Marlies Brunner. Sie vermutet, den Menschen ist es zu eng, da essen sie ihre Suppe lieber unterwegs.

Dazu kommt: Wer sich niederlässt, muss seine Kontaktdaten hinterlegen – das gehört zu den Infektionsschutzmaßnahmen. Doch die möchten viele hier nicht preisgeben, weiß Brunner, denn viele Obdachlose vertrauten dem Staat nicht.

Angebote in der Bayernkaserne

Das evangelische Hilfswerk München zum Beispiel, bietet Obdachlosen jetzt auch tagsüber – befristet bis Ende März – Aufenthaltsmöglichkeiten in der ehemaligen Bayernkaserne an. Außerdem gibt es einen Wärmebus, erzählt Gordon Bürk vom evangelischen Hilfswerk.

Dieser Wärmebus fährt durch München und versucht, wohnungslose Menschen auf der Straße zu erreichen - und zum Teil zu motivieren den Übernachtungsschutz wahrzunehmen.

Ovidio schläft lieber im Freien als im Mehrbettzimmer

Die Mehrbettzimmer im Übernachtungsschutz werden zwar nur noch mit fünf bis sechs statt mit bis zu 12 Männern belegt. Doch einige Menschen nutzen das Angebot offenbar nicht, aus Angst sich dort anzustecken.

So geht es auch Ovidio. Der gebürtige Rumäne schläft lieber unter einer Unterführung als in der Bayernkaserne zu übernachten. "Diese Toilette sieht manchmal schlimmer aus als ein Schweinestall", erzählt er. Er sagt, er wolle sich vor einer Ansteckung durch Abstandhalten schützen.

Die Ansteckungsgefahr, die Zustände in der Gemeinschaftsunterkunft – Marlies Brunner von der Münchner Caritas kennt die Ängste der Obdachlosen: "Es sind auch einige, die dann wirklich sagen, dass sie krank werden, also von der Psyche her. Dass sie es nicht aushalten in der Bayernkaserne. Deswegen schlafen viele lieber unter der Brücke oder in Baustellen – bei dem Wetter!"

Wahrscheinlich mehr Wohnungslose durch Corona-Krise

Kurzarbeit, Jobverlust, weniger Neben- und Minijobs – viele Menschen müssen derzeit mit weniger Geld auskommen. Seit Mitte März sind in Bayern knapp 300.000 Menschen arbeitslos geworden. Vieles deutet darauf hin, dass die Zahl der Wohnungslosen steigen könnte.

Die sozialpolitische Sprecherin der Landtags-Grünen Kerstin Celina befürchtet, dass es Frauen besonders hart treffen könnte – zum Beispiel durch Trennungen: "Wer dann keinen festen Arbeitsplatz und kein regelmäßiges Einkommen hat, dass ist derjenige der akut gefährdet ist, wohnungslos und obdachlos zu werden."

Celina kritisiert: In den vergangenen Jahren sei viel zu wenig getan worden, um eine funktionierende Mietpreisbremse zu etablieren und den sozialen Wohnungsbau zu fördern. Sie fordert mehr staatliche Hilfe in diesem Bereich.

Staatsregierung verspricht Unterstützung der Kommunen

Jörn Scheuermann, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe München und Oberbayern befürchtet zudem, dass es über kurz oder lang überall finanziell enger wird. Eine der Haupteinnahmequellen der Kommunen, die Gewerbesteuer, falle wegen der Corona-Krise geringer aus.

Dabei sind es die Kommunen, die sich um Wohnungslose kümmern müssten. Scheuermann hofft, dass "alle Ebenen zusammenarbeiten", damit die drohenden Defizite in den kommunalen Haushalten nicht zu Lasten der Bedürftigen gehen.

Das bayerische Sozialministerium betont auf Anfrage des BRs, mit den umfangreichen Unterstützungsmaßnahmen der Regierung könnten die bayerischen Kommunen auch weiterhin ihre vielfältigen Aufgaben, zum Beispiel im Bereich der Wohnungs- und Obdachlosenhilfe, erfüllen.

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