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Wohnen auf der Baustelle: Mieter kämpfen gegen Eigentümer | BR24

© BR/Susanne Hagenmaier

Ein Anwesen verfällt langsam und ähnelt einer Baustelle. Die verbliebenen Mieter wehren sich gegen den Hauseigentümer.

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    Wohnen auf der Baustelle: Mieter kämpfen gegen Eigentümer

    Tilman Schaichs Anwesen verfällt langsam und ähnelt einer Baustelle. Zusammen mit den verbliebenen Nachbarn wehrt er sich gegen den Hauseigentümer. Der hat den Mietern schon einiges zugemutet – und ein Ende ist nicht in Sicht.

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    Eigentlich hat Tilman Schaich ein wunderschönes Zuhause. Er wohnt im Rückgebäude eines Hauses in der Thalkirchener Straße in München, direkt am Alten Südfriedhof. Das Haus atmet das Flair der Jahrhundertwende: Die Sonne scheint durch ein Glasdach auf das schmiedeeiserne Treppengeländer, in jedem Stockwerk hängen verzierte Waschbecken zwischen den Wohnungstüren. Doch die Glasscheiben sind fast blind, vom Geländer hängt Abdeckvlies in Fetzen, Modergeruch zieht durchs Treppenhaus und es ist ruhig – für Tilman Schaich zu ruhig. Im Vorderhaus sieht es sogar noch schlimmer aus.

    Viele Wohnungen stehen leer

    Im Rückgebäude sind noch acht von den zwölf Wohnungen bewohnt. Die Türen zu den leeren Wohnungen stehen offen oder werden notdürftig mit Schnüren im Türstock gehalten. Im Vorderhaus ist – abgesehen vom Kindergarten im Erdgeschoss – nur noch eine einzige Wohnung vermietet. Auch hier stehen die Wohnungstüren offen. In den Räumen sieht es aus wie auf einer Baustelle. Aber hier baut niemand.

    Es drohen Kündigungen und Mieterhöhungen

    „Zum Jahreswechsel 2016/2017 wurde das Haus zum ersten Mal verkauft“, erzählt Tilman Schaich. Der neue Besitzer kündigte zuerst den Künstlern ihre Ateliers, da gewerbliche Mietverhältnisse leichter aufzulösen sind als private. Die Mieter bekamen eine Modernisierungsankündigung – danach sollten die Mieten drastisch steigen. Für Tilman Schaich hätte das bedeutet, „dass ich nach dem Umbau etwa 820 Euro mehr Miete hätte zahlen müssen – das ist mehr als doppelt so viel wie zuvor.“ Er hätte seine unrenovierte Wohnung auch kaufen können: laut telefonischer Auskunft für 13.500 Euro pro Quadratmeter.

    Baustelle im Hof: dilettantisch und gefährlich

    Viele Mieter zogen in der Folge aus, das Haus leerte sich. 2017 wurde das Haus gleich noch einmal verkauft und der neue Besitzer, die Remberg Bauträger GmbH, begann 2018 mit den Modernisierungsarbeiten. Um gegen die Feuchtigkeit in den Kellern etwas zu unternehmen, rissen sie den Hinterhof auf – und versperrten mit dem Schutt den Mietern den Zugang zum Hinterhaus. Doch die wehrten sich.

    Erst wird kurz gebaut, dann kommt lange nichts

    Als Bauarbeiter im Vorderhaus Holzfußböden und Türstöcke herausrissen, machten die Mieter Fotos und informierten das Denkmalamt. Seit Frühjahr 2019 wird in dem Haus in der Thalkirchener Straße nicht mehr gebaut. Es wird aber auch sonst nichts gemacht am Haus. Selbst dringend notwendige Reparaturen passieren nicht oder erst nach monatelangem Nachhaken.

    Wasser auf dem Boden, Junkies im Keller

    Im Frühjahr 2018 war nach Bauarbeiten im Hinterhaus-Keller der Abfluss des Kellervorplatzes verstopft. Nach jedem Regen stand dort das Wasser – bis ein Nachbar den Abfluss eigenhändig reparierte. Im August 2018 ging das Haustürschloss kaputt und wurde ein Dreivierteljahr nicht repariert. Die Mieter hatten immer wieder ungebetene Gäste im Keller. Eines Nachts kamen Junkies und ließen ihre benutzten Spritzen liegen.

    Der Eigentümer ist nicht greifbar

    Was die Remberg Bauträger GmbH mit dem Haus in der Thalkirchener Straße vorhat, erfahren die Mieterinnen und Mieter nicht. Auch auf Anfragen des BR reagierte die Firma nicht. Ein Treffen, das Tilman Schaich und seine Nachbarn arrangieren wollten, kam nicht zustande, weil die Verantwortlichen nicht über Skype oder Zoom konferieren wollten und die Mieter sich nicht mit einem Telefonat zufriedengeben wollten. Unter der Hand, sagt Tilman Schaich, habe er erfahren, dass der Eigentümer im November 2019 bei der Stadt einen Antrag auf Sanierung des Vordergebäudes gestellt habe. Die angeforderten Unterlagen zum Denkmalschutz habe er aber nie eingereicht. Tilman Schaich sagt: „Ich glaube, dass der Eigentümer entweder Geldprobleme hat – oder spekulieren will.“

    Mieter werden zu Aktivisten

    Tilman Schaich wird sich weiter wehren und um sein Zuhause kämpfen. Er hat den „Münchner Mieter*innenstammtisch“ gegründet, um sich mit Menschen, denen es ähnlich geht wie ihm, zu vernetzen. Denn aus seiner Wohnung ausziehen will er trotz all der Widrigkeiten nicht.

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