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Wohin mit all den Pflegekindern? | BR24

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Pflegekinder und Pflegeeltern.

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    Wohin mit all den Pflegekindern?

    Für die Jugendämter wird es immer schwerer, geeignete Pflegefamilien für Kinder zu finden. Sie können oft aus verschiedenen Gründen nicht bei ihren leiblichen Eltern leben. Von den Pflegeeltern wird deshalb viel Verständnis gefordert.

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    Sie kommen immer dann zum Einsatz, wenn Kinder nicht mehr bei ihren leiblichen Eltern leben können oder wollen: Pflegeeltern. Sie bieten den Kindern ein neues Zuhause, Geborgenheit und die Zuneigung, die sie von ihren leiblichen Eltern oft nicht bekommen haben. Doch für die Jugendämter wird es immer schwieriger solche Familien zu finden, die bereit sind, Pflegekinder bei sich aufzunehmen.

    Die Zahl der Pflegekinder steigt

    Dabei steigt die Zahl der Pflegekinder, die genau das bräuchten, seit Jahren immer weiter. Auf Anfrage teilt das Bundesfamilienministerium mit: 75.318 Kindern lebten 2018 in Vollzeitpflege. Das bedeutet eine Steigerung um 20 Prozent in den letzten zehn Jahren. Auffällig dabei: Ein Großteil dieser Kinder kommt aus armen Familien, die oft Hartz IV empfangen. Ein Grund für den Anstieg ist das 2008 in Kraft getretene "Gesetz zur Erleichterung familiengerichtlicher Maßnahmen bei Gefährdung des Kindeswohls". Auslöser für das Gesetz waren Fälle, in denen Kinder verstorben waren, weil die Eltern sie vernachlässigt hatten. Der öffentliche Vorwurf lautete: Die Jugendämter hätten die Kinder rechtzeitig aus den Familien nehmen sollen. Seither herrsche in den Jugendämtern eine höhere Sensibilität, erzählt Wolfgang Braun vom Jugendamt Schongau.

    "Ja, da hat sich was verändert. Man hat auch vom Juristischen her den Blick mehr auf das Wohlbefinden des Kindes gelenkt. Und jedes Kind hat seine Rechte. Und dieses Recht des Kindes auf Familie, auf Struktur, auf Bindung, auf Fürsorge, auf Erziehung, dieses Recht wird immer mehr in den Vordergrund gerückt, so dass wir dann immer überlegen müssen, ist das Kindeswohl derart gefährdet, dass wir sofort eingreifen müssen?" Wolfgang Braun, Jugendamt Schongau

    Aus Sorge, einen folgenreichen Fehler zu machen, nimmt man im Zweifel ein Kind lieber in Obhut, als es in der Familie zu belassen. Alleine in Bayern leben laut Zentrum Bayern Familie und Soziales derzeit mehr als 10.000 Kinder in Vollzeitpflege. Tendenz auch hier steigend.

    Es wird immer schwieriger Pflegefamilien zu finden

    Gleichzeitig gibt es immer weniger Menschen die bereit sind, Pflegeeltern zu werden, so die Behörde, die dem Bayerischen Familienministerium unterstellt ist: "Die Gewinnung von Pflegeeltern ist generell ein 'Dauerposten', um auf die gestiegenen Fallzahlen entsprechend adäquat reagieren zu können. Personen, die bereit sind, ein (anderes) Kind in ihrer Familie zeitlich befristet oder auf Dauer zu erziehen, zeigen ein hohes soziales und gesellschaftliches Engagement.

    Aufgrund der komplexen Problemlagen der Pflegekinder, aber sicher auch der geringen finanziellen und gesellschaftlichen Anerkennung, sind Bewerbungen um Pflegekinder eher rückläufig und die Ansprüche jener, die sich noch als Pflegeeltern finden lassen, sind höher geworden. Es wird deutlich, dass die Leistungen, die Pflegeeltern erbringen, ein knappes Gut sind, das nicht einfach unbegrenzt zur Verfügung steht."

    Jugendamt sucht "händeringend" nach potenziellen Pflegeeltern

    Statistisch erfasst wird die Zahl der Pflegeeltern nicht. Insbesondere für entwicklungsbeeinträchtigte und betreuungsintensive Kinder und Jugendliche melden sich nur wenige geeignete Pflegefamilien.

    Pflegekinder sind deutlich häufiger traumatisiert als andere Kinder, haben Gewalterfahrungen gemacht und sind verhaltensauffällig oder leiden an einer psychischen Störung. Davor schrecken viele potenzielle Pflegeeltern zurück. Hinzu kommt die finanzielle Belastung: man braucht vielleicht eine größere Wohnung, oder gar ein ganzes Haus. Dem gegenüber steht eine maximale Pflegepauschale von 1.010 Euro pro Monat und Kind. Zum Vergleich: ein Heimplatz kostet den Staat oft das zehnfache.

    Die Jugendämter stehen immer häufiger vor der Frage: wohin mit all den Pflegekindern?

    "Im Moment würde ich sagen, könnten wir noch ein paar Bewerbungszahlen gebrauchen, auf jeden Fall. Und wir würden uns freuen, wenn sich Leute bewerben könnten, weil wir merken, dass in der Tat die Anfrage zunimmt. Wir suchen händeringend nach geeigneten Pflegestellen, denn aus der Sicht des Pflegekindes ist es immer ein Vorteil, wenn die einfach mal Familie erleben dürfen. Das heißt eine Alltagsstruktur vorfinden, Ansprechpartner, wer steht mir Tag und Nacht zur Verfügung, wer ordnet mir den Tag? Und das findet sich eher in einer Vollzeitpflegestelle, weil dann Familie gelebt werden kann." Wolfgang Braun, Jugendamt Schongau

    Seit 40 Jahren Pflegeeltern

    Ein Paradebeispiel für Pflegeeltern sind Ruth und Erich Triesberger. Die beiden sind mittlerweile 70 Jahre alt, leben im oberbayerischen Peißenberg und nehmen seit mehr als 40 Jahren Pflegekinder bei sich auf. Mehr als 30 haben sie seither großgezogen. Aktuell leben Josef (4), Dustin (14), Dominik (17) und Daniel (30) bei den Triesbergers. Alle vier wurden in ihrer ihrer Kindheit traumatisiert zum Teil schwer misshandelt. Zwei der vier sind autistisch. Und trotzdem würden die Triesbergers auch anderen Eltern raten, Pflegekinder bei sich aufzunehmen. "Die Kinder machen ja nicht nur Arbeit, die machen ja mehr Freude eigentlich. Es ist natürlich manchmal ganz schön anstrengend, aber das ist mir egal. Ich bin das einfach gewohnt. Ich vermiss nichts in meinem Leben. Das ist das Leben, das ich mir so wünsche und ich kann es nur weiterempfehlen ein Kind aufzunehmen, weil es profitieren beide davon."

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