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Wölfe leichter abschießen: Was bedeuten die neuen Regeln?

Pünktlich zum Beginn der Weidesaison hat das bayerische Kabinett Erleichterungen beim Abschuss von Wölfen beschlossen. Lob kommt vom Bauernverband, Kritik von Naturschutzverbänden. Was bringen die neuen Regeln für Landwirtschaft und Artenschutz?

Über dieses Thema berichtet: BR24 am .

Auch in der Vergangenheit war es möglich, Wölfe in Bayern zu entnehmen. Unter bestimmten Voraussetzungen: Wenn ein Wolf keine Scheu vor dem Menschen gezeigt oder mehrmals Herdenschutzmaßnahmen überwunden hat. Die Zuständigkeit für die Abschussgenehmigung erteilte bisher die höhere Naturschutzbehörde, also die Bezirksregierung. Nun hat das bayerische Kabinett eine Verordnung beschlossen, die den Abschuss von Wölfen in Bayern erleichtert.

Landratsämter entscheiden künftig über Abschuss von Wölfen

Mit den neuen Vorgaben sind die jeweiligen Landratsämter in der Verantwortung. Die können nun eine Genehmigung erteilen, bereits bevor eine DNA-Analyse vorliegt. Das heißt, es können ein oder mehrere Wölfe geschossen werden, nachdem ein Nutztier gerissen wurde.

Stefan Köhler, der Umweltpräsident des Bayerischen Bauernverbands, begrüßt die neue Verordnung grundsätzlich und fordert. "Jetzt muss geklärt werden, wer die Ausführenden sind. Sind es die Jäger, die Revierinhaber?" Hier brauche es schnelle und pragmatische Regelungen.

Zweifel an der Rechtssicherheit

Künftig gilt: "Ein Riss reicht." So hat es Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) formuliert. Es muss dabei aber nicht der eine Wolf ermittelt werden, der ein Schaf gerissen hat, sondern man darf Wölfe generell in der Region entnehmen. Der Wolfsbeauftragte Willi Reinbold vom Landesbund für Vogel- und Naturschutz hält die neue bayerische Regelung nicht für sinnvoll. "Ein Problemwolf muss unbedingt geschossen werden, aber nicht irgendein x-beliebiger."

Auch der Bund Naturschutz in Bayern kritisiert die neue Regelung. "Das ist nichts anderes, als den Landratsämtern einen Freischein auszustellen, den gesamten bayerischen Alpenraum wolfsfrei zu schießen", so der BN-Artenschutzreferent Uwe Friedel. Der Wolf hat nach dem Bundesnaturschutzgesetz den höchsten Schutzstatus, auch auf EU-Ebene gehört der Wolf zu den streng geschützten Arten.

Bund Naturschutz erwägt Klage

Die neu in Bayern beschlossenen Regelungen brechen mit der Naturschutzgesetzgebung, warnt der BN-Wolfsexperte Uwe Friedel. "Deswegen wird der Bund Naturschutz den Klageweg prüfen."

Dass die erleichterten Abschussregelungen mit der EU-Naturschutzgesetzgebung unvereinbar sind, sieht auch der international renommierte Wolfsforscher Professor Kurt Kotrschal von der Uni Wien so. "Der geschossene Wolf muss individuell identifiziert sein. Wenn sich Landesregierungen wie in Tirol, Kärnten und jetzt auch in Bayern darüber hinwegsetzen, dann wird es irgendwann einmal ein Vertragsverletzungsverfahren von der EU geben", so der Verhaltensforscher. Der BBV-Umweltpräsident Stefan Köhler fordert: "Die neue bayerische Wolfsverordnung muss juristisch festgezurrt sein und darf nicht in einer Woche wieder von diversen Organisationen angeklagt und am Schluss einkassiert werden." Es brauche ein stabiles juristisches Gerüst, so Köhler weiter.

23 Wölfe in Bayern: Günstiger Erhaltungszustand?

Ministerpräsident Markus Söder (CSU) begründet die neue Wolfs-Verordnung: "Der sogenannte Erhaltungszustand ist sehr, sehr gut. Eine Entnahme muss deswegen möglich sein." Das Landesamt für Umwelt zählt im aktuellen Monitoringjahr 23 standorttreue Wölfe in Bayern. Daneben ziehen immer wieder einzelne Wölfe durch.

"Wir in Europa sind verpflichtet, den Wolf in einem günstigen Erhaltungszustand zu haben. Das gilt auch für Bayern," betont Kurt Kotrschal im Gespräch mit BR24. Dazu gehörten auf jeden Fall mehr Wölfe als derzeit vorhanden. Sich darüber hinweg zu setzen, sei nicht möglich.

Lösen die neuen Regeln die Konflikte?

Aber Wissenschaftler Kotrschal, genauso wie die Wolfsexperten der bayerischen Naturschutzverbände bringen noch ein anderes Argument gegen die neue Abschuss-Erleichterung. Sie löse das Problem nicht. Wolfspopulationen nehmen in Europa eher zu, Jungwölfe würden weiterhin einwandern. "Für jeden abgeschossenen Wolf kommen zwei neue nach," so die Wolfs-Experten.

Uwe Friedel folgert: "Durch die Verordnung werden Tierhalter weiter in dem falschen Glauben gelassen, dass Abschüsse Maßnahmen zum Herdenschutz ersetzen."

Herdenschutz für Nebeneinander von Wolf und Weidehaltung

Herdenschutz bedeutet: Entsprechend hohe Zäune, die mindestens 4.000 Volt Stromspannung aufweisen. In Bayern werden die bis zu 100 Prozent vom Staat gefördert. Allerdings nur in bestimmten Förderkulissen, dort wo es bereits standorttreue Wölfe gibt. Willi Reinbold, Wolfsbeauftragter des LBV für Bayern berät Nutztierhalter dazu und wird immer wieder zu Rissereignissen hinzugezogen. "Mir ist in Bayern kein einziger Fall bekannt, wo der Grundschutz, sprich Elektrozaun oder Untergrabschutz von einem Wolf überwunden worden ist. Alle mir bekannten Nutztierrisse sind an nicht wolfsabweisend gezäunten Weidetieren erfolgt."

Tote Weidetiere könnte es weiterhin geben

Herden zu schützen, sei Aufgabe von Tierhaltern, sagt Kurt Kotrschal. Das sei im Flachland mit überschaubarem Aufwand umzusetzen. Aber: "Sind Schafe nicht durch einen Elektrozaun geschützt, dann kann man darauf warten, bis die nächsten toten Tiere daliegen, daran ändert der Abschuss überhaupt nichts", so Kotrschal und führt weiter aus: "Haben Wölfe gelernt, Weidetiere zu meiden, geben sie das an ihre Nachkommen weiter."

Die Anwesenheit von Wölfen könne sich aber insgesamt sogar positiv auswirken. Das sehe man zum Beispiel in den Teilen Deutschlands, wo es schon länger Wölfe gibt. Wölfe vermehren sich in ganz Europa und breiten sich dementsprechend aus. Kotrschal: "Aber im Osten Deutschlands steigt die Wolfsdichte nicht weiter an, weil Wölfe eine dichteabhängige Regulation haben. Das heißt, Wolfsrudel halten ihren Bereich sauber von zuwandernden Wölfen und halten einander auf Distanz." Das sei ein Mechanismus, der gut funktioniere.

Rudel verhindern, dass einzelne durchziehende Wölfe Nutztiere reißen

Lasse man allerdings nicht zu, dass sich Rudel, also Familienverbände bilden, "dann hat man eigentlich laufend Schwierigkeiten", so Kotrschal. Denn aus den starken Wolfspopulationen, wie etwa dem Norden Deutschlands mit ungefähr 2.500 Wölfen, aber auch aus Frankreich mit 1.000 Wölfen, aus Italien mit 3.000, wanderten ständig Jungtiere zu. "Das sind vor allem jene Wölfe, die sich an Weidetieren vergreifen, wenn es leicht geht. Und es geht in Ländern wie Österreich und Bayern offenbar relativ leicht, weil man immer noch zu wenig auf Herdenschutz setzt."

Erfahrungen aus Frankreich: Zehn Prozent der Wölfe abgeschossen

In Frankreich schieße man zehn Prozent der Wolfspopulation, etwa 100 Tiere im Jahr ab, erklärt Wolfsforscher Kurt Kotrschal. Das sei mit der EU vereinbart worden. Aber auch dieses Beispiel zeige: "Einfach in Wolfspopulationen reinzuschießen, vermindert die Schäden an den Weidetieren nicht."

Passiert sei nämlich folgendes: "Die Zahl der gerissenen Weidetiere ging nicht zurück." Wolfsforscher Kotrschal von der Uni Wien führt dafür mehrere Gründe an: Wird abgeschossen, würden Weidetierhalter den Schutz ihrer Herden vernachlässigen. Aber auch, weil man so beschossene Populationen in ihrem Sozialverhalten störe, und "sie dann eher dazu neigen, Weidetiere zu nehmen," erklärt Kotrschal.

Herdenschutz im alpinen Gelände: Andere Länder zeigen Lösungen

Naturschutzvertreter und Wissenschaftler räumen aber auch ein: Im alpinen Gelände sei der Herdenschutz sehr viel aufwendiger als in der Ebene. Aber auch hier gäbe es Lösungen, ein Nebeneinander von Wolf und Weidetieren zu ermöglichen. Einzelne Pilotprojekte, zum Beispiel am Stilfser Joch zeigen, wie das umgesetzt werden kann, erzählt Kurt Kotrschal. Dafür müssten große Herden von 600 bis 1.000 Tieren gebildet werden. "Die behirtet man dann mit zwei Leuten und hat sechs bis acht Herdenschutzhunde dabei. Das klingt einfach. Aber diese Kulturtechnik wieder zu erlernen und damit wieder zu arbeiten, ist ziemlich komplex", so Wolfsforscher Kotrschal.

Der Bayerische Bauernverband hält den Einsatz von Hirten und Herdenschutzhunden für nicht umsetzbar. Herdenschutzhunde verteidigten alle Eindringlinge in einer Herde. "Wollen wir das in Tourismusgebieten?", fragt der BBV-Umweltpräsident Köhler. "Außerdem bestehen keine Qualitätsstandards für die Hunde."

Die Behirtung stehe aufgrund von Personalkosten in keinem wirtschaftlichen Verhältnis und sei aufgrund der Tarifbestimmungen nicht praktikabel. "Der Wolf gefährdet die Weidehaltung und führt damit zur Aufgabe der alpinen Weidehaltung und Weidewirtschaft und damit zu einem Zuwachsen von Almflächen und lässt wertvolle geschützte Lebensraumtypen verschwinden", so Stefan Köhler.

Interview mit BR-Reporter Moritz Stadler zum Thema Jagd auf den Wolf.
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Interview mit BR-Reporter Moritz Stadler zum Thema Jagd auf den Wolf.

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