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Wölfe in Oberbayern? Herausforderung für den Herdenschutz | BR24

© Landesamt für Umwelt

Ein Wolf auf dem Foto einer Wildkamera im Landkreis Eichstätt im Saupark, einem Waldgebiet südwestlich von Eichstätt, in eine Fotofalle getappt.

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    Wölfe in Oberbayern? Herausforderung für den Herdenschutz

    Vor knapp eineinhalb Wochen wurden sechs Schafe in Reit im Winkl im Kreis Traunstein gerissen. Experten vermuten: Es war ein Wolf! Der betroffene Schäfer versucht nun, seine Herde vor weiteren Rissen zu schützen. Das ist aber gar nicht so einfach.

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    Von
    • Melanie Marks

    Für Schäfer Florian Gstatter gibt es eine Welt vor Freitag, dem 29. Juni, circa 11 Uhr. Und es gibt eine Welt danach. In der Welt davor hat er sich nicht mit Wölfen auseinandergesetzt. Die waren vielleicht einen Berg weiter oder in Österreich. Seine Schafe hat Florian Gstatter am Morgen auf die Weide gebracht und dort grasen lassen, während er zu seiner eigentlichen Arbeit ins Landwirtschaftsamt gefahren ist. Am Abend hat er die Tiere wieder reingeholt.

    Schäfer Gstatter lebt nun in neuer Realität

    Seit dem besagten Freitag ist diese Welt jedoch anders. Seitdem kann er nur noch einen Teil der Herde raus lassen. Er hat zwei große Weiden. Eine liegt direkt neben der Straße, am Tag in der prallen Sonne. Die andere Weide liegt am Hang, durchquert von einem Wanderweg, manchmal auch schattig für die Schafe. Hier war der Riss. Jetzt lässt Gstatter seine Tiere nicht mehr auf dieser Weide grasen, zumindest so lange, bis er einen ausreichenden Schutz hat.

    Insgesamt sechs Risse in Reit im Winkl

    Vor rund eineinhalb Wochen sind in Reit im Winkl, im Landkreis Traunstein, sechs Schafe gerissen worden. Nicht nur zwei Tiere von Florian Gstatter hat es erwischt, sondern auch Schafe seines Vaters, die weiter oben an der Alm gegrast haben. Ob ein Wolf dafür verantwortlich ist, ist noch nicht sicher. Experten vermuten es. Zum Beispiel sprechen die Bissspuren dafür. Aber es heißt auch: Dass ein Wolf am Vormittag, unweit einer lauten, vielbefahrenen Straße Tiere reißt, ist ungewöhnlich. Wölfe seien eher scheue Tiere.

    Landesamt für Umwelt lässt die Risse prüfen

    Das Landesamt für Umwelt hat schnell reagiert. Seit den Vorfällen sind Mitarbeiter regelmäßig vor Ort und prüfen Spuren. Die DNA aus den Wunden der gerissenen Tiere haben sie zur Auswertung in ein Labor geschickt. Bis die Ergebnisse kommen, und sicher ist, dass es sich tatsächlich um einen Wolf handelt – oder auch nicht – kann es zwar noch dauern.

    Präventiv hat das LfU aber schon sogenannte Förderkulissen für Gemeinden in den Landkreisen Rosenheim und Traunstein ausgewiesen. Das bedeutet, dass Nutztierhalter wie Schäfer nun finanzielle Unterstützung für Investitionen in Schutzmaßnahmen beantragen können. Hierfür stellt der Freistaat im Rahmen der Förderrichtlinie "Investition Herdenschutz Wolf" in jedem Jahr finanzielle Mittel zur Verfügung. Gefördert wird etwa die Anschaffung eines Herdenschutzhundes oder spezieller Zäune.

    Aber diese Hilfe alleine reicht nicht aus, um das gute Zusammenleben von Wolf, Mensch und Nutztieren zu garantieren, so scheint es.

    Schutzmaßnahmen sind nicht immer geeignet

    "Das LfU ist immer erreichbar, das ist gut", sagt Gstatter. "Aber was man alles so erfährt, was dann noch kommt, die Probleme bei den Maßnahmen, das erfährt man einfach erst nach und nach." Einen Herdenschutzhund zum Beispiel zieht Gstatter nicht in Betracht. Einerseits ist es Vorschrift, dann mindestens zwei Hunde anzuschaffen und der Unterhalt pro Tier beläuft sich auf mindestens 1.000 Euro pro Jahr. Andererseits fallen einige Rassen unter das Kampfhundegesetz. Mit Familie zu Hause wolle er das nicht, sagt Gstatter.

    Den Schutzzaun zieht er in Betracht. Er hat sogar schon Material gekauft, um an einigen Stellen damit zu experimentieren. Doch insgesamt könnten sich die Kosten für den Zaun auf bis zu 25.000 Euro summieren. Hierfür müsse er in Vorkasse gehen, so Gstatter. Ob er das Risiko tragen will, weiß er noch nicht. Denn wie viel der Zaun bringt, ob er ihn ausreichend instand halten kann, damit er auch schützt, weiß er nicht. Außerdem: "Das nächste ist ja auch, der Zaunbauer kann vielleicht Mitte August, der wartet ja nicht auf uns."

    Weitere Optionen: Ein Laufhof oder aufgeben

    Seine andere Option wäre ein Laufhof, sagt Gstatter. Aber auch hier wäre der Umbau aufwändig und teuer. Außerdem würden die Weiden - noch Kulturlandschaften - zuwuchern. Hier würde wieder Wald wachsen. Dann könnten auch Wanderer nicht mehr passieren. Die letzte Option, die Gstatter gerade hat, wäre, aufzugeben.

    Landesverband Bayerischer Schafhalter fürchtet Rückgang der Schäfer

    Das ist es auch, was der Landesverband Bayerischer Schafhalter fürchtet. Es komme schon jetzt immer wieder vor, dass Tierhalter aufgäben, sagt Martin Bartl, der Geschäftsführer. Dass die Schäfer dann auch noch auf den Kosten für den Unterhalt der Schutzmaßnahmen sitzen blieben, sei für viele eine enorme Belastung. "Die Schafhaltung ist ohnehin schon nicht wirtschaftlich", sagt Bartl.

    BUND Naturschutz fordert mehr Förderung

    Der Bund Naturschutz fordert deswegen schon länger zweierlei: Einerseits sollten Förderkulissen schon viel früher ausgewiesen werden. "Der Wolf kann an einem Tag problemlos 50 Kilometer zurücklege"“, sagt Uwe Friedel vom Artenschutzreferat des Bund Naturschutz. Gerade die temporären Schutzkulissen seien aber viel kleiner definiert. Das sei für die Weidetierhalter in der Region nicht nachvollziehbar. Zudem sollten die Tierhalter möglichst früh Erfahrungen mit Schutzmaßnahmen sammeln.

    Andererseits will der Bund Naturschutz, dass nicht nur die Erstanschaffung von Zäunen und Hunden finanziert, sondern auch die laufenden Folgekosten unterstützt werden.

    Landesamt für Umwelt hat Verständnis für Schäfer

    Dem stimmt das Landesamt für Umwelt zu. Problem sei, so Claus Kumutat, der Präsident des Amtes, dass Förderungen aus wettbewerbsrechtlichen Gründen von der EU notifiziert werden müssten. Derzeit prüfe man aber Wege, wie die Förderung des Unterhalts möglich gemacht werden könne. "Wir verstehen jeden, der Sorge um seine Nutztiere hat", so Kumutat.

    Gstatter muss bis dahin schauen, wie er seine Herde schützt

    Allerdings: Ob all das für Florian Gstatter rechtzeitig kommt, ist fraglich. Um sich erst einmal zu behelfen, hat er eine Vogelscheuche aufgestellt. Die menschliche Gestalt schrecke den Wolf ab, sagt er. "Das ist das einzige, das gerade möglich ist."

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