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Wirtshaussterben: Fachkräfte fehlen in ganz Bayern | BR24

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Immer mehr Traditionswirtschaften müssen schließen. Seit 2009 hat ein Viertel der Gasthöfe in Deutschland aufgegeben. Es mangelt oft an Personal. Einige Hoteliers im Allgäu haben jetzt ein Programm für Azubis entwickelt, das viele Bewerber anlockt.

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Wirtshaussterben: Fachkräfte fehlen in ganz Bayern

Immer mehr Traditionswirtschaften müssen schließen. Seit 2009 hat ein Viertel der Gasthöfe in Deutschland aufgegeben. Es mangelt oft an Personal. Einige Hoteliers im Allgäu haben jetzt ein Programm für Azubis entwickelt, das viele Bewerber anlockt.

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Viele Wirtshäuser im mittelalterlichen Städtchen Weißenhorn im Landkreis Neu-Ulm haben eine lange Tradition. Doch auch diese ist endlich: Als erster machte der Gasthof Lamm zu, vor wenigen Monaten folgten der Gasthof zum Löwen und der Gasthof zum Hasen. Weißenhorn ist kein Einzelfall. Laut Statistischem Bundesamt ist die Zahl der Gasthöfe seit 2009 um ein Viertel geschrumpft. Anton Walsers Urur-Großeltern hatten den Gasthof zum Hasen vor fast 150 Jahren gekauft. Vor einem Jahr dann das endgültige Aus.

"Hier war unser Stammtisch, der immer sehr gut besucht war, wo sich nach dem Arbeiten die verschiedenen Menschen getroffen haben." Anton Walser, ehemaliger Wirt

Familienbetriebe in Gefahr

Der "Hase" war ein klassischer Familienbetrieb mit drei Generationen. Walsers Mutter kochte, doch dann wurde sie schwer krank. Die Familie fand niemanden mehr für die Küche und musste zumachen. Und das wird auch so bleiben.

"Ich selbst trau' es mir momentan nicht zu, weil die Personalsituation so angespannt ist und ich das Thema Küche alleine nicht abdecken kann." Anton Walser, ehemaliger Wirt

Keine einzige Bewerbung auf Stellenanzeige

Nicht mal 100 Meter weiter beim Gasthof zum Löwen. Der Wirt Wolfgang Ländle hat vergangenes Jahr das Restaurant dichtgemacht. Er betreibt jetzt nur noch eine Frühstückspension. Er hat einfach keine Mitarbeiter mehr gefunden.

"Wir haben Jungköche gesucht, wir haben Auszubildende gesucht, Zimmermädchen und Servicekräfte. Wir haben natürlich versucht, mit unseren Pfunden zu wuchern: sonntags frei, feiertags frei, Ostern, Weihnachten, Pfingsten geschlossen. Es hat sich aber leider überhaupt nichts getan. Null Resonanz. Wir haben keine einzige Bewerbung bekommen." Wolfgang Ländle, ehemaliger Wirt

Immer weniger Auszubildende in der Gastronomie

Überall in der Gastronomie fehlen Fachkräfte. Laut Industrie- und Handelskammer hat sich die Zahl der Auszubildenden in den vergangenen 12 Jahren fast halbiert. Einer der Gründe: das Gehalt. Der Durchschnittsstundenlohn im Dienstleistungsbereich liegt bei fast 22 Euro. In der Gastronomie dagegen nur bei 14 Euro. Hinzu kommen häufig unbezahlte Überstunden – sagt die zuständige Gewerkschaft:

"Der Fachkräftemangel in der Gastronomie ist ein hausgemachtes Problem von den Arbeitgebern. Die Kollegen vermissen Wertschätzung, die Kollegen wollen planbare Arbeitszeiten, die Kollegen wollen planbare Freizeit – all das kann die Gastronomie mehrheitlich nicht stellen." Tim Lubecki, Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten

Große Betriebe bieten bessere Arbeitszeiten

Wolfgang Ländle weiß, dass den Mitarbeitern viel abverlangt wird. Einem Koch hätte er deshalb sogar 500 Euro über Tariflohn gezahlt. Trotzdem wollte der nicht bleiben. Ländle weiß, kleine Wirtshäuser können mit den Angeboten in großen Betrieben nicht mehr mithalten. Dort gibt es mittlerweile Früh- und Spätschichten. In kleinen Betrieben müssen Köche sowohl mittags als auch abends arbeiten. Außerdem ist es schwierig für kleine Betriebe, höhere Löhne zu bezahlen. Dafür müssten in vielen Wirtschaften die Preise der Gerichte erhöht werden. Die Gastwirte befürchten, dass die Kunden das nicht mitmachen.

Hoteliers im Allgäu entwickeln attraktives Konzept

100 Kilometer weiter südlich in den Allgäuer Alpen: Hier gehen 13 Hoteliers einen neuen Weg, um Fachkräfte zu gewinnen. Sie haben sich zusammengeschlossen und investieren massiv in die Ausbildung, haben diese sogar extra zertifizieren lassen. Das Familienhotel Allgäuer Berghof ist einer dieser Betriebe. Besitzer Christian Neusch wirbt mit neu gebauten Mitarbeiterwohnungen. Alle in diesem Ausbildungsverbund zahlen über Tarif. Für gute Noten in der Berufsschule bekommen die Auszubildenden sogar ein Smartphone geschenkt. Sie dürfen den Wellnessbereich des Hotels nutzen und außerdem ihre Eltern für eine Nacht ins Hotel einladen. Der Erfolg gibt Christian Neusch Recht:

"Wir hatten vor drei Jahren noch sieben oder acht Bewerber auf die fünf Ausbildungsstellen. Dieses Jahr hatten wir 47 Bewerber. Man merkt, dass Qualität und gute Rahmenbedingungen sich rumsprechen." Christian Neusch, Hotelier

Kleine Betriebe können nicht mithalten

Doch kleinere Betriebe, wie eben auch der Gasthof zum Löwen in Weißenhorn, können ihren Mitarbeitern diese Extras nicht bieten. Trotzdem hat Wolfgang Ländle die Hoffnung noch nicht aufgegeben.

"Wir haben auf jeden Fall noch Pläne, also wir haben den Betrieb ja nicht aufgelöst, wir könnten eigentlich wieder starten." Wolfgang Ländle, ehemaliger Wirt