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Wirtschaftsweise Grimm zur Corona-Krise: Aufs Impfen kommt es an | BR24

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Veronika Grimm ist eine von fünf Wirtschaftsweisen. Die Energie- und Verhaltensökonomin zieht nach einem Jahr Bilanz und analysiert, welche signifikanten Schwierigkeiten während der Corona-Pandemie zu bewältigen sind.

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Wirtschaftsweise Grimm zur Corona-Krise: Aufs Impfen kommt es an

Eine der renommiertesten Ökonominnen Deutschlands lebt und arbeitet in Nürnberg: Veronika Grimm. Seit einem Jahr ist die Volkswirtin eine der fünf Wirtschaftsweisen, berät die Bundesregierung und zeigt Wege aus der Corona-Krise auf.

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Von
  • Tina Wenzel

Veronika Grimm kommt mit dem Fahrrad in die Arbeit. So oft es geht, tritt die Wirtschaftsexpertin in die Pedale ihres Rennrads. So rasant sie angefahren kommt, so rasant ist auch ihre Karriere vorangeschritten.

Die 49-Jährige ist Inhaberin des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre an der Friedrich-Alexander-Universität in Nürnberg, leitet ein interdisziplinäres Energiezentrum und berät als Wirtschaftsweise die Bundesregierung. Wie kann die Konjunktur nach der Krise wieder in Schwung kommen? Welche Reformen sind jetzt wichtig? Auf diese Fragen will Grimm zusammen mit den anderen Wirtschaftsexperten im Sachverständigenrat der Bundesregierung die passenden Antworten geben.

Aufs Impfen kommt es an

Zuletzt musste das Gremium seine Konjunkturprognose für dieses Jahr nach unten setzen. Die dritte Welle rollt durch Deutschland. Die wirtschaftliche Erholung wird sich deswegen aller Voraussicht nach verzögern, so die Experten. Nun hängt vieles vom Impffortschritt ab. "Wenn das Impfen schneller vorangeht, geht es mit der Konjunktur schneller bergauf. Weil dann schneller das Potenzial da ist, mehr und mehr Bereiche des wirtschaftlichen Lebens zu öffnen", so Grimm.

Veronika Grimm wirft dazu Diagramme auf ihren Computerbildschirm – Modellrechnungen zum Impffortschritt. "Im günstigsten Fall haben wir berechnet, könnten im Juli 70 Prozent der erwachsenen Bevölkerung geimpft sein. Das ist natürlich sehr optimistisch. Da muss alles wirklich sehr rundlaufen. Aber im September ist dieses Ziel durchaus erreichbar", so Grimm. Dafür müssen zügig auch die Hausärzte und Betriebsärzte mit Impfstoff versorgt werden, um gegen das Virus impfen zu können. Logistisch wird das nicht einfach.

Einsatz fürs Klima

Veronika Grimm setzt im Sachverständigenrat der Bundesregierung als Klimaökonomin auch ihre eigenen Akzente. Jedes Jahr veröffentlichen die Wirtschaftsweisen ein Jahresgutachten zur Lage der Wirtschaft in Deutschland. Ein mehrere hundert Seiten starker Wälzer. In der neusten Ausgabe findet sich das Kapitel: Klimaschutz als industriepolitische Chance. Beim Klimaschutz will Grimm aufs Tempo drücken. Auch wenn die Corona-Pandemie derzeit alles überlagert, Reformen müssen jetzt angegangen werden. Grimm plädiert unter anderem dafür, den Preis für CO2 weiter anzuheben. Gleichzeitig soll der Strom aus erneuerbaren Energieträgern billiger werden, indem Abgaben und Umlagen verringert werden, so dass klimafreundlichere Geschäftsmodelle bessere Chancen haben. Die Wirtschaftsexpertin setzt auf Marktmechanismen beim Klimaschutz. Derzeit arbeitet Deutschland hingegen viel mit Förderprogrammen. Die Verfahren seien aber sehr langwierig, kritisiert die Expertin.

Kinder und Jugendliche: Verlierer in der Krise

In ihrer Freizeit ist Veronika Grimm am Fußballplatz zu finden. Die dreifache Mutter trainiert seit sechs Jahren eine Jugendmannschaft. Das Training findet wegen der Corona-Pandemie aber schon seit vergangenem Herbst nicht mehr statt. "Den Kindern fehlt die sportliche Betätigung, der Zusammenhalt", berichtet Grimm. Gleichzeitig sorgt sich die Expertin um den Bildungsstand vieler Kinder und Jugendlichen in Deutschland. Finanziell schlecht gestellten Familien fehlt häufig schlicht das Geld für Computer oder Laptops, die fürs Homeschooling benötigt werden, oder ein ruhiger Platz zum Lernen. Die Kinder und Jugendlichen werden durch das digitale Schulsystem nicht erreicht.

"Die Schülerinnen und Schüler sind diejenigen, die unsere Gesellschaft morgen voranbringen sollen. Wir brauchen sowohl ihre Kompetenzen als auch ihre Motivation. Und beides wird bei vielen im Moment nicht angesprochen", kritisiert Grimm. Jetzt müsse mehr für die Kinder und Jugendlichen getan werden, mahnt die Wirtschaftsweise, sonst werden einige von ihnen im schlimmsten Fall dauerhaft abgehängt. Ein Thema, dass die Wirtschaftsweise auch in Zukunft stark beschäftigen wird.

Rat auf der Suche nach neuem Chef

Seit einem Jahr gehören mit Veronika Grimm und Monika Schnitzer zwei Frauen dem Sachverständigenrat an – ein Novum. Lange saßen in dem fünfköpfigen Rat, der 1963 gegründet wurde, nur Männer. Erst 2004 wurde erstmals eine Frau zur Wirtschaftsweisen ernannt. Nach dem Ausscheiden von Wirtschaftsweisen Lars Feld in diesem Jahr gilt es einen neuen Chef unter sich auszumachen. Möglicherweise wird es erstmals eine Frau.

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