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"Wir laufen hinterher": Chaos in bayerischen Gesundheitsämtern | BR24

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Die Mitarbeiter in bayerischen Gesundheitsämtern sind stark überlastet, das ergibt eine Recherche des BR. Die Belastung im Zuge der zweiten Corona-Welle sei sogar so hoch, dass Mitarbeiter bereits gesundheitliche Probleme haben.

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"Wir laufen hinterher": Chaos in bayerischen Gesundheitsämtern

Die Gesundheitsämter und ihre Contact-Tracing-Teams (CTT) sollen laut Bundesregierung ein zentrales Mittel beim Kampf gegen Corona sein. Eine Umfrage des BR ergab nun: Die meisten Gesundheitsämter in Bayern sind massiv überlastet und überfordert.

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Von
  • Katharina Pfadenhauer

"Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind an der Belastungsgrenze" "Sie arbeiten rund um die Uhr" "Langzeitfolgen für das Personal und für die Gesundheitsämter könnten gravierend sein"

Egal ob in Franken, im Allgäu oder in der Oberpfalz: Die Mitarbeiter der bayerischen Gesundheitsämter pfeifen wegen der Corona-Pandemie aus dem letzten Loch.

BR hat alle bayerischen Gesundheitsämter befragt

In Straubing wird abends "so lange gearbeitet, wie dies aufgrund der Lage nötig ist". In Pfaffenhofen an der Ilm auch "nachts und an Feiertagen". In Garmisch gäbe es "Zehn- bis Zwölf-Stunden-Tage". In Aichach-Friedberg seien Mitarbeiter "weit über ein vertretbares Maß hinaus belastet", ihre Überstunden summierten sich "auf eine vierstellige Zahl".

BR-Reporter haben alle 76 staatlichen und kommunalen bayerischen Gesundheitsämter befragt. Die Antworten ähneln sich: Mitarbeiter häufen Überstunden an, schieben Urlaubstage auf; lernen Hilfskräfte ständig neu ein.

"Nur mit starkem Medikament und Psychotherapie"

"Wir funktionieren hier eigentlich nur. Wir arbeiten eins nach dem anderen ab und teilweise ist man auch am Limit", erzählt Bianca Wunder, Mitarbeiterin im Gesundheitsamt Bamberg. "Wir benötigen mehr Erholungsphasen", klagt man in Bad Kissingen.

"Das ist Raubbau an der Gesundheit, arbeitsschutzrechtlich ist das mit den geringen Regenerationszeiten sicher nicht vereinbar", erzählt ein Hygienekontrolleur. Eine Mitarbeiterin schreibt, ihre Familie drohe "zu zerbrechen, weil man mit dem Kopf nur noch bei der Arbeit ist und nicht zur Ruhe kommt".

Noch drastischer schildert ein anderer Hygienekontrolleur seine Situation: "Mittlerweile überstehe ich die Wochenenden nur noch mit einem starken Medikament und Psychotherapie."

Bearbeitungsrückstände von bis zu fünf Tagen

Auch die Kontaktnachverfolgung, laut Bundesregierung eines der wichtigsten Instrumente bei der Bekämpfung von Corona, funktioniert nicht mehr reibungslos. Viele Gesundheitsämter können Kontaktpersonen teilweise nur noch mit einem Rückstand von bis zu fünf Tagen ermitteln. Eine Beratung während der Quarantänezeit ist vielerorts nicht mehr leistbar.

Zum Beispiel in Bamberg, wo zu Spitzenzeiten 1.000 Kontakte pro Tag nachverfolgt werden: "Im Moment sind wir auf Kante oder auch darüber, wir reagieren eigentlich nur und laufen den meisten Sachen hinterher", sagt Amtsleiterin Susanne Paulmann.

Dem BR liegen Aussagen von Kontaktpersonen ersten Grades vor, die nie vom zuständigen Gesundheitsamt kontaktiert wurden, dass sie in Quarantäne müssen.

Andere Aufgaben kaum noch zu bewältigen

Ein weiteres Problem: Kaum ein Gesundheitsamt kommt seinen ursprünglichen Aufgaben wie Schuleingangsuntersuchungen oder Hygieneüberwachungen noch nach. In Berchtesgaden reduziert man nach dortigen Angaben alles, was nicht mit Corona zu tun hat, "auf ein absolut notwendiges Minimum". In Fürstenfeldbruck wird "alles aufgeschoben, was aufgeschoben werden kann".

Das öffentliche Gesundheitssystem werde "nur noch dadurch aufrechterhalten, dass fast alle Mitarbeiter aus helfenden Berufen kommen"; so schreibet es das Gesundheitsamt Aichach-Friedberg.

Personalvorgaben werden nur bedingt umgesetzt

Hinzukommt: Im April hatten die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten beschlossen, dass in jedem Amt mindestens fünf Kontaktnachverfolger für 20.000 Einwohner eingesetzt werden. Wie die BR-Umfrage zeigt, kann diese Maßgabe jedoch nur vereinzelt umgesetzt werden oder sie ist, je nach Inzidenz, nicht ausreichend.

1.800 Hilfskräfte – darunter Beamtenanwärter, Polizisten und Bundeswehrsoldaten – unterstützen deshalb aktuell die bayerischen Gesundheitsämter. Die BR-Umfrage zeigt aber auch: Nicht selten werden sie nach kurzer Zeit wieder abgezogen, was ein ständiges Einarbeiten neuer Hilfskräfte nach sich zieht.

Das bestätigt auch ein Gesundheitsamtsmitarbeiter, der anonym bleiben möchte. Dem BR hat er seine Arbeitsbedingungen am Gesundheitsamt geschildert.

Wechselnde Regelungen belasten Mitarbeiter

Auch dass es immer wieder neue Corona-Regeln gebe, sei "herausfordernd", teilen die Gesundheitsämter Ingolstadt, Schweinfurt und Garmisch-Partenkirchen mit. In Garmisch-Partenkirchen glaubt man, dass dadurch auch die Akzeptanz in der Bevölkerung ab- und die allgemeine Unzufriedenheit zunehme.

Der Landrat von Mühldorf am Inn, Max Heimerl (CSU), sorgt sich, dass die Landkreise nun auch die Impfzentren organisieren müssen: "Dass wir irgendwann zu impfen beginnen müssen, war vorhersehbar, das wissen wir seit Monaten."

Bayerische Grüne: "Ämter wurden ausgeblutet"

Laut der Vorsitzenden der Grünen-Landtagsfraktion, Katharina Schulze, hat man die Gesundheitsämter in den vergangenen Jahren "ausgeblutet". Tatsächlich fehlt laut einer Anfrage der Grünen in jedem fünften Amt eine Leitungsperson.

Die Anfrage zeigte auch: Nur ein Amt in Bayern nutzt die Software "SORMAS" zur Kontaktnachverfolgung. "SORMAS" ist ein Programm, das auch international zur Epidemie-Bekämpfung eingesetzt wird. Das Gesundheitsministerium teilte dem BR mit, "SORMAS" stünde erst seit Herbst zur Verfügung und werde jetzt Schritt für Schritt integriert.

Gesundheitsämter sollen aufgerüstet werden

Bund und Länder wollen nun mit vier Milliarden Euro die Gesundheitsämter aufbauen, sie digitaler ausstatten, für mehr Weiterbildungen und mehr Personal sorgen. Bis Ende 2021 sollen in Bayern 237 unbefristete Vollzeitstellen geschaffen werden.

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