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"Wir brauchen eine neue Grippe-Impfstoff-Generation" | BR24

© Bayerischer Rundfunk 2018

Grippeimpfung

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    "Wir brauchen eine neue Grippe-Impfstoff-Generation"

    Am 1. Oktober hat die Grippesaison begonnen, die große Grippewelle wird ab Januar erwartet. Wer sich impfen lassen möchte, sollte dies am besten jetzt tun. Wissenschaftler arbeiten aber schon an der nächsten Impfstoff-Generation - ohne Piks.

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    Das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit ist in Bayern unter anderem für die Zählung der Influenzaerkrankten zuständig. Wie sich die saisonale Grippe entwickeln wird, weiß niemand. Im Moment sprechen die Zahlen für einen normalen Verlauf. Doch die derzeit gängigen Impfstoffe wirken nur bedingt. Die Wissenschaft forscht deshalb an einer neuen Impfstoff-Generation.

    Der Piks, der gegen Influenza hilft

    Influenza-Impfstoffe werden üblicherweise unter Verwendung von Hühnereiern hergestellt. Für jede Dosis Impfstoff benötigt die Pharmaindustrie im Durchschnitt zwei Eier. In der Saison 2019/2020 wurden bis Ende September 16,5 Millionen Impfdosen geordert und damit mehr als im Vorjahr. Die verwendeten Eier werden besonders genau untersucht. Sie müssen absolut klinisch keimfrei sein. Hochgerechnet heißt das aber zugleich, dass für die Produktion des vorrätigen Impfstoffs rund 33 Millionen Eier benötigt wurden.

    In der letzten Saison kam es immer wieder zu Engpässen, vor allem beim Vierfachimpfstoff, also dem Impfstoff, der gegen vier verschieden Virenstämme wirkt. Das soll in diesem Jahr nicht passieren, denn er wurde von der Ständigen Impfkommission, Stiko, standardmäßig empfohlen. Alle, auch gesetzlich Versicherte, werden ihn damit erhalten. Wie sich letztendlich die Grippewelle entwickeln wird, ob im Impfstoff die wirklich auslösenden Grippeviren sind, weiß niemand genau.

    "Man kann weder vorhersagen, wie sich das Virus effizient ausbreitet noch kann man vorhersagen, wie gefährlich das Virus dann ist. Die Viren verändern sich ständig. Was dabei entsteht ist nicht vorauszusehen." Dr. Klaus Überla, Uni-Klinikum Erlangen

    Wie funktioniert eine Grippe-Impfung?

    Eier werden mit dem Influenzavirus infiziert. Die Viren vermehren sich. Anschließend inaktivieren die Wissenschaftler die Viren. Dann werden die Eiweiße ganz gezielt angereichert, so dass ein Impfstoff entsteht, der ausreichenden Schutz gegen Grippe gibt. Am häufigsten gelten die Influenza-A-Viren als Auslöser für Grippe. Doch genau diese Viren sind raffiniert, bilden neue Varianten in Form von Proteinen, wechseln ihr Gesicht und hängen sich an andere Formen von im Körper vorkommenden Proteinen. Zudem gibt es auch Influenza-B-Viren. Sie verändern ihren Typus nicht.

    Die derzeitigen Impfstoff-Wirkstoffe schützen nur bedingt gegen alle Grippeviren, die in einem Saisonverlauf auftauchen können. Sie sind im Moment der beste Schutz, den die Wissenschaft bieten kann. Doch eigentlich wird ein längerer Schutz gegen viele verschiedene Virenstämme und damit gegen viele Influenza-Varianten gesucht, ein Universal-Impfstoff. Der derzeitige Grippeimpfstoff schützt auch nur durchschnittlich ein halbes Jahr effektiv vor entsprechenden Viren.

    Vektorimpfstoffe sollen gegen verschiedene Virenstämme schützen

    Ausgangspunkt bei der neuen Generation der Grippeschutz-Impfung ist nach wie vor ein Vierfachimpfstoff, der aber zusätzlich noch besser auch gegen nahe verwandte Virenstämme wirkt. Im Moment setzt die Wissenschaft unter anderem auf sogenannte Vektorimpfstoffe. Bei Vektorimpfstoffen dient das Erbgut eines abgeschwächten Erregers als Transportvehikel, um fremde Viren ins Erbgut einzubauen, die dann eine Immunreaktion auslösen sollen. Sie sind eine Variante, die bei den Forschern des Uni-Klinikums Erlangen präferiert wird.

    Es wird untersucht, wie sich diese zukunftsweisenden Vektorimpfstoffe im menschlichen Körper verhalten. Die Forschung ist am Anfang. Doch es gibt vielversprechende Ansätze, die das Uni-Klinikum Erlangen in deutschland- und europaweiter Kooperation verfolgt.

    "Man muss neue Immunisierungsverfahren entwickeln, die ganz andere Prinzipien verfolgen. Vermutlich werden dann sogenannte Vektorimpfstoffe eingesetzt. Im Moment kennt man jedoch das Sicherheitsprofil dieser Impfstoffe beim Menschen noch nicht gut genug." Dr. Klaus Überla, Uni-Klinikum Erlangen

    Die neue Generation: Impfung der Atemwege

    Die neue Impfstoff-Generation soll inhaliert werden, um gezielt die gefährdeten Bereiche bei einer Grippe zu treffen: die Atemwege. Die Forscher schätzen, dass es jedoch noch zehn bis 15 Jahre dauern wird, bis die neuen Impfstoffe auf den Markt kommen. Sie sollen dann auch den Pieks ersetzen. Immer vorausgesetzt, es gibt Geldgeber, die eine solche Entwicklung entsprechend fördern.

    Viren sind Verwandlungskünstler

    Die Atemwege sind die ersten betroffenen Organe bei einer Grippe. Hier setzen sich all die Viren fest. Sie befallen die Schleimhäute und vermehren sich dort. In Deutschland erkranken während einer Grippewelle zwischen zwei und zehn Millionen Menschen. Eine Grippe erscheint erst einmal gar nicht so schlimm, aber wenn eine Grippe ausgelöst wird im Körper, dann können sich bis zu 100.000 neue Erreger Tag für Tag bilden. Die Viren an sich sind kleine Verwandlungskünstler. Sie verändern sich schnell, häufig und entwickeln sich zudem auch noch weiter.

    Unser Immunsystem kämpft, aber oft nicht schnell genug. Es hat Schwierigkeiten, die neuen Erreger zu erkennen. Hier will die neue Impfgeneration besser aufgestellt sein. Sie will versuchen, vorher nicht nur vier generelle Viren, sondern auch noch Variationen davon zu bekämpfen.

    Uni-Klinikum Erlangen forscht nach der richtigen Immunantwort

    Mit den Vektorimpfstoffen soll ein Gen in Eiweiße, also Proteine des menschlichen Körpers, eingeschleust werden, das selbst eine Infektion auslöst. Worauf die Forschung abzielt, ist, dass der Mensch darauf selbst eine Antireaktion aufbaut und zwar mit eigenen Proteinen, also nicht eingeschleust durch Hühnereiweiß.

    Das heißt, das Uni-Klinikum Erlangen geht der Frage nach, welche Reaktionen des Immunsystems sind nötig, damit Grippe-Viren von unserem Körper als fremd erkannt und bekämpft werden. Zudem ist die Aufgabe, dass diese Erkennung lang im Körper anhält und der Mensch daher noch besser und vor allem länger gegen Grippe geschützt ist.