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Winterbilanz in Bayern: Zu warm, aber wenigstens feucht | BR24

© BR / Tobias Bönte

Audio: Sonnencreme statt Schneeschaufel, Wanderschuhe statt Skier. Dieser Winter wird als einer der fünf wärmsten seit der Wetteraufzeichnung in die Geschichte eingehen. Auch in Bayern.

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Winterbilanz in Bayern: Zu warm, aber wenigstens feucht

Sonnencreme statt Schneeschaufel, Wanderschuhe statt Skier. Dieser Winter wird als einer der fünf wärmsten seit der Wetteraufzeichnung in die Geschichte eingehen. Auch in Bayern.

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Lisa Brunnbauer ist Meteorologin beim Deutschen Wetterdienst in Weihenstephan. Ihr Tätigkeitsbereich: Die Folgen von Wetter und Klima für die Land- und Forstwirtschaft. Trotz des milden Winters kann sie leichte Entwarnung geben: "Der Winter war deutlich zu warm, hat aber am Schluss noch ein bisschen Gnade walten lassen, weil dann doch noch einiges an Niederschlag gekommen ist." Der zu Ende gehende Winter war sogar der zweitwärmste seit Beginn der Aufzeichnungen vor knapp 130 Jahren. Das teilte der Deutsche Wetterdienst mit.

Der Oberboden sei - für die Landwirtschaft die entscheidende Größe - derzeit sehr gut durchfeuchtet. Der niederschlagsreiche Februar hat den trockenen Dezember und Januar wieder ausgeglichen. Für die Landwirtschaft sieht Lisa Brunnbauer somit derzeit gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche Saison 2020. Aber: Entscheidend seien die nächsten Wochen. Denn der derzeit feuchte Boden könne auch jederzeit wieder austrocknen.

"Wir werden hoffen, dass es noch einiges an Regen gibt, damit die Natur einfach Potenzial hat, im Frühjahr, wenn es warm wird, auszutreiben und sich zu erholen von der Trockenheit, auch vom letzten Jahr." Lisa Brunnbauer

Nach Dürre in den Wäldern – Borkenkäfer könnte Problem werden

Ähnlich sieht Lisa Brunnbauer derzeit die Dürrelage in den bayerischen Wäldern. Durch die Regenfälle in den letzten Wochen haben diese sich regenerieren können. Noch im Januar drohte die Dürre die Bäume massiv zu schwächen.

Auch bei der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft blicken die Experten mittlerweile gelassen auf den Winter zurück. Dr. Lothar Zimmermann beobachtet die Bodenwasserspeicher in den bayerischen Wäldern. Und seine Messungen zeigen, dass diese selbst in den meisten Problemregionen mittlerweile zu 80 Prozent gefüllt sind.

Auch hier könne man nun vorsichtige Entwarnung geben, so der Experte. Allerdings komme es nun darauf an, dass weitere Niederschläge den Boden bis zum Vegetationsbeginn Anfang Mai feucht hielten. Nur so könne der Wald widerstandsfähig sein und sich zum Beispiel auch gegen den Borkenkäfer wehren. Denn dieser könnte im Sommer zur Plage werden. "Wenn kein Wasser da ist, dann sind die Bäume anfälliger", sagt Meteorologin Brunnbauer. "Und dann hatten wir noch zusätzlich Sturm, der viele Bäume geschädigt hat. Da fühlt sich natürlich der Borkenkäfer wohl."

Zusätzlich haben durch das milde Wetter im Winter deutlich mehr Borkenkäfer überlebt als in einem kalten Winter. So sei die Gefahr dieses Jahr besonders groß für die bayerischen Wälder.

Allergiker leiden mittlerweile fast ganzjährig

Geplagt sind aktuell schon die Allergiker. Bereits Anfang Februar waren dieses Jahr die ersten Pollen der Hasel in der Luft. So früh wie noch nie, sagt Prof. Dr. Carsten Schmidt-Weber vom Zentrum für Allergie und Umwelt der TU München. Außerdem werden in Deutschland auch immer mehr nicht heimische Bäume gepflanzt, die zu einer rasanten Verkürzung der pollenfreien Saison für Allergiker führt:

"Zum Beispiel die Sibirische Erle, die blüht nämlich zwischen Weihnachten und Neujahr. Dann können Sie sich vorstellen: Ambrosia ist im September, dann kommen im Dezember noch diese Pollen und dann im Februar schon wieder die Hasel. Die Allergiker kommen eigentlich gar nicht zur Ruhe." Prof. Dr. Carsten Schmidt-Weber

Diese Dauerbelastung für das Immunsystem der Allergiker kann gefährlich werden. Es sei nämlich wichtig, dass sich das Immunsystem regenerieren kann, erklärt Schmidt-Weber.

Skilift-Betreiber in Bayern merken warmen Winter

Ein Gespräch mit Georg Budweiser vom Skigebiet am Pröller in Sankt Englmar in Niederbayern zeigt die massiven Auswirkungen des warmen Winters auf die bayerischen Skigebiete. So sei am Pröller das Skifahren dieses Jahr überhaupt nicht möglich gewesen. Die Lifte standen den kompletten Winter still.

Etwas besser war die Lage in den oberbayerischen Skigebieten Brauneck, Spitzingsee und Wallberg. Zwar habe man am Brauneck erst nach Weihnachten mit der Skisaison beginnen können, doch durch künstliche Beschneiung sei man "mit einem blauen Auge davongekommen", sagt der Geschäftsführer der drei Skigebiete Peter Lorenz. Vor allem die ausgebliebenen Tagesskifahrer aus dem Raum München seien das Problem gewesen. Diese hätten einfach nicht ans Skifahren gedacht, wenn draußen kein Schnee liegt. Auch wenn die Bedingungen zum Beispiel am Brauneck eigentlich ganz gut waren, so Lorenz weiter.

Milder Winter sorgt für Entspannung auf den Straßen

Deutlich weniger Arbeit hatten diesen Winter die Straßenmeistereien im Freistaat. Im Bereich der Autobahnmeistereien Holzkirchen und Rosenheim wurde nur rund ein Viertel der Salzmenge des Winters 2018/2019 gestreut (1.200 Tonnen gegenüber 5500 Tonnen). Auch deutlich weniger Überstunden habe man verzeichnen können, sagt Benjamin Surner, der Leiter der Autobahnmeisterei Holzkirchen.

Zudem ließ es das warme Wetter zu, Baumschnitt- und Kehrarbeiten bereits deutlich früher als sonst durchzuführen. Aus Sicht der Straßenmeisterei könne man also mit dem Winter durchaus zufrieden sein, so Surner weiter.

Immer mildere Winter schließen Schnee nicht aus

Insgesamt sei schon ein Trend zu immer milderen Wintern zu beobachten, sagt Meteorologin Lisa Brunnbauer. Das heiße aber nicht, dass Bayern die nächsten Jahre keinen Schnee zu erwarten habe. "Das hat man im letzten Jahr gesehen, da war der Winter ja auch zu mild", stellt Brunnbauer fest. Und dann habe es Schneechaos und viel zu viel Schnee mit Katastrophenfällen, mit Lawinengefahr im Alpenvorland gegeben.

"Also es muss nicht heißen, dass es gar keinen Schnee mehr gibt. Aber es werden halt nicht mehr so lange Phasen sein, wo es Schnee gibt." Lisa Brunnbauer

Welche Tierarten profitieren vom Klimawandel?

Tiere, die es gerne warm und trocken haben, kommen besser mit dem Klimawandel zurecht. Wenn die Winter milder werden, finden zum Beispiel Vögel, die bei uns bleiben leichter Nahrung. Einen Vorteil haben ebenfalls Arten, die sich schnell an veränderte Lebensbedingungen und neue Lebensräume anpassen können.

Das sind vor allem solche, die rasche Generationenfolgen ausbilden wie Schmetterlinge oder Insekten generell. Diese Arten haben auch gute Chancen auszuweichen, wenn es in ihrem bisherigen Lebensraum zu warm wird. Sie wandern weiter nach Norden. Libellen wie die Südliche Mosaikjungfer, Heuschrecken wie die Gemeine Sichelschrecke oder Vögel wie der Bienenfresser kommen aus Südeuropa und dem Mittelmeerraum seit etwa zehn, fünfzehn Jahren zu uns nach Bayern und bleiben erstmal.

Zugvögel bleiben zuhause

Immer häufiger entscheiden sich auch heimische Zugvögel fürs Bleiben. Star, Bachstelze, Heckenbraunelle, Zilpzalp oder Nachtigall überwintern eigentlich im Mittelmeergebiet. Zunehmend bleiben sie hier und sparen sich damit den gefährlichen Zug nach Süden und zurück.  Das gilt auch für das Taubenschwänzchen.

Der Schmetterling sieht ein bisschen aus wie ein Kolibri, wenn er rasend schnell mit den Flügeln flattert. Seit rund zehn Jahren überwintert er auch in Bayern und vermehrt sich rasant. Das heißt: Er fühlt sich hier wohl. Gleiches gilt für den Borkenkäfer, der es gerne warm und trocken mag. Er vermehrt sich mittlerweile so schnell, dass der Forstwirtschaft angst und bange wird.

Klimawandel lebensbedrohend für viele Arten

Manche Art allerdings, die zunächst als Klimagewinner erscheint, hat am Ende – wie etliche andere auch – doch schlechte Chancen. In der Regel liegt das daran, dass kein passender Lebensraum mehr verfügbar ist. Wer klimabedingt nach Norden ausweicht, aber angewiesen ist auf Moore oder Auenwälder, die momentan zügig verschwinden, stößt bald an Grenzen. Das Schneehuhn zum Beispiel mag es nicht ganz so warm, folglich zieht es im Gebirge in immer höhere Höhen.

Allerdings ist am Gipfel der Zugspitze irgendwann Schluss. Und selbst wenn das Schneehuhn es schaffen sollte, sich an wärmere Bedingungen anzupassen, bleibt noch die Farbe des Federkleides. Im Winter wird das sommerlich braune Schneehuhn weiß. Fällt immer weniger Schnee, erkennt es jeder Falke auf der grünen Alpenwiese. Denn tatsächlich ist es lebensbedrohend für viele Arten, dass sich der Klimawandel so schnell vollzieht. Statt einer Evolution über Jahrmillionen bräuchte es eine rasche Umstellung. So flexibel sind sehr viele Arten nicht.

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