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Oksana Molderf und Nicolai Teufel von der Uni Bayreuth empfehlen beim Umgang mit Geflüchteten Empathie, Fingerspitzengefühl und offene Ohren.

Bildrechte: BR/Anja Bischof
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Willkommenskultur: So gelingt die Begrüßung der Geflüchteten

Tausende Flüchtlinge aus der Ukraine kommen in diesen Tagen in Bayern an. Nicolai Teufel von der Universität in Bayreuth gibt Tipps, damit sich die Geflüchteten auch willkommen fühlen.

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Anja BischofAnja Bischof
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Christian Niedermeyer ist nervös und zugleich voller Vorfreude. Am Abend erwartet der Bayreuther zwei Frauen und einen Jugendlichen aus der Ukraine, denen er eine seiner zufällig leer stehenden Wohnungen vorbereitet hat. Vor ihm auf dem Tisch liegen mehrere Schlüssel sowie gelbe und blaue Plastikkappen. "Der Haustürschlüssel unten bekommt eine gelbe, der Wohnungsschlüssel oben eine blaue Banderole, wie auf der ukrainischen Flagge", erklärt Niedermeyer und drückt die Schlüssel in die Kappen.

Eine Willkommensgeste ohne Worte

In der Wohnung hat Christian Niedermeyer blaue und gelbe Blumen in eine Vase gestellt. Eine kleine Geste, ein Willkommen ohne Worte. "Damit sich die Leute ein bisschen zu Hause fühlen", sagt der 51-Jährige und deutet auf den Kühlschrank, der mit den nötigsten Dingen gefüllt ist.

"Sie müssen ja erst einmal ankommen, sich anmelden und so weiter. So sind sie für den Anfang versorgt." Für die Verständigung nutzt Christian Niedermeyer mit Erfolg eine Übersetzungs-App auf dem Smartphone: "Wir haben alle einen kleinen Sprachenroboter in der Tasche."

Enorme Hilfsbereitschaft für Geflohene

Nicolai Teufel vom Fortbildungszentrum Hochschullehre an der Uni Bayreuth ist von der Solidarität und Hilfsbereitschaft der Menschen in seinem Wohnort tief bewegt. Er hat in den vergangenen Wochen unzählige Telefonate geführt, Päckchen gepackt, Transporte organisiert und geflüchteten Menschen in Bayreuth Wohnraum vermittelt.

Alleine ist er dabei nicht: Ein breites Bündnis aus Privatleuten, Uni und Hilfsorganisationen packt gemeinsam an: "Wir haben hier Leute, die nachts um drei Uhr helfen, um für jemanden eine Unterkunft zu finden und eine Zahnbürste."

Manche Fragen sind unpassend

Mit seinen privaten und beruflichen Kontakten in die Ukraine ist Nicolai Teufel ein begehrter Ansprechpartner und hilft, wo er kann. Den Menschen wie Christian Niedermeyer, die nun Gastgeber ukrainischer Flüchtlinge oder Mitarbeiter in Hilfskreisen sind und nichts falsch machen möchten, empfiehlt er, sich empathisch auf den anderen einzulassen.

"Manche brauchen jetzt Ruhe, andere brauchen Tipps für den Bus oder die Registrierung." Zuhören sei jetzt wichtig. Darin seien wir Deutschen manchmal nicht ganz so gut, fügt Teufel mit einem Augenzwinkern hinzu. Eine Frage hält er für schwierig: "Wie geht es Ihrer Familie? Diese Frage könnte schmerzhaft sein, denn oft wissen sie es einfach nicht."

Kontakt zu anderen Menschen aus der Ukraine

Die Lebensgefährtin von Nicolai Teufel, Oksana Molderf, ist Ukrainerin und arbeitet seit 2014 an der Nationalen Iwan-Franko-Universität Lwiw am Lehrstuhl für interkulturelle Germanistik und Translationswissenschaften. Seit 2019 ist sie für die Lwiwer Universität Mitarbeiterin an der Uni Bayreuth und koordiniert das deutsch-ukrainische Kooperationsprojekt Learnopolis. Sie beschreibt die Mentalität ihrer Landsleute als familienbezogen, dankbar, gläubig und extrem gastfreundlich.

"Sie empfangen Gäste mit offenen Herzen", sagt Oksana Molderf. Sehr gerne würden sie sich nun ihrerseits bei ihren Gastgebern "proaktiv" nützlich machen, denn eine Last sind sie ungern: "Wenn sie helfen wollen, zum Beispiel beim Staubsaugen, sollten sie das ruhig tun dürfen. Dann fühlen sie sich auch besser."

Das Ziel sei die Selbstständigkeit, meint Oksana. Dafür brauche es nun so schnell wie möglich Deutsch-Kenntnisse. Kontakte zu anderen Menschen aus der Ukraine seien auch sehr wichtig. "Man könnte Begegnungszentren oder -möglichkeiten schaffen, damit sie sich nicht alleine fühlen, solange sie noch kein Deutsch sprechen."

"Wir sollten alle mehr ukrainisch werden"

Improvisieren und spontan reagieren, das sind die Ansprüche, die die aktuelle Situation an Helfer und Gastgeber der geflohenen Menschen, aber auch an Ämter und Behörden stellt. Das seien eigentlich ukrainische Eigenschaften, sagt Nicolai Teufel. "Wir sollten alle mehr ukrainisch werden", fügt er mit einem Lächeln hinzu.

Am Abend steht Christian Niedermeyer vor seinem Haus und empfängt die Frauen und den Teenager nach deren strapaziöser Flucht aus Kiew. Noch vor den ersten Worten gibt es Umarmungen. Niedermeyer überreicht seinen Gästen die gelb-blauen Schlüssel. Vorher hatte er noch gesagt: "Ich nehme Nachbarn auf."

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