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Wolf-Experte Wolfgang Schröder: "Man muss aufpassen und den Wolf scheu halten"

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Wildtierbiologe: "Wölfe werden immer dreister"

Schießen oder schützen? Die Zahl der Wölfe in Bayern nimmt zu, Almbauern fürchten um ihre Herden. Wildtierbiologe Prof. Wolfgang Schröder erklärt im Interview mit BR24, welche Sorgen berechtigt sind und welche Gefahr tatsächlich vom Wolf ausgeht.

Von
Christine MemmingerChristine Memminger
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Prof. Dr. Wolfgang Schröder hat jahrelang zum Thema Wolf geforscht. Er war der erste Professor für Wildtierbiologie an der TU München. Bis heute verfolgt der 80-jährige Wissenschaftler die Ausbreitung und das Wesen der Wölfe im europäischen und nordamerikanischen Raum.

BR24: Der Wolf hat in Bayern 2020 rund 40 Tiere gerissen. Ein finanzieller Schaden von ungefähr 8.000 Euro. Das klingt erstmal nach nicht viel. Handelt es sich hier um eine Scheindebatte der Landwirte? Oder wo liegt die konkrete Gefahr?

Prof. Wolfgang Schröder: Also, eine Scheindebatte ist das mit Sicherheit nicht. Es gibt zwar in Bayern nur wenige Wölfe im Vergleich zu anderen Bundesländern, aber die Wölfe breiten sich aus. Und sie werden über kurz oder lang im Alpenraum auch noch häufiger werden. Gerade im Alpenraum gibt es eine Weidehaltung, die anfällig ist. Und das wissen die Bauern heute schon, obwohl die Wölfe noch nicht so präsent sind.

Warum ist der Wolf überhaupt wieder da?

Der Wolf hat ein unglaubliches Ausbreitungs-Potenzial. Er wurde Anfang 2000 unter Schutz gestellt. Und das allein hat genügt, dass er sich in mehreren Regionen Mitteleuropas ausgebreitet hat. Am besten dokumentiert ist es durch Wölfe, die im Jahr 2000 über die Oder aus Polen gekommen sind, das erste Rudel gegründet haben und von dort weg ist die Welle der Rudel gelaufen. Heute gibt es mehr als 130 Rudel und die sind im ganzen Land verteilt, mit einem Schwerpunkt im Nordosten. Eine ähnliche Ausbreitungsdynamik haben wir vom Balkan herauf oder auch von den italienischen Wölfen.

Wir kennen alle das Märchen vom Rotkäppchen und dem bösen Wolf. Wie gefährlich ist der Wolf denn tatsächlich für den Menschen?

Das ist höchst interessant. Nehmen Sie nur Deutschland. Wir haben über tausend Wölfe in Deutschland. Das hätte sich vor wenigen Jahrzehnten noch niemand vorstellen können. Und wir haben praktisch keine Zwischenfälle. Der Wolf ist im Vergleich zu den vielen Hunden, die es gibt, nicht gefährlich. Er scheut den Menschen. Die Menschen gehören nicht zu seinem Beuteschema. Aber man muss aufpassen.

Die Wölfe werden immer dreister. Sie kommen immer näher an die Siedlungen. Sie kommen immer näher an die Häuser. Und das darf man nicht ignorieren. Man muss aufpassen und den Wolf weiterhin scheu halten. Ich bringe da noch einen Vergleich: In den italienischen Alpen gibt es weniger als hundert Braunbären und von diesen Braunbären geht eine ungleich größere Gefahr aus. Da hat es schon mehrere ernste Verletzungen gegeben. So was kennen wir von den über tausend Wölfen in Deutschland nicht.

Der Wolf gehört zu den streng geschützten Tierarten in der EU. Andererseits wollen die Almwirte natürlich auch ihre Schafe auf der Weide schützen. Geht das denn mit Zäunen und Herdenschutzhunden? Oder müssen einzelne Wölfe eventuell auch zum Abschuss freigegeben werden?

Es gelingt in einzelnen Fällen, durch Zäune oder andere Maßnahmen den Herdenschutz so zu gestalten, dass die Wölfe die Tiere nicht reißen. Das gelingt aber nicht überall. Insbesondere in den Alpen ist ein Herdenschutz flächendeckend nicht möglich.

Deswegen eventuell einzelne Tiere zum Abschuss freigeben?

Damit ist noch nicht das Problem gelöst. So einfach ist eine Problemlösung nicht, dass man einzelne Tiere, wenn sie einem nicht passen, einfach erschießt. Wir haben da mehrere Fälle aus dem Norden Deutschlands, wo es ungleich mehr Wölfe gibt, wo man versucht hat, spezifische Wölfe zu schießen, über Monate hinweg. Das hat Hunderttausende von Euro gekostet und man hat sie immer noch nicht erwischt. So einfach ist das nicht. Mit dem Abschuss einzelner Wölfe ist das Problem nicht zu lösen.

Aber was wäre denn dann eine mögliche Lösung?

Ja, das ist die schwierige Frage. Also wenn ich sie hätte, würde ich Ihnen diese Lösung sagen. Das können Sie auf begrenzter Fläche allein nicht machen. Wir haben bei Wölfen eine europäische Entwicklung und wenn man das auf den Alpenraum betrachtet, eine alpenweite Entwicklung. Wir brauchen Lösungsansätze, die der Weitläufigkeit der Wölfe gerecht werden. Wir können das nicht auf Landkreis-Ebene und schon gar nicht auf Einzelwolf-Ebene machen, sondern wir müssen darüber nachdenken, wie wir das größerräumig durchführen. Und das ist noch nicht geschehen.

Wie stark könnte die Population der Wölfe denn in Bayern steigen, wenn man nichts macht?

Es gibt heute eine sehr gute Lebensraum-Bewertung für Deutschland, die zeigt, dass in Bayern einige Gebiete hervorragender Wolfslebensraum sind. Und dazu gehören die bayerischen Alpen, vor allem, wenn man sie im Verbund mit den angrenzenden Gebirgen in Österreich anschaut. Und würde man die Situation einfach laufen lassen, dann kommt es in diesen Gebieten über kurz oder lang auch zur Rudelgründung. Heute haben wir nur einzelne Wölfe, die da durchgehen, aber über kurz oder lang gibt es dort auch Rudel. Und dann gibt es eine größere Zahl von Wölfen. Also das geht in wenige Dutzend. Allzu groß ist die Zahl der Wölfe dann nicht, aber der Schaden wird dann zunehmen.

Welche Erfahrungen aus dem Alpenraum gibt es denn, die hier in Bayern helfen könnten?

Diese Herdenschutz-Maßnahmen, die im Gebirge möglich sind, wurden in den italienischen Alpen am weitesten getrieben. In der Region Trentino, südlich von Südtirol, wurde mit ungemeinem finanziellen Aufwand ein Herdenschutz im Gebirge durchgeführt, der zu einer deutlichen Absenkung der Schäden geführt hat. Aber das ist immer abhängig von der Topografie, also von der Ausformung der Gebirge. Das ist in Bayern zum Beispiel nicht so einfach möglich.

Im Alpenraum hat der Kanton Graubünden in der Schweiz die längsten Entwicklungen. Dort hat sich ein Rudel in der Nähe der Stadt Chur eingefunden. Von diesem Rudel aus sind weitere im Kanton entstanden. Heute gibt es sieben Rudel im Kanton Graubünden. Und was man sieht, ist, dass man trotz massiver Herden Schutzmaßnahmen an die Grenzen kommt. Ohne eine Kontrolle der Wölfe, sagen die Fachleute in Graubünden, wird es in Zukunft nicht gehen.

Es ist eine hochemotionale Debatte. Gibt es denn überhaupt eine objektive Position zum Thema Wolf?

Also, eine objektive Position mag es von einzelnen Personen geben. Ich bemühe mich als Wissenschaftler natürlich um eine objektive Sicht der Dinge. Aber die Betroffenen, die haben verständlicherweise keine objektive Einstellung. Nehmen Sie nur die Landwirte, die Schafhalter in den Alpengebieten. Die versuchen in der heutigen Bedrohung eine gewisse Kontrolle über ihr Leben zu erreichen. Und das ist natürlich eine emotionale Angelegenheit. Das kann ich nachvollziehen.

Diskussion mit Almbauern und Tierschützern bei "jetzt red i"

Der Umgang mit dem Wolf ist auch Thema bei "jetzt red i“ am Mittwoch, den 20. Oktober um 20.15 Uhr im BR Fernsehen und im Livestream auf BR24. Bürgerinnen und Bürger können ihre Fragen live stellen an die bayerische Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU) und die Grünen-Politikerin Gisela Sengl, Sprecherin für Landwirtschaft und Ernährung ihrer Fraktion im Landtag.

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