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Zeitzeuge Jens Hase ist in der DDR aufgewachsen, er war einer der Tausenden ausreisewilligen DDR-Bürgern, die 1989 in der Prager Botschaft ausharrten und schließlich per Sonderzug in den Westen ausreisen durften.

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Wiedervereinigung: Erinnerungen eines Zeitzeugen in Günzburg

Während die jüngere Generation das geteilte Deutschland nicht mehr erlebt hat, erinnert sich Jens Hase aus Günzburg noch genau an die Zeit der Wende. Er war einer von Tausenden ausreisewilligen DDR-Bürgern in der Prager Botschaft vor 31 Jahren.

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Von
  • Joseph Weidl
  • Susanne Hofmann

Für den Günzburger Jens Hase bedeutet der 3. Oktober mehr als nur geschlossene Geschäfte und vielleicht ein freier Tag. Er feiert diesen Tag, weil er auch für ihn persönlich eine entscheidende Wende symbolisiert: "Das ist für mich ein ganz wichtiger Tag. Obwohl ich schon hier in Günzburg war, bin ich damals in die neuen Bundesländer gefahren und hab die Einheit dort mitgefeiert, in der Nacht um 12 meine Sektkorken aufgemacht, obwohl ich gar nicht mehr da drüben gelebt hab."

Behütete Kindheit in Thüringen

Denn aufgewachsen ist Jens Hase in der DDR, in Eisenach in Thüringen. Fotos zeigen ihn als kleinen Jungen, lachend, mit gestreifter Jacke vor einem Holzzaun und im elterlichen Wohnzimmer. Dort steht auch ein Röhrenfernseher samt Antennen. Hases Familie konnte damals im grenznahen Gebiet auch Westfernsehen empfangen. Seine Kindheit war behütet, erzählt Hase. Von den schwierigen Lebensumständen als Systemkritiker in der DDR hätten ihn seine Eltern abgeschirmt. Sie hätten immer versucht, aus allem das Beste zu machen.

Ein Abschied für immer

Weil sein Vater schwer erkrankt ist, stellen die Eltern im Sommer 1989 einen Ausreiseantrag. Sie befürchten, dass der erst nach Jahren genehmigt wird. Doch im Juli ist die Genehmigung plötzlich da, jetzt muss es schnell gehen. Innerhalb von 24 Stunden müssen die Eltern die DDR verlassen – der 19-jährige Jens darf nicht ausreisen. "Und für mich war das ein Abschied für immer. Und ich weiß noch, wie meine Mama mir versucht hat, in diesen 24 Stunden das Leben beizubringen. Wie man die Miete wohin überweisen muss, wie das mit dem Wäschewaschen läuft. Diese ganzen banalen Dinge in 24 Stunden, das funktioniert nicht und schon gar nicht, weil man den Kopf leer hat, weil man schon den Trennungsschmerz hat, obwohl die Eltern noch da sind."

Zwischen Hoffen und Bangen

Bald beschließt Jens zu fliehen. Er fährt mit dem Zug nach Prag und kann dort über den Zaun der Prager Botschaft klettern, zusammen mit vielen anderen DDR-Bürgern. Bei der berühmten Rede von Hans Dietrich Genscher steht er direkt unter dem Balkon in Prag in der Menge zwischen Hoffen und Bangen.

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Bildrechte: picture alliance/Frank Leonhardt

Die Wiedervereinigung - für viele ist das schon Geschichte, längst vergangen. Für den Zeitzeugen Jens Hase, der in Günzburg lebt, symbolisiert der 3. Oktober eine Wende im Leben: Er war DDR-Flüchtling in der Prager Botschaft.

Im Sonderzug nach Bayern

Über Sonderzüge kommt Jens Hase von Prag nach Bayern und findet schließlich seine Eltern bei Günzburg wieder. Er bekommt einen Job bei einer großen Metallfabrik in der Region, 1990 kann er sich seinen Führerschein leisten. Sofort am nächsten Tag bricht er nach Italien auf, einfach mal raus.

Zeuge eines verschwundenen Landes

Heute ist Jens Hase ein gefragter Gast an Schulen, wo er als Zeitzeuge spricht. Die Wiedervereinigung sieht er als großes Glück. Trotzdem gebe es noch viel zu tun, gerade was die Chancengleichheit zwischen Ost und West angeht. Die Politik sei hier gefordert, sich für das Zusammenwachsen einzusetzen. Noch oft wird er gefragt, was für ihn Heimat ist, denn seine Kindheit und Jugend verbrachte er in Thüringen, lebt aber seit 30 Jahren in Schwaben. Für Hase ist die Antwort klar: "Heimat ist da, wo man sich am wohlsten fühlt. Für mich ist Heimat definitiv Bayern und Günzburg."