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Bayern setzt in Sachen Corona weiter aufs Testen. Das will der Freistaat allen Bürgerinnen und Bürgern kostenlos anbieten. Möglichst flächendeckend sollen dafür Corona-Testzentren entstehen. Zum Start läuft es aber oft noch nicht rund.

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Wieder massive Verzögerung bei Corona-Tests - Kritik an Söder

Bayerns Ministerpräsident Söder hält an kostenlosen Corona-Tests für alle fest - trotz Kritik von Ärzten, Laboren und Kollegen. Das Problem: Testzentren und Labore sind überlastet, die Ergebnisse lassen auf sich warten - derzeit bis zu sieben Tage.

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Von
  • Petr Jerabek

Es bleibt beim bayerischen Sonderweg: Ministerpräsident Markus Söder (CSU) will weiterhin aus der bundesweiten Teststrategie ausscheren und im Freistaat kostenlose Corona-Tests für jedermann anbieten. Das bekräftigt Söder erneut in einem Interview und betont, die bayerische Strategie habe sich insgesamt "sehr bewährt".

Viele sehen das anders: Nicht nur so manch Ministerpräsidenten-Kollege Söders, sondern auch Mediziner und Labore fordern von Söder einen Strategie-Wechsel. Denn auch wenn die Staatsregierung aus den Pannen bei der Benachrichtigung über Corona-Testergebnisse im August Lehren gezogen hat, reißen die Berichte über Probleme nicht ab.

Kostenlos: ja - schneller: nein

Die von Söder ausgerufene Devise "schneller, kostenlos und für jedermann" funktioniert in der Praxis jedenfalls nur zum Teil: Statt schneller geht es vielfach deutlich langsamer. So wurden beispielsweise die Kapazitäten im Corona-Testzentrum auf der Münchner Theresienwiese zwar in kurzer Zeit vervielfacht, einen Termin muss man in der Regel dennoch sieben Tage im Voraus buchen - unabhängig vom Test-Grund. Das mag für jemanden, der eine Auslandsreise plant, machbar sein, bei Corona-Verdachtsfällen aber ist das eine sehr lange Zeit.

Für Reiserückkehrer gibt's an den bayerischen Teststationen an Autobahnen, auf Flughäfen und dem Münchner Hauptbahnhof zwar in der Regel sofort einen Test - das Ergebnis haben die Getesteten deswegen trotzdem nicht unbedingt schneller. Eigentlich soll das Resultat nach Angaben der Betreiber innerhalb von zwei Tagen vorliegen, dem BR liegen aber mehrere Erfahrungsberichte von Menschen vor, die rund eine Woche auf ihren Befund warten mussten.

Banges Warten auf das Ergebnis

Tobias Engel (Name geändert) ließ sich auf der Rückfahrt aus dem Österreich-Urlaub an der Raststätte Hochfelln (A8) testen - er hatte leichte Erkältungssymptome und wollte Sicherheit, bevor er wieder zur Arbeit geht. Als das Resultat nach mehr als drei Tagen nicht da war, rief der 40-Jährige beim Teststation-Betreiber Eurofins an. Ein Mitarbeiter an der Hotline bat um Geduld: Wegen des hohen Testaufkommens könne es derzeit bis zu sieben Tage dauern.

"Jetzt hänge ich natürlich in die Luft", beklagt Engel, der immer noch wartet. "Wenn das Ergebnis nicht zeitnah kommt, ist der Test sinnlos." Eurofins wollte sich auf Anfrage nicht zum Ausmaß der Verzögerungen äußern und verwies auf das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit. Eine Anfrage dort blieb zunächst unbeantwortet.

Ähnlich wie Engel erging es einem anderen Münchner, der vergangene Woche mit dem Zug aus Frankreich kam - sogar mit zweistündigem Aufenthalt im Risikogebiet Paris. Auch ihm wurde beim Test am Münchner Hauptbahnhof ein Ergebnis innerhalb von 48 Stunden in Aussicht gestellt. Tatsächlich kam die E-Mail mit dem negativen Testergebnis erst nach sechs Tagen.

Bayerische Labore an der Kapazitätsgrenze

Ein Grund für die lange Wartezeit dürfte die Überlastung von Laboren sein. Anfang der Woche meldete der Verband der akkreditierten medizinischen Labore in Deutschland (ALM), dass es bei den Corona-Tests der Vorwoche einen Rückstau von mehr als 34.600 gebe. Auf BR-Anfrage teilt der ALM mit: "Auch in Bayern melden uns Labore, dass sie aufgrund des hohen Volumens aktuell Tests nicht taggleich abarbeiten können und sich daher Testergebnisse auch länger als 48 Stunden hinziehen können".

Der Verband macht schon seit Wochen keinen Hehl daraus, dass er von den bayerischen kostenlosen Tests für alle wenig hält. Nötig seien vielmehr zielgerichtete Tests, damit genügend Kapazitäten für symptomatische Patienten sowie Kliniken bereitgestellt werden könnten. Die bayerischen Labore arbeiteten "aktuell an der Kapazitätsgrenze, personell, aber auch im Hinblick auf die technisches Ausstattung und können nicht dauerhaft unter der derzeitigen Last arbeiten, die die Herausforderung der anlasslosen Testung mit sich bringt".

Kritik von Medizinern

Auch der Infektiologe Christoph Spinner vom Klinikum der TU München kritisiert die Tests für jedermann. "Ich glaube, der Labor-Ressourcen-Verbrauch bleibt eine der größten Herausforderungen überhaupt", sagte er dem BR. "Denn es ist heute selbst für uns schwierig, ausreichend Abstrichtupfer, Laborreagenzien und andere Materialen für diese Tests zu besorgen." Gerade in der Wintersaison werde es darauf ankommen, die Tests richtig einzusetzen. "Also dort, wo wir sie benötigen: in Krankenhäusern, Altenheimen und für symptomatisch erkrankte Menschen."

Ähnlich äußerte sich auch der Präsident der Landesärztekammer, Gerald Quitterer, in der neuen Ausgabe des "Bayerischen Ärzteblatts". Statt der ungezielten, kostenlosen Testung Gesunder müssten Tests für Lehrer und Erzieherinnen, Pfleger und Ärzte Priorität haben. Der Leipziger Epidemiologe Markus Scholz sprach kürzlich in der ARD-Sendung "Monitor" von einem "schlechten Verhältnis von Aufwand und Nutzen" bei den kostenlosen Corona-Tests.

Huml sieht keinen Grund für Strategie-Wechsel

Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) betonte am Dienstag nach einer Kabinettssitzung, auch in Bayern gebe es eine Priorisierung: Menschen mit Symptomen würden vorrangig getestet. Einen Grund, vom kostenlosen Test für jedermann abzurücken, sieht sie nicht - obwohl sie einräumen musste, dass einige Labore mittlerweile über Lieferschwierigkeiten bei Reagenzien klagten.

Die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig (SPD), erneuerte vergangene Woche ihre Kritik an Bayern. Nach Söders Ankündigung des kostenlosen Tests für jedermann im Juni sei er "der Held" gewesen, "wir mussten erklären, warum wir eigentlich nur gezielt testen", sagte sie in der ARD. Mittlerweile aber habe sich aber herausgestellt, "dass das gezielte Testen richtig ist", weil man mit den Ressourcen verantwortungsvoll umgehen müsse. Und auch Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) sprach sich für möglichst zielgerichtete Testungen aus.

FDP: Söder muss seinen Kurs schnell ändern

Der FDP-Gesundheitsexperte im Landtag, Dominik Spitzer, zeigt sich entsetzt über die aktuelle Lage in Bayern. "Es darf nicht sein, dass jemand eine Woche auf ein Testergebnis warten muss. Das Risiko, dass in dieser Zeit andere Menschen angesteckt werden könnten, ist zu hoch", sagte er dem BR. Er habe große Sorge, dass die Teststrategie der bayerischen Staatsregierung "schon bald wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt".

Bayern bräuchte laut Spitzer ein Konzept, das die "vorhandenen Ressourcen - insbesondere Personal, Schutz- und Labormaterial - berücksichtigt". Nur so könne sichergestellt werden, dass die Getesteten auch schnell ihr Ergebnis erhalten und bei positivem Bescheid entsprechend handeln können. "Söder und Huml müssen jetzt schnell ihren Kurs ändern, sonst laufen wir sehenden Auges in eine Katastrophe", warnt der FDP-Politiker.

Söder und Huml dürften daher bald Post von Spitzer bekommen: "Für den Herbst brauchen wir einen Plan, wie wir den zu erwartenden Ansturm auf die Praxen und Teststationen Herr werden können", sagt er. "Das werde ich mit Nachdruck auch persönlich vom Ministerpräsidenten und seiner Gesundheitsministerin fordern."

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