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Wie Würzburg mit dem Waschbären umgehen will | BR24

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Bildrechte: dpa-Bildfunk/Britta Pedersen

Insbesondere in Dachstühlen nisten sich Waschbären immer wieder ein. (Symbolbild)

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    Wie Würzburg mit dem Waschbären umgehen will

    In mehreren Ecken Unterfrankens breiten sich Waschbären aus. Nun sind sie im Würzburger Stadtteil Versbach angekommen. Anwohner sind besorgt, ein Jagdpächter ist verärgert über die Stadt. Tierschützer wiederum fordern ein Umdenken.

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    Von
    • Pirmin Breninek

    "Der Natur entnehmen", "wegschaffen", "aus dem öffentlichen Raum entfernen". Immer dann, wenn von wachsenden Populationen nicht heimischer Tierarten die Rede ist, gibt es eine ganze Fülle derartiger Umschreibungen. Sie alle meinen: Die Tiere sollten getötet werden – so die Sicht vieler, auch in Würzburg.

    Seit kurzem sind im dortigen Stadtteil Versbach Waschbären unterwegs. Anwohner, Jäger, Rathaus und auch Natur- und Tierschützer ringen mit dem richtigen Umgang.

    Waschbären kommen in Versbach an

    Aufgekommen ist das Thema in Würzburg vor einem knappen Monat. Anwohner in Versbach berichteten von durchwühlten Mülltonnen, Vogelhäusern oder Nistkästen. "Wir können keine Fenstertüren mehr offen lassen", sagt Hilde Maier aus Versbach, die eigentlich anders heißt. "Ich muss alles verriegeln und verrammeln." Mehrfach entdeckte Hilde Maier Waschbären auf ihrer Terrasse. Auch auf dem Pausenhof einer nahe gelegenen Grundschule seien Waschbären gesichtet worden. Hilde Maier war das alles irgendwann zu viel. Sie holte sich die Unterstützung eines örtlichen Jägers.

    Die Kleinbären, die ursprünglich aus Nordamerika stammen, sind in Unterfranken kein neues Phänomen. Von Hessen kommend breiten sie sich in den vergangenen Jahren immer mehr aus. Nun sind sie in Würzburg angekommen.

    Jäger halten Abschuss für notwendig

    Einer, der offen ausspricht, was aus seiner Sicht gegen die Waschbären zu tun ist, ist Michael Hein: "Das heißt letztendlich auch zu töten." Hein ist Vorsitzender der Kreisgruppe Würzburg im Bayerischen Jagdverband. "Es macht keinen Sinn den einzufangen, ihn an anderer Stelle wieder frei zu lassen, nach dem Sankt-Florians-Prinzip." Chemische oder elektronische Maßnahmen seien weitgehend wirkungslos. Nur wenn Waschbären geschossen werden, könnte es gelingen die rasant wachsenden Populationen einzudämmen, so Hein.

    Gleichwohl: Aufhalten ließen sich die Waschbären in Deutschland sowieso nicht mehr. Dafür sind die Populationen bereits zu groß, sagt Hein. Über 200.000 Waschbären wurden 2019/2020 in Deutschland geschossen – mehr als 20 Mal so viele wie noch vor 20 Jahren.

    Tierschützer kritisieren Töten von Waschbären

    Die Jagd als einziges Mittel gegen den Waschbären? Das sieht zum Beispiel die Tierschutzorganisation Peta anders. Die Waschbären würden sich nur umso schneller vermehren, wenn sie gejagt werden. "Wenn Gebiete für die Tiere attraktiv werden, dann werden auch neue Tiere nachkommen", sagt Peter Höffken, Fachreferent bei Peta. Er verweist außerdem auf eine Studie, die das Ministerium für Landwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern herausgegeben hat. Darin konnte nicht nachgewiesen werden, dass der Waschbär "lokale Bestände naturschutzfachlich relevanter Tierarten beeinträchtigen kann". Demnach würden seltene, heimische Tierarten nur einen geringen Prozentsatz der Beute des Waschbären ausmachen.

    Waschbären kontra Wiesenbrüter

    Genau das befürchten allerdings Jäger – und auch Naturschützer. "Der Waschbär ist per se nichts Negatives", sagt zum Beispiel Steffen Jodl, Geschäftsführer der Kreisgruppe Würzburg des Bund Naturschutz. "Aber es gibt Arten, die zur Veränderungen im Ökosystem führen." Dazu zählt Jodl eben auch den Waschbären. Insbesondere Wiesenbrütern, wie zum Beispiel Rebhühnern oder Fasanen, könnte der Waschbär zusetzen, sagt Jäger Michael Hein.

    EU führt Waschbären auf Liste der "invasiven Arten"

    Die Europäische Union bewertet die Sache ähnlich. Auf der Liste der sogenannten "invasiven Arten" ist auch der Waschbär aufgeführt. Dort benennt die EU Tier- und Pflanzenarten, die mit ihrer Ausbreitung andere Arten oder Ökosysteme beeinträchtigen können. Jäger dürfen den Waschbären ganzjährig schießen.

    Notwendig sei das auch deshalb, weil der Waschbär als möglicher Überträger von Zoonosen gilt, sagt Michael Hein. Der sogenannte Waschbärspulwurm kann beim Menschen im schlimmsten Fall dazu führen, dass betroffene Organe versagen. "Äußert selten" sei eine solche Übertragung vom Tier auf den Menschen allerdings, heißt es wiederum von Peta.

    Würzburger Rathaus will Daten zu Waschbären sammeln

    Doch was bedeutet das alles für den Stadtteil Versbach? Die Würzburger Stadtverwaltung sammelt nach eigenen Abgaben aktuell noch Daten. Das Ordnungsamt hat dazu aufgerufen, Vorfälle mit Waschbären zu melden. In zwei Wochen seien jedoch lediglich sechs Hinweise eingegangen. Drei davon lagen weit in der Vergangenheit, sagt Pressesprecher Georg Wagenbrenner.

    Bei einem der Jagdpächter in Versbach wiederum ist ein gewisser Groll zu spüren. Namentlich will er nicht genannt werden. Auf die Bitte von betroffenen Anwohnern hat er seit kurzem Fallen aufgestellt. Innerhalb der Stadtgrenzen darf nicht gejagt werden. Die Fallen müssen täglich kontrolliert werden. Bedeutet finanziellen aber auch zeitlichen Aufwand, sagt der Jäger. Von der Stadt würde er sich hierbei mehr Unterstützung wünschen.

    Stadt Würzburg will Strategie erarbeiten

    "Einzelne Vorfälle sorgen schnell für eine gewisse Dramatik, dass man anfängt zu spekulieren. Wir würden es gerne genau wissen", sagt Wagenbrenner. Noch sei die Hoffnung im Rathaus groß, dass die "Waschbärproblematik" sich nicht ganz so schleunig entwickelt wie in anderen deutschen Städten, wie etwa Kassel. Mitte Mai will die Stadt nun zu einem "runden Tisch" laden. Dann sollen Naturschutzbeirat, Jagdpächter, Tier- und Naturschützer mit von der Partie sein.

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