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Der Mietmarkt in Bayern ist angespannt. Vielerorts versuchen Wohnungsbaugenossenschaften zu einer Beruhigung beizutragen. Sie bieten vergleichsweise günstige Wohnungen, haben jedoch ein Problem: die häufig langen Wartezeiten.

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Wie Genossenschaften den Mietmarkt entspannen wollen

Der Mietmarkt in Bayern ist angespannt. Vielerorts versuchen Wohnungsbaugenossenschaften, zu einer Beruhigung beizutragen. Sie bieten vergleichsweise günstige Wohnungen, Interessenten haben jedoch ein Problem: die häufig langen Wartezeiten.

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Besser könnte die Lage in Würzburg kaum sein. Frauenland: ein ruhiges Viertel, viele Familien. Die Innenstadt ist fußläufig zu erreichen. Zehn Minuten braucht man zur Residenz. 605 Euro Miete zahlen Nadine Kuhn und ihr Mann Michael hier monatlich. Warm, wohlgemerkt. Drei Zimmer, 75 Quadratmeter, Balkon inklusive. "Die Miete ist echt günstig, verglichen zum Beispiel mit Freunden, mit denen ich mich unterhalte", sagt Nadine Kuhn. Das hängt damit zusammen, dass das Gebäude einer Genossenschaft gehört. Mit Einzug ist Nadine Kuhn dort Mitglied geworden.

Genossenschaften: Wie Mieten, nur anders

Wohnungsbaugenossenschaften (WBG) sind genau genommen ein altbewährtes Modell. Es handelt sich um einen Zusammenschluss mit dem Ziel, den Mitgliedern günstigen Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Historisch gab es zwei Gründungswellen: eine zur Zeit der Industrialisierung und eine nach dem Zweiten Weltkrieg. Wie in Würzburg, als beim Bombenangriff im März 1945 etwa 20.000 Wohnungen zerstört wurden.

Heute ist in Würzburg fast eine von zehn Wohnungen in Genossenschaftshand oder wird von einer Genossenschaft verwaltet, knapp 7.000 von rund 75.000 Wohnungen, verteilt auf das gesamte Stadtgebiet. Der wesentliche Unterschied zum herkömmlichen Mieten: Wer in eine Genossenschaftswohnung zieht, unterschreibt einen sogenannten Nutzungsvertrag. So auch Nadine Kuhn. Wenn sie möchte, dann läuft der Vertrag auf Lebenszeit. Kündigungen gibt es selten. Mieterhöhungen gibt es zwar auch bei den Genossenschaften, sie dienen allerdings der Kostendeckung, Instandhaltung oder Erweiterung.

💡 Wie funktioniert eine Wohnungsbaugenossenschaft?

Wer in einer genossenschaftlichen Wohnung leben möchte, muss zunächst Mitglied werden. Anstelle einer Kaution zeichnen die Mitglieder Anteile der Genossenschaft. Deren Höhe variiert je nach Genossenschaft und Größe der Wohnung. Das Geld wird verzinst und kann nach Auszug ausbezahlt werden. Die Mitglieder haben innerhalb ihrer Genossenschaften Stimmrecht bei den Hauptversammlungen. Sie sind also keine Mieter im klassischen Sinne, sondern können innerhalb der Genossenschaft mitentscheiden.

Meiste Neugründungen in Bayern

Womöglich wegen der größer gewordenen Nachfrage nach günstigem Wohnraum erlebt genossenschaftliches Wohnen in Bayern derzeit einen Aufschwung. Der Verband der Wohnungswirtschaft Bayern (VdW) berichtet von 40 Neuaufnahmen seit 2015. Dabei handelt es sich sowohl um Genossenschaften als auch um kommunale Wohnungsunternehmen. Einen solchen Zuwachs gab es in diesem Zeitraum laut VdW Bundesverband in keinem anderen Bundesland.

Kommunale Wohnungsunternehmen wollen ähnlich wie die Genossenschaften sozial verträglichen Wohnraum anbieten. Ihre Hauptgesellschafter sind jedoch meist die jeweiligen Städte und Gemeinden. In Würzburg gibt es beispielsweise die Stadtbau Würzburg GmbH mit einem Mietbestand von 5.100 Wohnungen. Bayernweit haben die Mitglieder im VdW einen Bestand von 525.000 Wohnungen. Allein in München kommen Genossenschaften und kommunale Wohnungsunternehmen demnach auf über 100.000 Wohnungen, davon 31.000 genossenschaftlich.

Vorteil: Preis - Nachteil: Wartezeit

Mit einem Problem haben aber sowohl Genossenschaften als auch kommunale Unternehmen zu kämpfen: der hohen Nachfrage. Viele Genossenschaften berichten von langen Wartezeiten. "Wir können das eigentlich nur durch Neubau ausgleichen", sagt Frank Hermann vom Würzburger St. Bruno-Werk. Etwa 2.500 Anfragen gehen bei seinen Mitarbeitern jährlich ein. Demgegenüber stehen lediglich 300 Wohnungswechsel, also frei werdende Wohnungen. Derzeit bewirbt sich das St. Bruno-Werk zusammen mit der Heimathilfe-Genossenschaft um ein Areal am Würzburg Hubland. Dort sollen neue Wohnungen entstehen. Die durchschnittliche Wartezeit kann für Interessenten beim St. Bruno-Werk dennoch bis zu einem Jahr betragen.

Und das hat Gründe: Denn tatsächlich ist genossenschaftliches Wohnen meist günstiger als private Wohnungen. Beim St. Bruno-Werk etwa kostet der Quadratmeter derzeit durchschnittlich 6,53 Euro. Bei der Heimbaugenossenschaft ähnlich: 6,50 Euro. Der Durchschnittspreis für herkömmliche Wohnungen liegt derzeit in Würzburg deutlich höher: bei 10 bis 13 Euro pro Quadratmeter, schätzt Edgar Hein, Vorsitzender des Mietervereins Würzburg. Genaue Zahlen zum Mietspiegel gibt es allerdings nicht.

Zukunftsmodell Genossenschaftswohnung?

Bedingt durch ihre eigenen Erfahrungen hat Nadine Kuhn ihren Bekannten inzwischen schon öfter geraten: "Schreibt euch mal bei einer Genossenschaft ein." Sie selbst hat den Tipp einst von einem Arbeitskollegen und ihrem Opa bekommen. Und auch was die Wartezeit angeht, hatte sie Glück: Schon nach einer Woche meldete sich damals die Postbaugenossenschaft (PBG) bei ihr. Gleich zwei Wohnungen hat die Genossenschaft ihr damals angeboten.

Wem gehören die Wohnungen in Augsburg, München und Würzburg? Wo fließt die Miete hin und wer profitiert von den steigenden Preisen? Gemeinsam mit den Bürger*innen möchten BR und Correctiv den Immobilienmarkt transparenter machen. Helfen Sie mit! Gehen Sie auf unsere Webseite br.de/wemgehoert. Teilen Sie uns Adresse und Eigentümer Ihrer Wohnung mit. Laden Sie einen Beleg, zum Beispiel ein Foto Ihres Mietvertrages, hoch. Eingaben überprüfen und absenden.

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Acht Wohnbaugenossenschaften gibt es in Würzburg. Gemeinsam verwalten sie rund 7.000 Wohnungen in der Domstadt. Dass die Genossenschaften in Würzburg stark vertreten sind, hat historische Gründe.

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