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Wie viel Windkraft passt nach Bayern?

Windräder in Oberfranken

Bildrechte: picture alliance/dpa | Daniel Vogl
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Wie viel Windkraft passt nach Bayern?

Bundesklimaminister Habeck besucht Bayern. Mehr Windräder im Freistaat fordert der Grüne. Bayern sei kein Wind-Land, argumentiert CSU-Ministerpräsident Söder. Wie groß ist das Potenzial für Windräder in Bayern wirklich?

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Lorenz StorchLorenz Storch
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Das Ziel der Ampel-Bundesregierung ist klar: Deutschlandweit sollen zwei Prozent der Landesfläche für Windkraft reserviert werden. "Der Bundeswirtschaftsminister ist sehr norddeutsch geprägt, er überträgt sozusagen das Modell von Schleswig-Holstein auf Bayern", findet dagegen der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU). Die Topographie in Süddeutschland sei für Windkraft nicht so sehr geeignet.

Forscher: Zwei Prozent der Fläche für Windkraft kein Problem

Ist das von der Bundesregierung vorgegebene Zwei-Prozent-Ziel in Bayern also überhaupt umsetzbar? Tobias Schmid ist an der Münchner Forschungsstelle für Energiewirtschaft (FfE) der Spezialist für Geodatenbanken. Das heißt: Er hat den Überblick, welche Gebiete sich von den natürlichen und rechtlichen Gegebenheiten her für Windkraft eignen. Und er stellt auf BR-Anfrage klar: "Zwei Prozent der Landesfläche für Windkraft zu nutzen ist in Bayern kein Problem. Es ist sogar leichter als in dichter besiedelten Bundesländern."

Wird die 10H-Regel abgeschafft?

Das gelte allerdings nur, falls die bayerische 10H-Regel abgeschafft wird. Diese erschwert den Bau von Windrädern stark, falls sie nicht einen Abstand vom zehnfachen ihrer Höhe zur nächsten Siedlung einhalten. Das bedeutet in der Regel zwei Kilometer und mehr – dieser Abstand kann fast nirgends im Freistaat eingehalten werden. Habeck fordert die Abschaffung dieser Regel, Söder will an ihr festhalten.

Zahl der Windräder verdoppeln oder verdreifachen

Nach jüngsten Zahlen (31.12.2021) stehen in Bayern 1.138 Windräder. Auf wie viele mehr müsste sich die Bevölkerung einstellen, wenn die Ziele der Bundesregierung Wirklichkeit werden? Forscher Schmid weist darauf hin, dass moderne Windkraftanlagen mit ihren großen Rotoren viel leistungsstärker sind als die bisher gebauten: "Deshalb können wir mit zwei bis dreimal so vielen Anlagen wie heute durchaus sehr ambitionierte Ziele erreichen."

Söder: Franken und Ostbayern nicht überlasten

CSU-Ministerpräsident Markus Söder sieht das jedoch skeptisch. Dem BR sagte er: "Die Pläne der Grünen bedeuten, dass ganz Franken und Ostbayern massiv Überlast bei Windrädern bekommt. Ich glaube, auch bei der Energiepolitik muss es einen fairen gemeinsamen Kompromiss geben."

Damit reagiert Söder auch auf Druck aus der Bevölkerung. Oberfränkische Anti-Windkraft-Initiativen zum Beispiel haben im Vorfeld des Habeck-Besuchs einen Brief an CSU-Abgeordnete geschrieben. Darin fordern sie eine gleichmäßige Verteilung der Windkraft auf das ganze Land, statt immer mehr davon in Franken: "Unsere Heimat Oberfranken ist nicht dazu da, den Energieversorger für den Süden Bayerns zu spielen, solange es noch Regierungsbezirke gibt, die sich nahezu komplett verweigern."

Windräder ballen sich in Nordbayern

Tatsächlich stehen mehr als zwei Drittel der existierenden Windräder im Freistaat in Franken, in den großen Regierungsbezirken südlich der Donau dagegen haben viel weniger. Ganz Niederbayern etwa zählt bisher nur 21 Windräder. Das liegt nur zum Teil daran, dass im Norden Bayerns mehr Wind weht, sagt der Bayern-Vorsitzende des Bundesverbands Windenergie (BWE), Bernd Wust. Zwar gebe es im Norden Bayerns mehr gute Standorte, man finde solche aber genauso im Süden: "Die Mengen an Windrädern, die wir brauchen, könnten wir grundsätzlich auch gleichmäßig über das Land verteilen. Das ist aus meiner Sicht eine planerische Entscheidung."

Rot sind die besten Windkraft-Standorte, gelb ist geeignet, grün zum Teil auch. In den blau gefärbten Regionen weht zu wenig Wind.

Bildrechte: BR/Bayerisches Wirtschaftsministerium

Das Windangebot im Freistaat ist unterschiedlich verteilt. Die besten Standorte sind rot dargestellt. Die gelb dargestellten Gebiete sind nach Einschätzung des bayerischen Wirtschaftsministeriums in seinem Windatlas für Windkraft geeignet. Denn bei einer Standortgüte bis zu 60 Prozent des so genannten Referenzertrags greift ein Ausgleichsmechanismus im geltenden Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Wer hier ein Windrad baut, kann mit einer etwas höheren Vergütung rechnen. Nach Angaben des Windkraftverbands lohnen sich Windräder aber je nach den örtlichen Umständen auch bis zu einer Standortgüte von 50 Prozent – das umfasst dann zusätzlich auch einen Großteil der grün dargestellten Flächen.

Der Energieatlas Bayern des bayerischen Wirtschaftsministeriums enthält auch eine interaktive Karte zu für Windkraft geeigneten Gebieten. Damit können Interessierte überprüfen, wo im Umfeld ihres Wohnorts möglicherweise Windräder gebaut werden könnten. Hier sind laut Wirtschaftsministerium neben der Windstärke auch Belange des Immissionsschutzes und des Naturschutzes bereits berücksichtigt.

Regionale Planungsverbände würden entscheiden

Sollte sich der grüne Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck mit seiner Forderung durchsetzen, die bayerische 10H-Sonderabstandsregel abzuschaffen, dann wären die regionalen Planungsverbände am Zug. Um mit Beteiligung der Kommunen zu entscheiden, wo Windräder gebaut werden und wo nicht. Das war vor 2014 schon so, bevor die 10H-Regel dem ein Ende gesetzt hat. Die Mehrheit der Regionalen Planungsverbände hatte damals bereits Windkraftgebiete ausgewiesen, einige in der Oberpfalz und Oberbayern hatten das jedoch damals noch nicht getan. Diese schon ausgewiesenen Flächen machen immerhin 0,5 Prozent der bayerischen Landesfläche aus. Die Hälfte davon ist bisher noch nicht mit Windrädern bebaut.

Zwar sind nach Einschätzung des Windkraftverbands wahrscheinlich nicht alle diese Flächen auch wirklich für Windräder geeignet. Aber man könne doch mit dieser Gebietskulisse schon mal anfangen. Und dann mit neuen Planungsprozessen die Gebiete überprüfen und gegebenenfalls erweitern. Landkreise und Gemeinden wären dabei beteiligt.

Windkraftgegner wollen 10H-Regel behalten

Windkraftgegner wie die oberfränkischen Bürgerinitiativen dagegen verlangen von Söder, an der 10H-Regel festzuhalten. "Das 10H-Gesetz ist für unsere Gesundheit und Lebensqualität sehr wichtig", heißt es in ihrem Brief an CSU-Abgeordnete. Die Regel habe einen "stabilen Ausgleich" zwischen den Interessen der Energiewirtschaft und der Bürger herbeigeführt.

In der Folge ist allerdings der Ausbau der Windkraft in Bayern praktisch zum Stillstand gekommen. In den ersten drei Quartalen 2021 wurde im ganzen Freistaat kein einziges Windrad neu beantragt.

Wie viel Windkraft passt nach Bayern?

Bildrechte: picture alliance/dpa | Matthias Balk

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