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Über Viehwirtschaft, Gülle und Kunstdünger gelangt Nitrat ins Grundwasser
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Autoren

Lukas Rumpler
Sophie Rohrmeier
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Über Viehwirtschaft, Gülle und Kunstdünger gelangt Nitrat ins Grundwasser

Jeder braucht Wasser - möglichst schadstofffreies Wasser. Über Kunstdünger und Gülle kommt allerdings Nitrat ins Wasser - und letztlich in unsere Körper. Die Menge des Stickstoffs in Grenzen zu halten, kostet Geld. In Zukunft müssen die Verbraucher vielleicht deutlich mehr für ihr Trinkwasser bezahlen. Denn in einigen Gegenden wird sauberes Grundwasser rarer.

Zu viel Nitrat führt zu Umweltschäden, zu überdüngten Küstengewässern und Seen, zu einem Mangel an Sauerstoff und Todeszonen für die darin lebenden Tiere. Es kann aber auch für den Menschen gesundheitsschädlich sein, vor allem für Babys. Der Körper kann Nitrat in Nitrit umwandeln. Bei Säuglingen kann es dadurch zu einer Störung des Sauerstofftransports kommen - und zur sogenannten Blausucht. Deshalb schreibt die Trinkwasserverordnung für Nitrat einen Höchstgehalt von 50 Milligramm pro Liter (mg/l) vor.

Wenn Grundwasser belastet ist, heißt das nicht unbedingt, dass auch unser Trinkwasser Schadstoffe enthält. Aus dem Grundwasser wird Rohwasser entnommen, um daraus Trinkwasser zu gewinnen - dafür muss es unter Umständen aufbereitet werden.

Doch wie teuer ist die Aufbereitung - und wer soll dafür bezahlen? Kürzlich berichteten wir in einem #fragBR24-Video über Lebensmittelpreise, in dem es auch um die Umweltschäden wie Nitrat im Grundwasser geht:

Einige Zuschauer fragten genauer nach. Sie wollten wissen, wie hoch die Kosten für die Wasseraufbereitung ist - und wie viele Gebiete in Deutschland übermäßig von Nitrat belastet sind.

Wie viele nitratbelastete Gebiete gibt es in Deutschland und Bayern?

Gelangt zu viel Dünger auf ein Feld, nehmen die Pflanzen den Stickstoff nicht ganz auf. Der überschüssige Stickstoff gelangt als Nitrat dann auch ins Grundwasser. Im Freistaat überschritt das Grundwasser laut Landesamt für Umwelt (LfU) zuletzt auf fast einem Viertel der Landesfläche (23 Prozent) den Schwellenwert nach der Grundwasserverordnung in Höhe von 50 Milligramm pro Liter - und erreichte damit in diesen Gebieten keinen guten Zustand gemäß Wasserrahmenrichtlinie.

In Bayern sind relevante Teile des Grundwassers mit Nitrat belastet.

In Bayern sind relevante Teile des Grundwassers mit Nitrat belastet.

Bundesweit wies zuletzt die Hälfte (50,7 Prozent) aller Grundwassermesstellen eine Nitratbelastung auf, die höher liegt als 25 Milligramm pro Liter. Ab diesem Wert gilt die natürliche Beschaffenheit des Wassers als deutlich vom Menschen verändert. Die Ergebnisse der aktuellsten Messungen, veröffentlicht im Nitratbericht der Bundesregierung von 2016, zeigen:

An mehr als jeder vierten Messstelle (28 Prozent) überschritten die mittleren Nitratgehalte zwischen 2012 bis 2014 sogar den Schwellenwert für Nitrat in Höhe von 50 mg/l.

Fast die Hälfte aller Messstellen weist eine deutliche Nitratbelastung auf.

Fast die Hälfte aller Messstellen weist eine deutliche Nitratbelastung auf.

Belastetes Grundwasser heißt nicht belastetes Trinkwasser

Anders verhält es sich mit dem Trinkwasser in Deutschland: "Grenzwertüberschreitungen im Trinkwasser bleiben die seltene Ausnahme", heißt es vom Umweltbundesamt (UBA). Denn die Wasserversorger pachten selbst Flächen, um das Wasser zu schützen, sie verlagern Brunnen oder mischen, wo nötig, zu stark belastetes Grundwasser mit unbelastetem Wasser und sorgen so für die Einhaltung des Grenzwerts. Diese Kosten fließen heute schon in den Preis für Trinkwasser ein. In München kostet derzeit ein Kubikmeter Wasser 1,6799 Euro (1,57 Euro netto).

"Doch derartige Maßnahmen werden in Zukunft in hochbelasteten Regionen nicht ausreichen, um den Nitratwert im Trinkwasser niedrig zu halten", schreibt das UBA. "In einigen Gebieten könnte bald der Fall eintreten, dass das Wasser zusätzlich gereinigt werden muss."

Aber das hat seinen Preis. Wie hoch ist er? Und wer soll ihn bezahlen?

Wie hoch sind die Kosten für die Aufbereitung?

Kurz gesagt: Zwischen 20 Cent und mehr als 2 Euro pro Kubikmeter.

Der genaue Kostenanstieg ist abhängig von unterschiedlichen Faktoren.

Über die Schätzung der Kosten für die Trinkwasseraufbereitung nach einer Nitrat-Belastung gibt es Streit zwischen dem Umweltbundesamt und den Wasserversorgern einerseits und dem Bauernverband andererseits.

"Trinkwasser könnte in etlichen Regionen Deutschlands in Zukunft spürbar teurer werden", hieß es in der Mitteilung des Umweltbundesamts, die im vergangenen Jahr Aufsehen erregte. Grund sei die hohe Nitrat-Belastung. Sänken die Nitrateinträge dort, wo der Grenzwert überschritten wurde, nicht bald, müssten betroffene Wasserversorger zu teuren Aufbereitungsmethoden greifen, um das Rohwasser von Nitrat zu reinigen.

Das UBA nannte auch konkrete Schätzungen auf Basis seiner Studie: Um 55 bis 76 Cent pro Kubikmeter könnten die Reinigungskosten den Preis von Trinkwasser erhöhen. Das entspreche einer Preissteigerung von 32 bis 45 Prozent. Eine vierköpfige Familie müsste dann, so die Behörde, bis zu 134 € im Jahr mehr bezahlen.

Der Bauernverband greift die Rechnung an

Weil aber Nitrat vor allem über Kunstdünger und Gülle in den Boden und ins Wasser gerät, setzte der Bauernverband zum Gegenangriff an.

Im vergangenen Jahr traten Novellen des Düngegesetzes und der Düngeverordnung in Kraft. Die Studie des UBA erschien jedoch bereits davor. Dies warf der Bauernverband der Behörde vor: Die Veränderungen, die auf weniger Düngereinsatz zielen, seien nicht in Betracht gezogen.

Doch die Folgen des geänderten Düngerechts abzuwarten - wie es der Bauernverband in seiner Antwort auf das UBA auch forderte - würde bedeuten, Jahrzehnte zu warten. Denn abhängig von der Bodenbeschaffenheit braucht Nitrat zum Teil sehr lange, um vom Boden ins Grundwasser zu gelangen. Und erst dann ließe sich feststellen, ob sich die Situation nach den Gesetzesänderungen verbessert.

Ein weiterer Vorwurf: Die Studie des Umweltbundesamts, auf der die Mitteilung über eventuell steigende Preise beruhte, sei nicht repräsentativ für Deutschland, lautete einer der Vorwürfe des Bauernverbands. Ein darauf basierendes Szenario für Gesamtdeutschland müsse zwangsläufig zu einer Überschätzung der Kosten führen.

Der Einwand ging allerdings ins Leere, da das UBA explizit nur von "etlichen Regionen" Deutschlands sprach, die besonders belastet sind.

Vor allem in Regionen mit viel Vieh und intensivem Gemüseanbau ist das Grundwasser belastet. Deshalb nahm das Umweltbundesamt Gebiete in die Studie auf, die mit diesen Problemen konfrontiert sind und in denen es bereits Kooperationen mit Landwirten gab, wie die Behörde gegenüber BR24 erklärte. So konnte sie zeigen, wie Vorsorge der Wasserversorger zusammen mit den Landwirten funktioniert und welche Reparaturen nötig waren, wenn der Nitratgrenzwert überschritten ist.

In den Zahlen der Behörde sah der Bauernverband dennoch "Panikmache" und erhob einen weiteren Vorwurf: "Die UBA-Studie ist eine theoretische Kalkulation unter 'Worst Case'-Bedingungen, die ausschließlich das Ziel verfolgt, die Kosten für die Trinkwasseraufbereitung in die Höhe zu treiben und der Landwirtschaft anzulasten."

Doch auch dieser Vorwurf lässt sich nicht untermauern. Die Autoren der UBA-Studie rechneten nicht nur eines, sondern mehrere Szenarien durch. In der Pressemitteilung veröffentlichte das UBA gerade nicht die höchste Schätzung des "Worst Case", sondern die mittlere, bei der die Verbraucher 55 bis 76 Cent mehr bezahlen müssten. Die maximalen Kosten hingegen verortete die Studie zwischen 0,76 und 1,11 Euro pro Kubikmeter Trinkwasser. Immer gerechnet unter bestimmten Rahmenbedingungen für den Fall, dass eine Trinkwasseraufbereitung nötig wird.

Für Bayern keine Entwarnung

Für das Landesamt für Umwelt (LfU) in Bayern ist dieser Bereich jedoch noch gar nicht das oberste Ende:

Bei sehr günstigen Umständen könne mit Kosten von etwa 50 Cent pro Kubikmeter gerechnet werden, so das Landesamt - also wenn zum Beispiel ein entsprechendes Gebäude vorhanden oder eine direkte Einleitung der wässrigen Rückstände in Oberflächengewässer möglich ist. Die Spanne gehe aber bis zu über 2 Euro pro Kubikmeter - bei ungünstigeren Bedingungen. Oftmals liegen die Kosten laut LfU im Bereich von rund 80 Cent bis 1 Euro pro Kubikmeter.

Die Denitrifikation gehört bisher nicht zur standardmäßigen Ausstattung von Wasserwerken. Nach Auskunft des Umweltbundesamts sind derzeit in Deutschland lediglich drei Trinkwasser‐Anlagen zur biologischen Nitratentfernung in Betrieb. Wie genau Wasserversorger das Wasser aufbereiten müssen und wie teuer das wird, hängt von verschiedenen örtlichen Faktoren ab:

  • Um wie viel Wasser geht es? Wie hart ist das Wasser?
  • Muss das Wasser vor- oder nachbehandelt werden?
  • Welcher Zielwert soll erreicht werden?
  • Wie hoch ist die Belastung?

Eben in der Belastung sehen die Umweltbehörden - und auch die Wasserversorger - ein Problem. Und zwar nicht nur in der aktuellen, sondern auch in der künftigen.

So gibt das bayerische Landesamt für Umwelt keine Entwarnung. Auch die Belastung des bayerischen Grundwassers mit Nitrat habe sich zwischen 2008 und 2016 nicht signifikant verändert - ähnlich wie in ganz Deutschland. In Bayern werde der Nitrat-Grenzwert aktuell bei 5,5 Prozent der langjährig beobachteten Messstellen überschritten, damit sei die Nitratbelastung des Grundwassers in etwa gleich geblieben. Bei circa 29 Prozent liegt der Nitratgehalt über 25 Milligramm pro Liter. "Eine Besserung ist nicht erkennbar", schreibt das LfU.

Das LfU gibt auch für die Nitratbelastung in Bayern keine Entwarnung.

Das LfU gibt auch für die Nitratbelastung in Bayern keine Entwarnung.

Nitratwerte im Grundwasser seit Jahren unverändert

Auch in ganz Deutschland verbesserten sich die Werte im Grundwasser während der vergangenen Jahre insgesamt nicht statistisch signifikant. In etlichen Gegenden steigt die Nitratkonzentration dort durch die Massentierhaltung und übermäßiges Düngen in der Landwirtschaft sogar weiter. Das beobachtet das UBA, das die Zahlen für den alle drei Jahre erscheinenden Nitratbericht der Bundesregierung bereitstellt.

Die Nitratbelastung des Grundwassers in Deutschland ist seit Jahren fast gleich

Die Nitratbelastung des Grundwassers in Deutschland ist seit Jahren fast gleich

Ein Vergleich der beiden vergangenen Überwachungszeiträume 2008 bis 2011 und 2012 bis 2014 zeigt:

Der Anteil an Messstellen

  • an denen der Nitrat-Grenzwert überschritten wurde, blieb unverändert (28 Prozent)
  • mit Nitratgehalten zwischen 40 und 50 mg/l nahm geringfügig von 8,7 auf 8,5 Prozent ab
  • aus der Konzentrationsklasse 25 bis 40 mg/l Nitrat sank von 15 auf 14,2 Prozent
  • mit keiner oder nur geringer Belastung (0 bis 25 mg/l Nitrat) stieg leicht von 48,3 auf 49,3 Prozent

Die Nitratbelastung nimmt an fast 16 Prozent der Messstellen stark zu.

Die Nitratbelastung nimmt an fast 16 Prozent der Messstellen stark zu.

Umweltexperten und Wasserversorger sind angesichts dieser stagnierenden Werte - und im Blick auf die Zukunft - nicht optimistisch.

In einer Studie für den Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft befragte Versorger gaben an, dass es in fast einem Fünftel der Gebiete, aus denen Wasser gewonnen wird, zwischen 30 und 49 Jahren und in etwa 16 Prozent von ihnen sogar fünf Jahrzehnte und mehr dauere, bis neu gebildetes Grundwasser die Brunnen erreicht. In vielen Wassergewinnungsgebieten, heißt es in der Studie, seien die "Sünden" landwirtschaftlicher Flächenbewirtschaftung der 1970er und 1980er Jahre noch gar nicht zu Tage getreten.

Fazit

In Bayern und ganz Deutschland besteht im Hinblick auf die Nitratbelastung kein Anlass zur Entwarnung. Die Belastung kann in den kommenden Jahren und Jahrzehnten noch zunehmen - weil sich die Einflüsse aus vergangener Zeit erst noch zeigen. In belasteten Gebieten, in denen eine aufwändige Reinigung nötig sein wird, könnte Trinkwasser für die Verbraucher deshalb teurer werden.