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Wie systemrelevant sind die Friseure? | BR24

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Wie systemrelevant sind die Friseure?

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Wie systemrelevant sind die Friseure?

Als Erste dürfen nun die Friseure wieder öffnen - von vielen heiß ersehnt. Aber ist das gerecht? Sind die Friseure wirklich wichtiger als Schulen, Restaurants, Theater und Sportplätze? Hängt unsere Würde von gestutzten Haaren ab?

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Von
  • Katrin Bohlmann
  • BR24 Redaktion

Was wurde geschimpft, unverständlich der Kopf geschüttelt und auch geschmunzelt, als Ministerpräsident Markus Söder nach den Bund-Länder-Beratungen vor knapp drei Wochen sagte, der Besuch beim Friseur sei wichtig. Er sprach von Hygiene und sogar von Würde.

Guter Haarschnitt gibt Ausstrahlung und Selbstbewusstsein

Söder ist für diese Aussage viel gescholten worden. Recht gibt ihm jedoch der Soziologe Olaf Struck von der Uni Bamberg. Seiner Ansicht nach sind Friseure gerade jetzt in der Krise wichtig. Schließlich wollten die meisten Menschen schön und attraktiv sein, und ein guter Haarschnitt sorge nunmal für Ausstrahlung und Selbstbewusstsein, so der Soziologe. Das sei sogar mehr als Würde. Und deswegen wollten die Menschen, dass die Friseure jetzt offen haben.

Die Wiedereröffnung der Friseurläden hat also auch einen psychologischen Wert. Deswegen sei es ein kluger Schachzug der Politik gewesen, so Olaf Struck. Der Gang zum Friseur gebe Hoffnung und Perspektive. Denn im Lockdown sei derzeit die Möglichkeit nach Selbstinszenierung, Anerkennung und Identität "kollektiv zerstört": Keine Restaurantbesuche, kein Konsum, keine gemeinsamen Freizeitaktivitäten. Da sei die Öffnung der Friseursalons ein Hoffnungsschimmer.

Reaktion auf Schwarzarbeit unter Friseuren

Dagegen sieht Politikwissenschaftlerin Ursula Münch die Öffnung der Friseure pragmatischer. Es sei eine folgerichtige Reaktion der politisch Verantwortlichen auf die Schwarzarbeit in der Branche, sagt die Leitern der Akademie für Politische Bildung in Tutzing. Da wolle die Politik die Dunkelfelder in Küchen und Kellern besser in den Griff bekommen. Und es sei natürlich auch ein Stimmungsaufheller für die Bevölkerung.

Öffnung stößt Gerechtigkeitsdebatte an

Mit Würde und Hygiene habe die Öffnung der Friseure allerdings weniger zu tun, kritisiert die Politikwissenschaftlerin die Aussage des Ministerpräsidenten. Sie habe die Aussage zwar sympathisch gefunden, aber nicht "unbedingt überzeugend". Das Problem sei für sie: Wenn man mit der ersten Lockerung anfange, dann fühlten sich andere benachteiligt und wollten auch öffnen. "Jeder kleine Öffnungsimpuls schafft im Grund das nächste Problem", so Ursula Münch.

Die Entscheidung, die Friseurläden zu öffnen, hat also die Gerechtigkeitsdebatte verschärft. Und die verantwortlichen Politiker stehen nach wie vor unter Druck, so Ursula Münch. Auf der einen Seite müssen sie die Gesundheit der Menschen schützen - auf der anderen Seite wirtschaftliches und soziales Leben ermöglichen.

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Wer frisch geschnittene Haare hat, wirkt verdächtig. Woher kommt der Schnitt? Friseursalons sind coronabedingt geschlossen. Tatsache ist: Der Schwarzmarkt boomt - weil Friseure ums finanzielle Überleben kämpfen.