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Wie sich Kinder während der Corona-Krise entwickeln | BR24

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Bayern 3-Moderatorin Claudia Conrath im Gespräch mit Entwicklungspsychologin Sabina Pauen.

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Wie sich Kinder während der Corona-Krise entwickeln

Wie wirkt sich die Corona-Pandemie auf die geistige Entwicklung von Kindern aus? Die Psychologin Sabina Pauen sieht nicht nur negative Auswirkungen.

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Sabina Pauen ist Entwicklungspsychologin und Professorin an der Universität Heidelberg. Im Gespräch mit Bayern 3- Moderatorin Claudia Conrath beschreibt sie die psychologische Entwicklung von Kindern während der Corona-Krise.

Bayern 3: Werden die Kinder durch diese Situation erwachsener?

Sabina Pauen: Grundsätzlich sind Entwicklungssprünge etwas Normales, die man auch zu jeder Zeit beobachten kann. Aber wir leben ja in besonderen Zeiten und die Kinder auch. Und das kann schon dazu führen, dass sie jetzt auch auf einzelnen Gebieten besonders schnell Fortschritte machen. Auf der einen Seite haben sie besondere Anforderungen, die Corona einfach liefert. Zum Beispiel müssen sie jetzt zuhause mit ihren Familien mehr klar kommen. Sie können ihre Freunde nicht sehen, sie müssen ihr Lernen selber organisieren, im Haushalt vielleicht helfen. Und auf der anderen Seite haben wir auch mehr Freiraum. Sie empfinden vielleicht nicht mehr so viel Druck von der Schule, die ganzen Freizeitaktivitäten sind reduziert und die Hobbys müssen nicht gepflegt werden. Also diese Kombi aus besonderen Anforderungen auf der einen Seite und mehr Ressourcen auf der anderen Seite kann dazu führen, dass sie in bestimmten Bereichen sehr schnell vorwärts kommen.

Bayern 3: Also vielleicht mehr Eigenverantwortung auf der einen Seite. Auf der anderen Seite sehen viele Kinder womöglich, dass ihre Eltern gerade straucheln. Was macht das mit den Kindern?

Sabina Pauen: Wenn alle in der Familie ein bisschen unsicher sind, dann gibt es natürlich auch Chancen für das ganze Familiensystem, sich zu entwickeln. Wenn die Eltern ganz klar den Takt vorgeben und die Erwartungen immer ganz klar formulieren an die Kinder, dann müssen die in ihrer Bahn bleiben. Aber wenn die Eltern selber jetzt mit den Kindern zusammen nach neuen Formen des Miteinanders suchen oder auch lernen, zu organisieren beispielsweise, dann sind die Kinder ja auch viel mehr gefordert, selbst Lösungen zu finden. Und das kann sie stärken, darin zu erkennen: "Ich bestimme mein Leben ein Stück weit auch mit".

Bayern 3: Das klingt für mich, nach dem, was Sie sagen, dass es mehr Vorteile für die Kinder hat. Viele sagen aber: Was tun wir unseren Kindern mit diesem Shutdown für Schule, Kindergarten und Kita an? Können Sei diese Ängste verstehen?

Sabina Pauen: Selbstverständlich kann ich die Ängste verstehen und ich habe sie auch. Das hat immer zwei Seiten. Wir haben jetzt über die positiven Seiten gesprochen, die Chancen, die darin stecken. Aber es gibt ja auch genügend in der Familie, die unter so einem Stress stehen und diesen Herausforderungen nicht gewachsen sind, dass das ganze System instabil wird und man sich gegenseitig auch in eine negative Schleife ziehen kann. Also es ist ein bisschen das, was wir daraus machen. Aber auch die Herausforderungen, vor denen wir stehen: Wenn ich um meinen Arbeitsplatz Angst haben muss, wenn ich im Homeoffice überfordert bin und parallel dazu kleine Kinder betreuen soll, dann bin ich einfach in einer anderen Situation, als wenn ich das Ganze gelassen angehen kann und jetzt mal mehr auf meine Kinder achten kann als vorher.

Bayern 3: Ist diese Extremsituation etwas, das in den Kindern sehr lange nachhallen wird? Oder glauben Sie, wenn alles wieder normal läuft, dann ist das auch schnell wieder vergessen?

Sabina Pauen: Da es jetzt schon eine ganze Weile dauert und auch klar ist, dass wir jetzt nicht sofort wieder auf normal schalten können, denke ich schon, dass es einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen wird. Auch da möchte ich wieder sagen: Der Eindruck muss nicht nur negativ sein. Es wird für uns alle, glaube ich, die Großen und die Kleinen, eine besondere Zeit bleiben und eine besondere Herausforderung auch für die Zukunft darstellen. Insofern begleitet uns Corona wahrscheinlich noch eine ganze Weile und auch in den Köpfen der Kinder.

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