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Die eigene sexuelle Identität finden und offen leben - auch heute ist das nicht selbstverständlich. Ein 19-Jähriger im Berchtesgadener Land erlebt tagtäglich homophobe Anfeindungen. Aber anstatt Opfer zu sein, will er dem Hass etwas entgegensetzen.

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Wie sich ein 19-jähriger Homosexueller für Toleranz einsetzt

Die eigene sexuelle Identität finden und offen leben - auch heute ist das nicht selbstverständlich. Ein 19-Jähriger im Berchtesgadener Land erlebt tagtäglich homophobe Anfeindungen. Aber anstatt Opfer zu sein, will er dem Hass etwas entgegensetzen.

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Von
  • Theresa Krinninger

Als Justin Lorenz vor einem Jahr aus dem Spreewald nach Bad Reichenhall zog, hat er sich seinen Start anders vorgestellt. Als er mit seinem damaligen Freund Händchen hielt, riefen Passanten "ihgitt", in der Berufsschule haben ihn zwei Mitschüler immer wieder gemobbt. "Die Beschimpfungen wurden immer schlimmer", erzählt der 19-jährige Einzelhandelskaufmann.

Homophobie und Transfeindlichkeit gegenüber LGBTQ-Personen haben in einer modernen Gesellschaft keinen Platz. Und doch: wer seine sexuelle Identität offen lebt, riskiert tagtäglich diskriminiert zu werden. Dem bayerische Lesben- und Schwulenverband zufolge betrifft das fast alle gesellschaftlichen Bereiche, in der Familie, auf der Straße, am Arbeitsplatz oder in der Schule.

Aktivist statt Mobbing-Opfer

Justin Lorenz erstattete Anzeige bei der Polizei. Er sagt, er sei von den beiden Mitschülern nicht nur kontinuierlich beschimpft, sondern auch bespuckt worden. Beweisen kann er es aber nicht. Nach Angaben der Polizei haben die Beschuldigten nie ausgesagt. Das Verfahren wurde eingestellt. Er wollte es aber nicht dabei belassen. Statt Opfer, will er Aktivist sein.

Er wandte sich an die die Jugendsozialarbeiterin der Berufsschule und an die Mitarbeiter am Haus der Jugend in Bad Reichenhall. Die Einrichtung des gemeinnützigen Sozialbetriebs Jonathan ist unter anderem ein Treffpunkt für Jugendliche. Damit andere LGBTQ-Personen nicht die gleiche Diskriminierung erleben müssen wie er, will er seine Botschaft verbreiten: "In einer aufgeklärten Gesellschaft haben Homophobie, Mobbing und Gewalt nichts zu suchen", wiederholt Justin Lorenz immer wieder.

Homosexuelle Jugendliche: Angst vor dem Coming-out

Als der 19-jährige Auszubildende im Haus der Jugend von seinen Erfahrungen erzählte, wurde der pädagogische Mitarbeiter Andras Gröbner hellhörig. Denn auch er erlebt es in seinem Arbeitsalltag, dass Jugendliche auf Homosexualität ablehnend reagieren oder dass manche ihr "Geheimnis" nur ihm anvertrauen, aus Angst vor sozialer Ausgrenzung. Andreas Gröbner vermutet, dass die Dunkelziffer der Jugendlichen aber auch Erwachsenen in der Region hoch ist, die ihre Homosexualität geheim halten.

"Das Thema wird nicht totgeschwiegen"

Er will sich für Justin Lorenz einsetzen. "Das Thema wird nicht totgeschwiegen, da stehen Menschen dahinter", sagt er. Deshalb überlegt das Team am Haus der Jugend zusammen mit Justin Lorenz Präventionsarbeit gegen Mobbing und Homophobie auch außerhalb der Schulen zu machen.

Bei der Caritas vor Ort gibt es bereits seit vielen Jahren ein Beratungsangebot für Jugendliche und Erwachsene sowie Präventionsvorträge an Schulen. Für Andreas Gröbner heißt das nun, Synergien zu finden zwischen seiner Organisation, der Präventionsstelle des Landratsamts, der Caritas und den Jugendbeamten der Polizei.

Stadt verweigert Regenbogenfahne am Rathaus

Justin Lorenz geht es aber auch um ein politisches Zeichen. Deshalb wollte er vor kurzem eine Regenbogenfahne, das Symbol der LGBTQ-Bewegung, am Rathaus in Bad Reichenhall aufhängen. In einem Antwortschreiben bekam er allerdings eine Absage. Oberbürgermeister Christoph Lung erklärte darin, dass sich die Stadt für gesellschaftliche Toleranz und für die Stärkung von Ehe und Familie stark mache.

Eine Regenbogenfahne sei keine "adäquate Ausdrucksform", so der Oberbürgermeister auf BR-Anfrage. Außerdem sei es aufgrund des festgelegten Beflaggungsplans gar nicht möglich, eine andere Fahne aufzuhängen. Er betonte aber auch, dass sein Angebot an Justin Lorenz für weitere Gespräche weiterhin bestehe.

Mehr Regenbogen für die Berufsschüler

An seiner Berufsschule in Freilassing konnte sich Justin Lorenz dagegen durchsetzen. In einem symbolischen Akt durfte er zusammen mit der Schülervertretung die Regenbogenfahne in den Schaukasten hängen. Der Schulleiter Hermann Kunkel bezweifelt zwar, dass es mehr als nur ein paar aggressive Bemerkungen gegen Justin Lorenz gab, will es aber auch nicht nur bei der Fahne belassen.

"Wir wollen die Aktion inhaltlich begleiten, denn viele unserer Schüler wissen gar nicht, was diese Regenbogenfahne bedeutet", sagt Kunkel. Zusammen mit der Schülervertretung wird Justin Lorenz in den kommenden Wochen einen Präventionstag zum Thema vorbereiten. Dass die Fahne nicht draußen am Schulgebäude hängt, findet Justin Lorenz gar nicht schlimm. Er hofft, dass die Fahne viele im Vorbeigehen zum Nachdenken anregt.

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