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Wie Oberbayern in den 20er-Jahren zur Filmkulisse wurde | BR24

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Das Isartal - so ruhig war es zu Zeiten der Filmaufnahmen zum Kino-Epos Helena nicht

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    Wie Oberbayern in den 20er-Jahren zur Filmkulisse wurde

    In den 20er-Jahren wird Oberbayern zum Schauplatz eines gigantischen Spektakels. Eine Löwenjagd bei Wolfratshausen, ein Wagenrennen im Münchner Norden, eine Seeschlacht mit 80 Schiffen auf dem Wörthsee: Es sind die Dreharbeiten zum Kinoepos "Helena".

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    • BR24 Kultur

    Im Sommer 1923 beginnen die Dreharbeiten zu einem der ehrgeizigsten Projekte der damals jungen Bayerischen Filmindustrie: Mit internationaler Starbesetzung, imposanten Kulissen und Hunderten von Statisten entsteht in München und Umgebung die erste monumentale Kinobearbeitung von Homers antiker Helena-Sage. Die Großproduktion der Bavaria AG sprengt alles bisher Dagewesene: Regisseur Manfred Noa inszeniert, bereits zwei Jahre vor "Ben Hur", ein spektakuläres Wagenrennen auf einer ausgedienten Pferderennbahn im Münchner Norden.

    Oberbayern wird zum "Hollywood im Isartal"

    Opulente Tempelfeste werden in Szene gesetzt, eine Löwenjagd bei Wolfratshausen, eine riesige Seeschlacht mit 80 Schiffen auf dem Wörthsee. Unter Einsatz eines maßstabsgerechten Holzpferdes vor eigens errichteter Stadtmauer spielt sich dort der Untergang Trojas ab, einige Mitwirkende lassen sich inmitten der herrschenden Hyperinflation in Bier und Holz bezahlen. Das Ergebnis beeindruckt selbst in den USA, die Kritik spricht von "Hollywood im Isartal".

    Kein Hollywood-Gefühl bei den Stars am Filmset

    Während die Anwohner und Anwohnerinnen das Treiben aufgeregt verfolgt haben dürften, sind die Bedingungen am Film-Set offenbar alles andere als hollywood-mäßig. So empört sich die Großmimin Adele Sandrock über die ihrer Meinung nach miese Unterbringung und Verpflegung der Schauspieler und Schauspielerinnen. Die berühmte Tragödin des deutschen Theaters, mimt im Helena-Film die Gattin des Trojanerkönigs. Sie tauft Steinebach am Wörthsee um in "Schweinebach am Neppsee".

    "Wir wohnten in Steinebach am Wörthsee, einem Dorf, das ich aus guten Gründen in 'Schweinebach am Neppsee‘ umtaufte. Dort war es, wo die schönsten Zimmer für die ausländischen Kollegen reserviert blieben, während die Deutschen in Mansarden hausen durften. (…). Die Umstände, unter denen wir arbeiten mussten, waren furchtbar. In Eisenbahnwaggons kleideten wir uns um, und den ganzen Tag brannte die Sonne auf uns herab, sodass wir fast umkamen. Mittags gab es eine Semmel für 4.000 Mark und eine Halbe Bier für 8.000 Mark. (…) Und wenn wir dann abends ausgehungert und erschöpft im Wirtshaus erschienen, hieß es fast immer: 'Die Saufilmer kommen zu spät. Das Feuer ist aus, warmes Essen gibt’s nicht!'". Adele Sandrock, Tragödien-Schauspielerin des deutschen Theaters

    "Helena"-Hype in München und Berlin

    Manfred Noas Stummfilm hat schließlich eine Gesamtlänge von fast dreieinhalb Stunden und erscheint in zwei Teilen. In Berlin und München wird es zum Publikumserfolg und löst einen wahren "Helena"-Hype aus. Der Film lässt sich in die meisten europäische Länder und sogar nach Japan verkaufen.

    USA bringt "Ben Hur"-Konkurrent nicht auf den Markt

    Auch die amerikanische Kritik reagiert begeistert, einen amerikanischen Verleiher findet Bavaria-Produzent Erich Wagowski allerdings nicht. Das bayerische Kinowunder kann schließlich auch als Konkurrent zum amerikanischen "Ben Hur" aufgefasst werden. Die Einnahmen, so gut sie auch sind, reichen nicht aus, um die Herstellungskosten zu decken.

    Münchner Filmmuseum rettet Perle bayerischer Filmgeschichte

    Doch "Helena", einer der Grundsteine Münchens als Filmstadt, gerät in Vergessenheit und gilt Jahrzehnte lang als verschollen. Erst 1999 taucht eine unvollständige Schweizer Kopie von "Helena" auf. Der Schatz wird übergeben ans Münchner Filmmuseum, von hier aus beginnt die weltweite Suche nach weiteren Kopien. Die fehlende Anfangssequenz wird in Italien entdeckt, ein Fragment des zweiten Teils in London. Szene für Szene wird rekonstruiert und ergänzt, Fundstücke aus Spanien und Russland kommen dazu.

    Kino-Epos läuft im Fernsehen

    Dann ist es geschafft: Nur fünf von 210 Film-Minuten sind wohl für immer verloren gegangen. 2001 liegt "Helena" als Rekonstruktion des Originalfilms wieder vor und wird im Fernsehen ausgestrahlt.

    Friedemann Beyer erzählt im Bayerischen Feuilleton die unglaubliche Geschichte des bayerischen Monumentalwunders "Helena".

    "Helena - Monumentalfilm in 2 Teilen" von Regisseur Manfred Noa ist als restaurierte Fassung auf DVD 2016 im Filmverlag Fernsehjuwelen erschienen. Den Beitrag aus dem Bayerischen Feuilleton können Sie hier nachhören.

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