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Ein Kind hält einen Stift in der Hand.
© picture alliance/Sebastian Gollnow/dpa
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Ein Kind hält einen Stift in der Hand.

Legasthenie, auch genannt Lese- und Rechtschreibstörung (LRS), basiert auf einer Störung in den fürs Lesen und Schreiben zuständigen Hirnarealen. Einige Betroffene haben mehr Probleme mit dem Schreiben, andere mit dem Lesen, manche mit beidem.

Die Betroffenen machen viele Rechtschreibfehler

Betroffene tun sich vor allem schwer damit, Wörter als Ganzes zu erkennen. Sie müssen jeden Buchstaben einzeln lesen. Häufig verwechseln sie D und T, G und K – so schleichen sich viele Rechtschreibfehler ein.

Leni und Noah sind Geschwister, beide haben Legasthenie. Für sie ist sowohl Schreiben als auch Lesen ein Kraftakt. "Sie sind so konzentriert, die Buchstaben richtig zu lesen, dass der Sinn des Gelesenen verloren geht", sagt Mutter Barbara Kraus.

Eltern überfordern ihre Kinder

Kraus hat - wie die meisten Eltern - erst einmal versucht, ihrem Kind selbst zu helfen. Doch häufig überfordern Eltern ihr Kind damit. Fortschritte sind dann weit gefehlt, sagt Professor Schulte-Körne von der Ludwig-Maximilians-Universität München, der seit 30 Jahren auf dem Gebiet forscht.

"Nicht selten sehen wir Familien, wo es zum Streit führt, die Hausaufgabensituation extrem angespannt ist und mit einem leider auch defizitären Ergebnis. Die Kinder kommen nicht weiter. Eltern und Kind sind zerstritten. Die Motivation fürs Lesen und Schreiben geht weiter in den Keller." Professor Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie

Auch hochbegabte können Legasthenie haben

Der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow ist Legastheniker. Und auch der ehemalige US-Präsident George W. Bush, Albert Einstein und Leonardo da Vinci sollen betroffen gewesen sein. Die Chance, dass Legasthenie vererbt wird, liegt nach heutigem Forschungsstand bei etwa 50 Prozent.

Betroffene könnten als Analphabeten enden

Im Extremfall, wenn Legastheniker nichts gegen ihre Schwächte tun und Lesen und Schreiben vermeiden, können sie im Erwachsenenalter als sogenannte funktionale Analphabeten enden. Das heißt: Sie können dann immer noch nicht ausreichend lesen und schreiben und sind in ihrem Alltag dadurch stark eingeschränkt, zum Beispiel in ihrer beruflichen Karriere oder im Kontakt mit Behörden.

In Deutschland gibt es laut der Leo-Studie 2018 6,2 Millionen solcher gering literalisierten Erwachsenen (die Verfasser der Studie haben vom Begriff funktionale Analphabeten Abstand genommen). Etwa sieben Prozent dieser Menschen gaben an, Legasthenie zu haben. Damit erklärt die Krankheit das Phänomen nicht in seiner gesamten Breite, spielte aber eine Rolle.

Die richtige Therapie kann helfen

Auch Professor Schulte-Körne von der LMU München sieht einen Zusammenhang zwischen Legasthenie und Analphabetismus: "Das sind die Entwicklungsverläufe, die wir verhindern wollen." Wenn Schule versagt, die Kinder dann früh aus der Schule gehen und sie die wenige Kompetenz anschließend wieder verlieren.

Die richtige Förderung, sagen Experten, liegt in einer ganz bestimmten Therapie. Schulte-Körne forscht daran seit 30 Jahren.

Laut-Buchstaben-Zuordnung als beste Übung

Wirksam ist laut Schulte-Körne hauptsächlich eine ganz bestimmte Übung: und zwar eine Laut-Buchstaben-Zuordnung. Dazu gehört etwa, Wörter in Silben und Laute zu zerlegen und andersrum: mehrere Laute zu Worten zusammenzusetzen. Obendrauf ist kontinuierliches Training des Leseflusses wichtig. Und nicht zu vergessen: Die Kinder müssen wieder den Spaß am Lesen und Schreiben finden.

Digitalisierung als günstigere Alternative?

Von dieser Therapie möchte Schulte-Körne nun auch die Krankenkassen überzeugen. Falls der Antrag durchkommt, wird es teuer für die Kassen. Vielleicht suchen einige von ihnen deswegen schon selbst nach günstigeren Alternativen – und finden sie in der Digitalisierung.

Forschungsinstitute und Firmen entwickeln Spiele-Apps für Legastheniker. Einige Krankenkassen beteiligen sich an den Finanzierungen. Die Apps können mittels Tests das genaue Level des Legasthenikers herausfinden, ihn sehr individuell fördern und mit einem spielerischen Ansatz motivieren.

Lernspiel-App als Lösung?

Ein Beispiel ist die App "Meister Cody", ein von Forschern entwickeltes Lernspiel. "Wenn die Kinder drei Tage die Woche dreißig Minuten damit spielen, zeigen sich schon gute Effekte", erklärt Geschäftsführerin Mist Lynn Frantzen.

Frantzen geht mit der App seit über drei Jahren bei Krankenkassen hausieren. Eine große Chance für die Betroffenen. Ob eine App eine Therapie durch einen Menschen ersetzt, muss aber noch ausreichend erforscht werden.