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Die Corona-Pandemie ist eine Zeit der Unsicherheit, sagen Psychiater und Psychologen. Für viele steht sogar die Existenz auf dem Spiel. Dabei lastet viel Druck auf Familien und somit auf Männern und Frauen.

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Wie Männer und Frauen mit der Corona-Krise umgehen

Die Corona-Pandemie ist eine Zeit der Unsicherheit, sagen Psychiater und Psychologen. Für viele steht sogar die Existenz auf dem Spiel. Dabei lastet viel Druck auf Familien und somit auf Männern und Frauen.

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Von
  • Eleonore Birkenstock

Der Mann ist der Ernährer, die Frau kümmert sich um Familie und Haushalt: Diese Rollenaufteilung, die zumindest teilweise als überwunden galt, ist wieder da. Nach einem Jahr Corona-Pandemie sogar stärker denn je, sagt Professor Doktor Thomas Kraus. "Alte Muster sitzen tief und wenn wir in der Not sind, dann lassen wir die gerne wirken", so der Chefarzt für Psychiatrie und Psychotherapie der Frankenalb-Klinik Engelthal.

Frauen unter Druck

Der Druck ist derzeit groß in den Familien, in denen Homeschooling, Homeoffice und Haushalt auf dichtem Raum zusammenkommt. Eine Mutter aus Fürth berichtet, wie das für ihren Mann war, als er in Kurzarbeit ging: Er habe die Freizeit genutzt, um Sport zu machen und auf sich zu achten. Für sie bedeutete das plötzlich mehr Arbeit: "Sprich: Schule zuhause zu begleiten, es ist mehr zu kochen, es fällt, dadurch dass alle zuhause sind, mehr Hausarbeit an. Da sehe ich schon einen großen Unterschied.“

Zurück zur traditionellen Rollenverteilung

Die Corona-Pandemie bringt die traditionelle Rollenverteilung in die Familien zurück. Wie Studien des Bamberger Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe und des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigen, übernehmen Mütter zu Corona-Zeiten mehr Aufgaben rund um Haushalt und Kinder, arbeiten eher zu ungewöhnlichen Zeiten und sind öfter im Homeoffice als Männer.

Unterschiedlicher Umgang mit der Krisensituation

Erste Untersuchungen zeigen auch, dass Männer und Frauen die Situation unterschiedlich wahrnehmen. Das Max-Planck-Institut hat in einer Umfrage in Europa und den USA festgestellt, dass Frauen sich strikter an die Corona-Regeln halten – weil sie die Pandemie als bedrohlicher wahrnehmen als Männer. Diese Umfrage gilt zwar nicht als repräsentativ, zeigt aber eine Tendenz auf. Und zwar eine, die auch der Psychiater Thomas Kraus feststellt.

Zeit der Unsicherheit zeigt sich durch Angst oder Aggressivität

Die Corona-Pandemie sei für alle eine Zeit der Unsicherheit, sagt der Psychiater und Psychotherapeut Thomas Kraus. Dennoch zeigen sich ihm zufolge Unterschiede: In der Klinik in Engelthal würden beispielsweise seit Beginn der Pandemie mehr junge Frauen mit Essstörungen behandelt. Frauen zeigten eher Unsicherheit, Rückzug, Depressivität, so Kraus. "Während Männer mehr nach außen gerichtet reagieren: mit Aggressivität, Gereiztheit, Impulskontrollproblemen". Bei Männern zeigten sich bei seelischen Krisen zudem eher Suchtprobleme: Alkoholsucht, Internetsucht, Pornosucht.

Anfälliger für Verschwörungstheorien

Vor allem Männer über 40 teilen und posten Verschwörungstheorien. Zu dieser Feststellung kommt beispielsweise der Amerikanist Michael Butter. Butter beschäftigt sich mit Verschwörungstheorien und kommt zu dem Schluss, dass dies mit dem Selbstbild des Mannes zu tun hat: Wenn die Arbeit in Gefahr sei, leide das Selbstbild. Verschwörungstheorien seien eine Form, um Angst zu binden, sagt auch Psychiatrie-Chefarzt Thomas Kraus.

Strategien und Hilfe in Krisensituationen

Thomas Kraus sieht auch Unterschiede bei der Bewältigung der Probleme: Frauen würden andere eher um Hilfe bitten und diese annehmen. "Das bindet die Angst und gibt Sicherheit", so der Chefarzt für Psychiatrie. Um Hilfe zu bitten, fällt manchen Männern nach wie vor schwer, sagt der Männerbeauftragte der Stadt Nürnberg, Matthias Becker. Da steckt Becker zufolge der Gedanke dahinter, dass man(n) das Problem doch alleine lösen müsste – auch ein altes Rollenbild.

"Darf ich das sagen, dass ich das nicht schaffe? Die brauchen so eine Vergewisserung: Ist das ok, wenn ich damit nicht klarkomme oder müsste ich dafür Strategien haben, das selber zu schaffen?" Matthias Becker, Männerbeauftragter der Stadt Nürnberg

Persönliche Treffen nicht möglich - Hilfe im Online Modus

Persönliche Beratung in Zeiten des Kontaktverbots ist schwierig, Treffen von Selbsthilfegruppen sind - wenn überhaupt - nur virtuell möglich, die Entlastung für Familien ist gewissermaßen nicht vorhanden. Psychiater Thomas Kraus meint, auch wenn es Unterschiede beim Umgang mit der Krise gibt, zwischen Männern und Frauen, zwischen Alt und Jung: Letztendlich brauchen wir alle das Gleiche:

"Wir brauchen Beachtung, wir brauchen Anerkennung. Wir brauchen Gemeinschaft. Wir brauchen uns gegenseitig und es macht Spaß, wenn es funktioniert – zusammen." Professor Doktor Thomas Kraus, Chefarzt der Frankenalb-Klinik Engelthal, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie

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