BR24 Logo
BR24 Logo
BR24 - Hier ist Bayern
© BR
Bildrechte: Achim Winkelmann

Die Abwanderung des Einzelhandels auf die sprichwörtliche "Grüne Wiese" hält in Bayern weiter an. Das zeigen Beispiele aus Unterfranken.

45
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Zukunft der Zentren: Wie können Innenstädte überleben?

Die Abwanderung des Einzelhandels in die Gewerbegebiete hält weiter an. Inzwischen ziehen auch kleinere Läden nach. Das zeigen Beispiele aus Unterfranken. Der Handelsverband ist besorgt. Doch es gibt auch Möglichkeiten, den Trend umzukehren.

Von
Achim WinkelmannAchim WinkelmannBR24  RedaktionBR24 Redaktion
45

Es war eine Nachricht, die aufhorchen ließ: Der schwedische Möbelkonzern Ikea gab kürzlich bekannt, dass er seine Produkte testweise in sogenannten Pop-Up-Stores verkaufen will. Nicht auf der grünen Wiese am Stadtrand, sondern in deutschen Innenstädten. Man wolle so "erreichbarer für die Kunden" werden, so das Unternehmen. Sonst aber geht die Bewegung noch immer in die andere Richtung, weg von der Innenstadt. Und dabei ziehen nicht nur die großen Supermärkte, sondern zunehmend auch kleine Läden dorthin, wo die Ladenmieten niedrig und das Parkplatzangebot groß ist.

Zweites Zentrum im Gewerbegebiet

Beispiel Wiesentheid im Landkreis Kitzingen: Die knapp 5.000 Einwohner zählende unterfränkische Gemeinde liegt verkehrsgünstig an der Autobahn A3 und hat deshalb in den vergangenen Jahren viel Gewerbe und Industriebetriebe angezogen. Mitten im Gewerbegebiet an der Straße nach Rüdenhausen haben sich erst mehrere große Supermärkte angesiedelt und direkt daneben ein Drogeriegroßmarkt. Aber auch kleinere Geschäfte gibt es, einen Schuhladen, ein Brillengeschäft und ein Reisebüro, das zusätzliche Laufkundschaft bringt.

Alles an einem Ort schafft Synergien

Zuletzt dazugekommen ist ein modernes Ärztehaus mit einer großen Allgemeinarzt- und einer Facharztpraxis; im Erdgeschoss die Franconia Apotheke von Johannes Lechner. Der Apotheker hat sein Geschäft vor acht Jahren an diesem Standort neu gegründet und bereut die Entscheidung bis heute nicht. "Der Mensch ist bequem und erledigt am liebsten alles auf einmal. Das ist der perfekte Standort, denn das Ärztehaus, die Apotheke und die kleinen Geschäfte schaffen viele Synergien", ist der Apotheker überzeugt.

Ärztezentrum mit Parkplätzen nicht im Innenort möglich

Allerdings fehlen diese Geschäfte nun im Altort von Wiesentheid. Der Leerstand sei durchaus ein Problem, findet der zweite Bürgermeister Harald Rößner. Allerdings habe die Gemeinde bewusst auf die Ansiedlung des großen Ärztezentrums gesetzt. Im Innenort habe es für ein so großes Angebot unter einem Dach keinen Platz gegeben. Und für die aktuell vier Ärzte biete das die Möglichkeit, ihre Arbeitszeit flexibel einzuteilen, anders als bei einem Arzt, der ganz allein in einer Praxis werkele. Und auch für die Bürger sei die Versorgungssicherheit durch das Ärztehaus gewachsen, so der Kommunalpolitiker. Die Erreichbarkeit mit dem Auto sei in dem Gewerbezentrum außerdem deutlich besser als im Altort.

Friseur im Industriegebiet? Handelsverband besorgt

Im nahen Kitzingen geht der Trend in eine ähnliche Richtung. So fühlt sich ein ein jahrzehntealtes Traditions-Friseurgeschäft mittlerweile in einem Gewerbegebiet zu Hause und wird von einem Elektrogroßhandel, einer Bootswerkstatt und einem Autohändler eingerahmt.

Der Handelsverband Bayern verfolgt die langjährige Entwicklung raus aus der Innenstadt, die zuletzt auch kleinere Geschäfte mitmachen, mit großer Sorge. Sprecher Bernd Ohlmann ist sich sicher, dass dieser Trend den Einzelhandel in den Innenstädten weiter unter Druck setzt. Wenn dann der Umsatz zurückgehe, müssten oftmals die gleichen Gemeinde- oder Stadträte, die vor einigen Jahren noch dafür gestimmt haben, Geld in die Hand nehmen, damit die Innenstadt wieder auf Vordermann gebracht werde.

Experte sieht Chancen für Innenstädte als Orte der Begegnung

Einen Trend zurück zur Innenentwicklung in den Zentren sieht auch der Geograph Roland Wölfel von der Beratungsgesellschaft CIMA. Wer seine Innenstadt entwickelt, hält seine Bewohner am Ort, glaubt der Berater. "Denn die Grüne Wiese wird mit dem Auto angesteuert und dann ist es egal, wo ich wohne." Insofern seien Fußläufigkeit und Nähe ein wichtiges Kriterium für den Erfolg der Zentren. Auch die Digitalisierung sei nicht nur ein Feind, sondern auch eine Chance für die Innenstädte, glaubt der Experte. Nämlich dann, wenn die Städte und Gemeinden es schaffen, neue Betriebe anzusiedeln. Die Innenstadt sei weiter gefragt, allerdings nicht primär zum Einkaufen, sondern als Ort der Begegnung, glaubt der Berater. Wichtig seien deshalb unter anderem Treffpunkte für Jugendliche.

Förderprogramm für Innenstädte in Bayern

Bayern versucht aktuell, mit einem großen Förderprogramm die Innenstädte nach der Corona-Krise neu zu beleben. So erhält allein die Stadt Nürnberg 1,9 Millionen Euro, um neue Projekt in der Altstadt zu unterstützen und leerstehende Geschäfte in der Innenstadt neu zu nutzen. Mit den Mitteln aus dem Städtebauförderungsprogramms will die Stadt insgesamt neun Projekte in der Altstadt unterstützen. Mit dem Geld soll nun unter anderem die Luitpoldstraße neugestaltet und der nördliche Marientorzwinger saniert werden.

Außerdem gefördert werden kleinere kulturelle und soziale Projekte zur Belebung des Altstadtbereichs. Außerdem plant die Stadt die Einrichtung von Pop-Up-Stores, damit leerstehende Läden in der Innenstadt vorübergehend durch andere Nutzer belebt werden. "Leerstände sind in keiner Kommune attraktiv und gerade in Orten, die von Touristen leben, ist eine attraktive Innenstadt auch eine Visitenkarte für die fränkische Region", sagt Bernd Ohlmann vom Handelsverband.

Politik kann Abwanderung teilweise stoppen

Auch kleinere Städte wie Gerolzhofen im Landkreis Schweinfurt versuchen, sich der Abwanderung entgegenzustemmen. Mehrere Supermärkte sind auch hier längst am Stadtrand zu finden. Kleinere Geschäfte aber – und dazu gehören insbesondere Apotheken – möchte die Politik im Altstadtbereich halten, sagt Bürgermeister Thorsten Wozniak. Dafür habe die Gemeinde extra ein Einzelhandelsentwicklungskonzept beschlossen. "Und dann gibt es Fälle, in denen der Stadtrat entscheiden kann, ob wir etwas zulassen, in Wohngebieten oder in Außenbereichen. Dann schauen wir uns das Einzelhandelskonzept an und versuchen die Innenstadt zu schützen. Und dann gibt’s auch mal einen ablehnenden Beschluss." Aktuell wurde so die Bauvoranfrage für eine Apotheke außerhalb der Innenstadt mit großer Mehrheit abgelehnt.

Trend zur Bequemlichkeit

Für den Wiesentheider Apotheker Johannes Lechner geht die Entwicklung, seinen Kunden ein Höchstmaß an Bequemlichkeit zu bieten, unterdessen immer weiter. Viele Kunden möchten nicht nur direkt am Geschäft parken, sondern am liebsten gar nicht mehr aus dem Auto aussteigen, erzählt er. Für sie hat der Apotheker hinter dem Gebäude einen Drive-In-Schalter eingerichtet. Mitarbeiterinnen reichen die Medikamente über einen Schalter direkt ins geöffnete Autofenster.

"Darüber spricht Bayern": Der BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick - kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht's zur Anmeldung!

Sendung

regionalZeit - Franken

Schlagwörter