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Wie Kinder durch Corona-Beschränkungen seelisch leiden | BR24

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Schule zu, Sportvereine dicht und Freunde treffen geht nur sehr eingeschränkt - Corona trifft auch Kinder hart. Wie wirkt sich die Pandemie auf ihre Psyche aus? Wie kann man am besten helfen?

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Wie Kinder durch Corona-Beschränkungen seelisch leiden

Freunde nur mit Vorsichtsmaßnahmen treffen, seit Monaten keinen Sport im Verein treiben können und dann noch die ständig wechselnde Unterrichtssituation - für Kinder eine enorme Anstrengung, auch seelisch. Ein Fallbeispiel aus Mühldorf am Inn.

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Von
  • Rebekka Preuß
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Kind am Schreibtisch

Raus in den Garten; Kuscheln in der Hängematte - das ist für Nico und seine Mutter Jessica Brömme aus Mühldorf am Inn im ersten Jahr der Corona-Pandemie zum Ritual geworden. Überhaupt haben die Brömmes die Hängematte erst in dieser Zeit besorgt. Sie haben etwas gebraucht, dass Nico dabei hilft, sich zu beruhigen. Denn schon mit dem ersten Lockdown fing Nico an, sich stark zu verändern, erzählt seine Mutter.

"Er wurde auch teils aggressiv. Es hat sich halt sehr viel ins Negative verändert. Er hat angefangen sich zurückzuziehen und hat dann mit gar keinem mehr kommuniziert oder geredet. Er wollte nicht mehr kuscheln, gar nichts mehr. Das war alles für ihn total weg." Jessica Brömme, Mutter von Nico

Nico ist sechs Jahre alt, er besucht die erste Klasse. Aber Präsenzunterricht hat er aufgrund der Pandemie bisher kaum erlebt. Seit Anfang Februar geht er in die Notbetreuung. Schule daheim war für Mutter und Kind unmöglich geworden. Nico hat seine Mutter geschlagen und bespuckt.

"Das ist dann letzten Endes ausgeartet, so dass wir uns beschimpft haben und zusammen geweint haben", erzählt Jessica Brömme. "Mama ist keine Lehrerin", fällt Nico seiner Mutter ins Wort. "Das sollen bitteschön die Lehrer machen", erklärt er aufgeregt.

Seit wenigen Wochen haben Jessica und ihr Mann Christian die Diagnose, dass Nico an der Aufmerksamkeits-Störung ADHS leidet. Außerdem hat die Psychiaterin eine Sozialverhaltensstörung diagnostiziert. Nico fällt es schwer, sich mit anderen Kindern auszutauschen. Ihr Verhalten zu verstehen.

Jessica Brömme erzählt, dass sie manchmal das Gefühl habe, Nico sei gar nicht mehr ihr Kind, eben weil er sich so verändert hat.

Unterstützung bei Erziehungsberatung und Therapeuten

Die Brömmes haben sich Hilfe gesucht. Sie besuchen die Caritas-Erziehungsberatung in Mühldorf am Inn. Außerdem ist Nico seit kurzem bei Thomas Meinhart in Behandlung. Der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut aus Obertaufkirchen sagt, die Pandemieeinschränkungen führten dazu, dass sich bereits bestehende seelische Probleme verstärken können.

"Mir fällt dazu ein schönes Sprichwort ein: Man braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen. In der Pandemie fehlt das Dorf. Also wenn man so will, die Familien sind auf sich selbst zurückgeworfen. Was den Kindern, vor allem den Kindern mit aggressiv-oppositionellen Störungen fehlt, ist natürlich die Regulation durch Systeme wie Schule, Kindergarten, andere Erwachsene. Eine gewisse Öffentlichkeit, die auch mitwirkt an der Erziehung der Kinder." Thomas Meinhart, Kinder- und Jugendpsychotherapeut

"Kindern fällt es schwerer, Hoffnung zu entwickeln"

"Für jüngere Kinder sind zum Beispiel Dimensionen wie ein Monat gar nicht gut zu überblicken. Und jetzt ein Ende der Pandemie abzusehen, da eine Hoffnung zu entwickeln, Perspektiven zu entwickeln, gelingt Kindern sicherlich nicht so gut wie Erwachsenen." Thomas Meinhart, Kinder- und Jugendpsychotherapeut

In seiner Praxis mache er die Erfahrung, dass Familien mehr leiden, als vor der Pandemie, sagt Meinhart. Offizielle bayernweite Zahlen gebe es dazu jedoch noch nicht. Aber vor allem die eingeschränkte Schulsituation führe zu mehr Auseinandersetzungen und Überforderung bei allen. Wichtig sei es in solchen Situationen, die Kinder ernst zu nehmen. Mit ihnen über ihre Ängste zu sprechen und wenn es im Kreis der Familie gar nicht mehr ginge, sich bei Beratungsstellen oder Psychotherapeuten Hilfe zu holen.

Schonungslose Kommunikation in der Pandemie

Familie Brömme wünscht sich, dass endlich offen über Leid in der Pandemie gesprochen wird. "Bei uns lief es beschissen. Das ist die Wahrheit. Wir stehen dazu. Es ist nun mal schwer gewesen. Mein Mann im Homeoffice, ich musste mit meiner Arbeitslosen-Situation irgendwie klarkommen. Hatte dann ein Kind, das Schule nie in dem Sinn erlebt hat, wie Schule eigentlich ist und musste aber Schule machen." Auch Nico sagt dazu nur eins: "Video-Konferenzen sind doof." Viel lieber sähe er seine Lehrerin in echt.

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