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Wie in Dachau das KZ-System entwickelt wurde | BR24

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2020 jährt sich die Befreiung des KZs Dachau durch die US-Armee zum 75. Mal. In zwei Teilen aus unterschiedlichen Perspektiven wird in "KL Dachau" in filmisch noch nie da gewesener Detailtiefe die Bestandszeit jenes Lagers nacherzählt. - Teil 1.

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Wie in Dachau das KZ-System entwickelt wurde

Am 29. April 1945 erreichen die Amerikaner Dachau - das älteste Lager des NS-Regimes. Seine 1933 erlassene "Lagerordnung" war die Blaupause für alle anderen Konzentrationslager im Dritten Reich. Entwickelt wurde sie von einer gescheiterten Existenz.

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29. April 1945, morgens. Auf dem Appellplatz vom KZ Dachau treten über 27.000 Menschen zusammen, in Schach gehalten von der SS. Der Zählappell suggeriert eine Ordnung, die zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr existiert. Zehn Stunden später nähern sich zwei Brigaden der US-Armee dem Lager, um es zu befreien. Die SS übergibt das KZ Dachau nahezu kampflos. Die amerikanischen Soldaten stoßen auf unvorstellbare Bilder. Und die überlebenden KZ-Häftlinge sind frei.

Etwa 32.000 KZ-Häftlinge erleben die Befreiung an diesem Tag. Über die Lagerzeit hinweg waren in Dachau über 200.000 Männer, Frauen und Kinder inhaftiert. 41.500 von ihnen wurden ermordet oder kamen durch Folter, Hunger, Krankheit ums Leben.

Ungezählt sind dagegen diejenigen, deren Existenzen durch den Lageraufenthalt zerstört oder deren Wille für immer gebrochen wurde.

„Und was werde ich zu Hause tun? Ich weiß es selber nicht, da ich nicht weiß, was für Verhältnisse sein werden. Für mich ist die Zeit der jugendlichen Romantik bereits vergangen – hinter Schloss und Riegel.“ - Anton Gortnar, KZ-Dachau-Häftling aus Slowenien

Theodor Eicke - Eine gescheiterte Existenz als Motor des KZ-Systems

Es gibt viele Köpfe, die maßgeblich verantwortlich waren für das Leid von Millionen Menschen in den KZ: SS-Chef Heinrich Himmler, sein Hauptverwalter und -organisator Oswald Pohl, die SS-Führungsfiguren Reinhard Heydrich oder Ernst Kaltenbrunner. Doch der Motor dieser institutionalisierten Mordmaschine - denn nichts anderes war das KZ-System - war eine eigentlich schon gescheiterte Existenz: Theodor Eicke. Als Schul- und Studienabbrecher, arbeitslos und vorbestraft, holte Himmler den fanatischen Nazi Eicke im Juni 1933 wortwörtlich direkt aus der Nervenklinik, um ihn als Leiter des nur einige Monate zuvor gegründeten Konzentrationslagers Dachau einzusetzen.

Der bisherige Lagerkommandant, Hilmar Wäckerle, hatte mit der pseudomilitärischen SS das ursprünglich noch von der bayerischen Polizei geführte Konzentrationslager übernommen. Wäckerle musste jedoch schon bald das Feld räumen, als willkürliche und blutrünstige Gewaltaktionen gegen die politisch Inhaftierten zu den ersten Morden im Lager führten und die Münchner Staatsanwaltschaft zu ermitteln begann. Himmler wollte Ordnung. Und Eicke, der bisher Ziellose, sollte aufräumen.

Schon zuvor war der schroffe und reizbare Eicke - oft mit Virginia-Zigarre zwischen den Lippen - der SS-Führung aufgefallen, als bombenbastelnder Desperado ebenso wie auch als talentierter Organisator für die Sache der Nazis. Und im Gegensatz zu vielen anderen Leitern der frühen Konzentrationslager sah er in der Funktion der Lagerleitung keine lästige Aufgabe, sondern die Gelegenheit, Karriere zu machen.

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Theodor Eicke (im Profil) mit Robert Ley, dem Leiter der "Arbeitsfront" (Mitte) 1936 im KZ Dachau.

Eicke entwirft die Lagerordnung

Der Historiker Nikolaus Wachsmann urteilt in seinem Standardwerk zum KZ-System der Nazis ("KL", München 2016), dass Eicke bei Dienstantritt wusste, dass die Aufgabe "die letzte Chance war, aus seinem verpatzten Leben noch etwas zu machen". Und diese Chance wollte Eicke nutzen. Während seiner ersten Tage in Dachau beobachtete er den Tagesablauf der SS und entwickelte, herumgehend und sich Notizen machend, Pläne für eine Umstrukturierung des Lagers. Er arbeitete rund um die Uhr und schlief sogar in seinem Büro.

Eicke formulierte eine Vielzahl von Regeln für die Ausübung von Gewalt gegen die Lagerinsassen. Ein gleichermaßen verblendeter wie zynischer Versuch, die brutalen Methoden der SS weniger willkürlich erscheinen zu lassen. Denn Eicke ging es nicht etwa um eine bessere Behandlung der KZ-Häftlinge als durch seinen Vorgänger, sondern lediglich um geordnete Arbeitsabläufe. Am 1. Oktober 1933 führte er schließlich die „Disziplinar- und Strafordnung für das Gefangenenlager Dachau“ ein. Ein Auszug

„Wer einen Posten oder SS-Mann tätlich angreift, den Gehorsam oder an der Arbeitsstelle die Arbeit verweigert, (…) während des Marsches oder der Arbeit johlt, schreit, hetzt oder Ansprachen hält, wird als Meuterer auf der Stelle erschossen oder nachträglich gehängt“ - §12 der Dachauer Lagerordnung vom 1. Oktober 1933

Trotz der nun wortreich formulierten Regeln konnte von Ordnung - oder gar Recht - im Konzentrationslager jedoch keine Rede sein. Die SS-Wachen bestraften und misshandelten die Insassen - vor allem jüdische KZ-Häftlinge - auch weiterhin beliebig und absichtlich.

Preußische Tugenden als Erfolgsfaktor für das „Dachauer Modell“

Nicht zuletzt wohl auf Grund der damit suggerierten Systematik und Regelklarheit wurde die neue Lagerordnung für die SS jedoch ein wesentlicher Eckpfeiler für die Organisation des Konzentrationslagers. Und Eicke straffte auch die Lagerverwaltung. Er gliedert die SS in fünf Abteilungen: Kommandantur, Politische Abteilung, Schutzhaftlager, Verwaltung, Lagerarzt.

Himmler war begeistert von Eickes Ideen, seinem Fleiß, seinem Pflichtbewusstsein und seiner effizienten Arbeitsweise. Der Lagerkommandant legte damit schließlich jene traditionellen, ‚preußischen Tugenden‘ an den Tag, die auch in der SS-Psychologie positiv besetzt waren.

Im Sommer 1934 wurde Theodor Eicke zum Inspekteur aller Konzentrationslager ernannt und übertrug sein „Dachauer Modell“ auf alle anderen KZ im Deutschen Reich. Bis zum Ende des Krieges starben schätzungsweise 6 Millionen Menschen in den Konzentrations- und Vernichtungslagern der Nazis durch Arbeit, Hunger, Gewalt oder gezielte Tötungen. Eicke selbst erlebte das Ende des Krieges nicht mehr. Er wurde bei einem Erkundungsflug mit dem Flugzeug über der Ukraine 1943 abgeschossen.

Unsere Dokumentation in der Mediathek

Teil 1: KL Dachau - Das System

Teil 2: KL Dachau - Im Lager