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Faustschläge, zertrümmerte Knochen, Tritte gegen das Gesicht, Messerstiche gegen den Hals - all das sieht Anti-Aggressionstrainerin Sandra Münzberg ständig. Ihr Job ist es, gewaltbereiten Männern Handlungsalternativen aufzuzeigen.

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Wie Gewalttäter lernen, Ruhe zu bewahren

Faustschläge, zertrümmerte Knochen, Tritte gegen das Gesicht, Messerstiche gegen den Hals - all das sieht Anti-Aggressionstrainerin Sandra Münzberg ständig. Ihr Job ist es, gewaltbereiten Männern Handlungsalternativen aufzuzeigen.

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Bei Sandra Münzberg absolvieren männliche Gewalttäter zwischen 18 und 27 Jahren ein Anti-Aggressivitätstraining (ATT). Sie alle haben andere Menschen geschlagen oder verprügelt. Die studierte Sozialpädagogin arbeitet im Münchner Informationszentrum für Männer (MIM), das auch die Regensburger Domspatzen bei der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle berät.

"Ein einziger Schlag kann töten"

Immer wieder reklamieren die Männer für sich, sie würden nie jemanden treten, der am Boden liegt. Deshalb hat Sandra Münzberg ihren Klienten von dem getöteten Feuerwehrmann aus Augsburg erzählt. "Mir war wichtig zu vermitteln, dass auch ein einziger Schlag tödlich sein kann und dass Gewalt bedeutet, dass ich die Folgen nicht mehr kontrollieren kann."

Gewalt ist eine Entscheidung

Gewalt beendet Situationen und kann Machtverhältnisse herstellen, Gewalt hat eine Funktion, sagt Münzberg. "Indem ich jemanden niederschlage, bin ich der, der die Situation beherrscht." Um zu verstehen, wie Gewalt funktioniert, was sie für manche so attraktiv macht, hat Münzberg eine gewaltzentrierte Zusatzausbildung absolviert.

"Diese Macht, über das Leben oder die Versehrtheit von jemandem zu entscheiden, das ist mit fast nichts vergleichbar. Erst, wenn ich verstehen kann, was in so einem Menschen vorgeht, kann ich mit ihm arbeiten. Das heißt aber nicht, dass ich mit diesem Verhalten einverstanden bin." Sandra Münzberg, Sozialpädagogin

Gewalttäter sind meist gute Menschenkenner

Wenn ein Gewalttäter Ärger sucht, findet er unter 100 Leuten genau den, der die "Einladung" annimmt. Gewalttäter haben laut Münzberg eine überraschend gute Menschenkenntnis. "Wenn wir es schaffen, dass sich bei den Männern an ihrer geistigen Haltung und ihrer Körpersprache etwas ändert, dann sind sie weniger gefährdet, weil sie in der Öffentlichkeit anders wahrgenommen werden."

Münzberg erklärt ihren Klienten, dass es auf der Welt nicht nur Täter und Opfer gibt, sondern auch einen Weg dazwischen. Die Straftäter lernen, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen, die Folgen ihrer Gewalttat einzuschätzen und auch, wie man sich in provokanten Situationen ruhig verhält. Sie beschäftigen sich intensiv mit ihrer eigenen Biographie, bei der oft auch die eigene Gewalterfahrung eine Rolle spielt. Ziel ist es, Opferempathie zu entwickeln.

Prävention wichtiger als verstärkte Polizeipräsenz

Wirklich verhindern, sagt Andreas Schmiedel, der Leiter des Männer-Informationszentrums, kann man Gewaltexzesse wie die in Augsburg oder München nicht. "Gewalt ist ein Phänomen, das es gibt, seitdem Menschen zusammenleben. Junge Männer überschreiten während ihrer Männlichkeits-Sozialisation gerne mal Grenzen und einige benutzen den körperlichen Weg der Grenzüberschreitung."

Mehr Polizei in Bayerns Städte zu schicken, wie es Innenminister Joachim Herrmann vorschlug, kann sinnvoll sein, sagt Schmiedel, solange daraus kein Polizeistaat entsteht. Gleichzeitig ist es "utopisch, zu glauben, dass man mit mehr Polizei tatsächlich die absolute Sicherheit herkriegt." Wesentlich wichtiger sei es, präventiv potentielle Gewalttäter aufzufangen.

Mehr häusliche Gewalt als Straßengewalt

Ein weitaus größeres Problem als Straßengewalt ist laut Schmiedel die häusliche Gewalt. Die meisten Männer, die ins Männerzentrum kommen, waren oder sind innerhalb der Partnerschaft und Familie gewalttätig. Ein Rattenschwanz: Je mehr Kinder in ihrer Familie Gewalt ausgesetzt sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie später selbst Gewalt anwenden. Gewalt ist etwas Erlerntes. Für manche ist es einfach normal, zuzuschlagen:

"Ich finde, dass die Berichterstattung in Bezug auf häusliche Gewalt und Straßengewalt stark hängt. Wenn ich die Zahl richtig im Kopf habe, gab es letztes Jahr 130 tote Frauen in Deutschland, im Jahr davor 150. So viel Tote produziert keine Straßengewalt." Andreas Schmiedel, Leiter des Männer-Informationszentrums

Erkenntnis: "Nur deshalb habe ich nicht 15 Jahre gesessen"

Zurück in Sandra Münzbergs Anti-Aggressionstraining: Mit Blick auf die Tat in Augsburg sagten die Teilnehmer, dass sie Glück hatten. Sie hatten Glück, dass durch ihre Tritte und Faustschläge niemand gestorben ist. "Das ist der Grund, warum ich nicht 15 Jahre gesessen habe, sondern nur zwei."

Zum Abschluss des 26-wöchigen Anti-Aggressionstrainings müssen die Teilnehmer eine Rede vortragen. Hier soll sich zeigen, wie gut sie ihr eigenes Verhalten reflektieren. Ein Mann, der als Kind selbst geschlagen wurde und für den Gewalt immer eine Option war, schrieb:

"Weder die dunkle Vergangenheit noch der innere Schweinehund sind schuld, dass ich andere zum Krüppel schlage. Ich, einzig und allein ich, mit meiner eigenen Entscheidungsgewalt trage die Verantwortung. Es gibt kein man, es gibt nur ein ich." Trainings-Teilnehmer

Sechzig Prozent, sagt Münzberg, seien nach den 26 Wochen Anti-Aggressionstraining nicht mehr gewalttätig. Der Rest in geringerem Maße.