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Wie gefährlich sind antibiotikaresistente Keime auf Hähnchen? | BR24

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Kürzlich hat Germanwatch eine Studie veröffentlicht, nach der jedes zweite Hähnchen aus Europas größten Geflu?gel-Schlachtereien mit antibiotikaresistenten Keimen belastet ist. Wie gefährlich sind diese Keime, wie kann man sich schützen?

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Wie gefährlich sind antibiotikaresistente Keime auf Hähnchen?

Auf mehr als der Hälfte des Hähnchenfleischs finden sich antibiotikaresistente Keime. Der Verein Germanwatch, Auftraggeber der Studie, warnt deshalb vor den Gefahren für die Menschen. Doch die Geflügelbranche sieht ganz Andere in der Pflicht.

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Von
  • Simon Plentinger

Germanwatch hat 165 in Discountern und Schlachthöfen gezogene Fleischproben der drei größten Hähnchenmast-Konzerne in der EU untersuchen lassen. Bei mehr als der Hälfte der Proben wurden antibiotikaresistente Krankheitserreger gefunden. Bei über einem Drittel wurden Keime gefunden, die sogar gegen sogenannte Reserveantibiotika resistent sind. Also die Medikamente, die eigentlich Patienten helfen sollen, wenn kein anderes Antibiotikum mehr anschlägt.

Reinhild Benning, Agrarexpertin bei Germanwatch, warnt, das selbst bei bester Küchenhygiene die Keime in den menschlichen Körper gelangen könnten. Manche Erreger, wie etwa der bekannte MRSA, können durch kleine Verletzungen wie Kratzer an den Fingern beim Kochen in den Körper eindringen. Erreger können auch zum Beispiel durch Spritzwasser beim Abwaschen von Fleisch auf Rohkost landen, oder sich nach unachtsamem Ablecken der Finger im Darm ansiedeln. Das Problem, so Benning, dort können sie die Resistenz, also die Eigenschaft, sich gegen die Antibiotika zur Wehr zu setzen, auch an andere Keime weitergeben. Selbst wenn sie dort nicht direkt eine Infektion auslösen, können sie später zum Problem werden, erklärt Benning: "Wenn ich mich einer OP unterziehen muss, nach einem Unfall oder für eine Transplantation und im Krankenhaus Antibiotika erhalte, dann kann es sein, dass diese nicht mehr wirken, weil meine Darmbakterien bereits Resistenzen gegen Antibiotika gespeichert haben - aus den Lebensmitteln."

Geflügelbranche: Problem liegt woanders

Für Deutschland wurde in der Studie Fleisch der PHW-Gruppe analysiert, mit seiner bekanntesten Marke Wiesenhof. Auch in Bayern mit Abstand der größte Produzent. Laut Landesverband der bayerischen Geflügelwirtschaft haben 8,4 Millionen Masthähnchen gleichzeitig in bayerischen Hühnerställen Platz. Allein eine Million davon betreibt Wiesenhof selbst. Von den übrigen haben etwa 80 Prozent der Hähnchenmastbetriebe Verträge mit der Firma. Geschlachtet wird am Standort in Bogen in Niederbayern. Kapazität etwa 200.000 Tiere am Tag.

Die Geflügelwirtschaft schätzt das Problem mit resistenten Keinen allerdings weniger gravierend ein. Für Bernd Adleff, Vorsitzender des Landesverbands der bayerischen Geflügelwirtschaft ist klar: Der Großteil der resistenten Keime kommt aus der Humanmedizin. Auch der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft verweist auf Informationen des Bundesinstituts für Risikobewertung und Zahlen des Robert-Koch-Instituts, wonach nur etwa 2,5 Prozent der beim Menschen entdeckten MRSA aus der Tierhaltung stammen. Die übrigen seien bei der Behandlung von Menschen mit Antibiotika in Krankenhäusern oder Senioreneinrichtungen entstanden.

Kein klares Bild über Herkunft der Keime

Experten gehen aber davon aus, dass resistente Erreger auch häufiger mutmaßlich aus der Tiermast kommen könnten. Aber genau lässt sich der Beitrag der Tierhaltung zu dem Problem, so das Bundesinstitut, nicht beziffern. Vieles bleibt bei dem Thema strittig: Die Verbraucherschützer bringen Regionen mit hoher Tierdichte – wie etwa Niedersachsen – mit hohem Vorkommen von resistenten Keimen bei Menschen in Verbindung. Eine Studie des RKI hat aber für Niedersachsen keinen Zusammenhang zwischen der Häufigkeit von MRSA-Keimen und den Nutztierbeständen in der direkten Umgebung bestätigen können. So habe es die meisten MRSA-Fälle in Hannover gegeben und nicht in den Regionen mit den meisten Nutztieren.

Gute Küchenhygiene ist wichtig

Bernd Adleff vom Landesverband der bayerischen Geflügelwirtschaft betont, dass Fleisch sei nun mal eine Urproduktion und niemals keimfrei. Mit entsprechender Küchenhygiene könnten die Verbraucher sich schützen und das Risiko möglichst gering halten. Trotzdem: „Ein Restrisiko besteht immer, das ist logisch“, so Adleff. Verbraucher können sich bei der Zubereitung von rohem Fleisch zum Beispiel mit wasserdichten Handschuhen schützen. Besonders dann, wenn man eine Wunde am Finger hat. Geflügel sollte außerdem immer ganz durchgebraten werden. Und alles, was mit dem rohen Fleisch in Verbindung gekommen ist, muss gründlich gereinigt werden.

Verbraucherschützer: Problem bei der Entstehung bekämpfen

Germanwatch fordert dennoch, das Problem dort zu bekämpfen, wo es entsteht: „Das bekommt man durch Küchenhygiene allein nicht in den Griff. Sondern die Politik ist gefordert, die Verursacher von Antibiotikaresistenzen auf dem Fleisch anzupacken“ sagt Reinhild Benning. Die Organisation fordert deshalb ein Verbot von Reserveantibiotika in der Tiermast. Außerdem sollten Antibiotika teurer werden. Damit sich Prävention durch besseres Hygienemanagement und mehr Tierschutz in den Ställen finanziell auch mehr lohne, als die Behandlung der Hähnchen mit Medikamenten.

Verbesserungsmöglichkeiten bei Menschen und Tieren

Doch ohne Antibiotika gehe es eben auch nicht, ist der Standpunkt des bayerischen Geflügelverbandsvorsitzenden. Wo viele Tiere oder viele Menschen eng zusammenleben, gebe es nun mal Infektionen und die müssten dann auch behandelt werden, so der Tenor von Bernd Adleff. Etwas ironisch fügt er hinzu: "Die einzige Lösung wäre: keine tierische Produktion mehr. Dann aber bitte auch keine 'Massenmenschenhaltung' mehr. Dann haben wir den Infektionsdruck auf einem Level, mit dem wir zurechtkommen."

Verbesserungsmöglichkeiten dürfte es sowohl im Stall als auch in der Humanmedizin geben. Weniger Einsatz von Antibiotika könnte zumindest eine Zunahme von Resistenzen verhindern. Das ist auch Standpunkt des Bundesinstituts für Risikobewertung. Und auch das bayerische Umweltministerium teilt auf Anfrage mit: Ziel sei es, den Einsatz von Antibiotika auf das notwendige Maß zu reduzieren, um das Risiko Antibiotikaresistenzen zu begrenzen.

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