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Wie es sich anfühlt, mit Zwangsstörungen zu leben | BR24

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Immer und immer wieder kontrollieren müssen, ob der Herd aus ist oder ob die Tür auch wirklich abgeschlossen wurde: Solche Zwangshandlungen sind für Außenstehende oft schwer nachzufühlen. Aber was bedeutet es, damit zu leben?

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Wie es sich anfühlt, mit Zwangsstörungen zu leben

Immer und immer wieder kontrollieren zu müssen, ob der Herd aus ist oder ob die Tür auch wirklich abgeschlossen wurde: Solche Zwangshandlungen sind für Außenstehende oft schwer nachzuvollziehen. Aber was bedeutet es, damit zu leben?

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Wenn Michael (Name von der Redaktion geändert) seine Wohnung verlässt, kann das etwas länger dauern. Mehrfach dreht er den Schlüssel im Schloss, um zu überprüfen, ob der Schließbolzen wirklich drin ist. Immer wieder zieht er an der Tür. Immer und immer wieder drückt er dagegen. Zählt mehrfach seine Schlüssel. Nach zehn Minuten ist er an dem Punkt, dass er sich von der Tür entfernen kann. Und das ist noch ein guter Wert. Seine Hände und seine Knie zittern. "Es ist kein schönes Gefühl", sagt Michael.

Michael leidet unter Kontrollzwängen

Ein Gefühl, das Michael Tag für Tag erleben muss. Immer wieder. Und nicht nur, wenn er vor seiner Wohnungstür steht. Denn Michael leidet unter Kontrollzwängen. Wenn er seine Wohnung verlässt, fragt er sich: Habe ich den Herd ausgemacht? Sind die Fenster zu? Die Wasserhähne abgedreht? All das muss er dann noch einmal kontrollieren, bevor er gehen kann. Mehrfach. Und er kann sich nicht dagegen wehren.

Zwänge sind schwer nachvollziehbar – selbst für Betroffene

Zwei bis vier Stunden verbringt er jeden Tag mit solchen Kontrollen. Dabei weiß er eigentlich, dass das, was er da macht, wenig sinnvoll ist.

"Das ist das Perfide bei dieser Krankheit. Ich bin jemand, der sehr logisch denkt. Und umso schlimmer ist es für mich, dass der Zwang teilweise unlogisch ist. Und ich bin mir eigentlich bewusst, dass diese Gedanken unsinnig oder unlogisch sind. Aber das Gefühl der Angst, der Unsicherheit ist einfach so groß, dass ich letztendlich einbreche. Ich suche eben diese 100 Prozent Sicherheit, die es aber in der Realität nicht gibt, und da reicht ein Prozent Unsicherheit, dass ich wieder zum Kontrollieren anfange." Michael, Zwangserkrankter

Für Außenstehende sei das manchmal schwer nachvollziehbar, sagt Michael. Er tue sich ja selbst schwer damit, seine Zwänge zu begreifen. Nachdem er seine Wohnung verlassen hat, geht Michael zu seinem Auto, das in einer Garage steht.

"Man sieht es gleich: Der Kofferraumgriff hat leider den Zwängen nicht standgehalten. Da ist leider die Blende abgebrochen. Das zweite Mal schon - weil auch die Kofferraumtür durch einen Zwang kontrolliert werden muss. Weil ich sie zuschlage, oft zwei, drei Mal, und dann halt auch nochmals entsprechend daran ziehen muss, ob sie wirklich zu ist." Michael, Zwangserkrankter

Die Zwänge kamen schleichend in Michaels Leben

Das kostet natürlich Zeit. Noch viel mehr Zeit wird Michael allerdings später brauchen – wenn er sein Auto wieder abstellen wird.

Vor zehn Jahren, mit Anfang 20, hat Michael das erste Mal bemerkt, dass etwas nicht stimmt. Die Zwänge kamen damals schleichend in sein Leben. Einer nach dem anderen. Er sprach mit Freunden darüber, die ihm sagten: Uns geht es doch genauso! Und Michael war erst einmal beruhigt. Schließlich kennt jeder Mensch aus seinem Alltag bestimmte Zwänge.

Doch bis zu welchem Grad sind diese noch harmlos? Und ab wann sind sie krankhaft? Thomas Hillemacher kennt den Unterschied. Er ist der ärztliche Leiter der Paracelsus-Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Nürnberg.

"Problematisch wird es dann, wenn Zwänge eben viel Zeit verwenden, weil sie dann die Lebensführung beeinflussen und zu einem starken Leidensdruck führen. Also wenn Sie kaum noch das Haus verlassen können, weil sie stundenlang damit beschäftigt sind, alles nochmals zu kontrollieren, keine sozialen Kontakte mehr pflegen, kaum mehr zum Einkaufen gehen oder ihrem Beruf nicht mehr nachgehen können, dann ist es natürlich mit einem starken Leidensdruck verbunden und dann ist es auf jeden Fall krankhaft." Thomas Hillemacher, Leiter der Paracelsus-Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Nürnberg

Zwangserkrankungen – lange Zeit unterschätzt

Zwangserkrankungen sind hierzulande lange Zeit unterschätzt worden. Erst 1995, vor 24 Jahren also, hat sich die "Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen" – kurz DGZ – gegründet. Sie will Betroffene und Angehörige unterstützen – und die Öffentlichkeit aufklären. Schließlich leiden in Deutschland eine Million Menschen unter ausgeprägten Zwängen, so die DGZ.

Männer leiden häufiger unter Kontrollzwängen, Frauen unter Waschzwängen

Betroffen sind in etwa gleich viele Männer und Frauen. Wobei Frauen häufiger unter so genannten Waschzwängen leiden. Sie haben oft eine panische Angst vor Schmutz, Bakterien und Viren, was zu ausgiebigen Waschritualen führt. Männer dagegen leiden – wie auch Michael – häufiger unter Kontrollzwängen.

Daneben gibt es noch Zählzwänge, Sammelzwänge, Ordnungszwänge und auch Zwangsgedanken. All diese Zwangserkrankungen galten noch vor einiger Zeit als schwer behandelbar. Das ist inzwischen deutlich besser geworden. Zum einen können Medikamente helfen. Am wichtigsten ist aber eine Verhaltenstherapie, sagt Thomas Hillemacher.

"Bei einer Verhaltenstherapie arbeitet man letztlich daran, dass man dieses Verhalten unterbindet. Das heißt der Betroffene mit dem Kontrollzwang kann dann ein oder zweimal überprüfen, dass die Haustür abgeschlossen ist, dann muss er aber mit therapeutischer Begleitung – das nennt man dann Expositionsbehandlung – die Situation verlassen. Was passiert dann? Dann bekommt der Betroffene starke Angst, weil er ja eigentlich zurück und kontrollieren will, ob wirklich abgeschlossen ist – das dritte, vierte, fünfte, sechste Mal. Und diese Angst dann auszuhalten, das ist das Ziel der Therapie." Thomas Hillemacher, Leiter der Paracelsus-Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Nürnberg

Expositionstherapie hilft

Doch einen Therapeuten zu finden, der zu einem nach Hause kommt und dort eine Expositionstherapie durchführt – das ist nicht so einfach. Michael hatte dieses große Glück, wie er selbst sagt. Sein Therapeut hat ihn einmal dabei begleitet, seine Wohnung zwei Wochen lang zu verlassen – ohne vorher irgendetwas kontrollieren zu dürfen.

"Das hat mir auf jeden Fall sehr geholfen. Es ist aber natürlich allein mit dieser einmaligen Übung nicht getan. Es ist halt etwas, das man auch selber regelmäßig durchführen muss, auch immer wieder üben muss, um eben auch dieses neue Verhalten entsprechend einzutrainieren." Michael, Zwangserkrankter

Seine Zwänge schränken sein Privatleben aber nach wie vor ein. Beruflich hat Michael – er ist Softwareentwickler – weniger Probleme.

"Bei mir schlagen schon auch in der Arbeit gewisse Zwänge an. Zwar nicht so stark wie im Privatleben, aber ich muss mir beispielsweise eine E-Mail halt noch ein, zwei, dreimal durchlesen, bevor ich sie abschicke. Und ich muss sie auch nochmals durchlesen, nachdem sie abgeschickt ist. Aber im Großen und Ganzen kann ich trotzdem damit arbeiten." Michael, Zwangserkrankter

Warum Michael immer bis drei zählt

Zurück im Auto. Michael kommt gerade wieder zuhause an. Und muss nun Einiges kontrollieren: die Lenkradsperre, die Handbremse, die Fenster und das Radio. Dabei zählt er immer wieder bis drei. Warum?

"Das ist so ein bisschen ein tranceähnlicher Zustand, wo ich mich dann in diesen Kontrollen verfangen kann. Und das ist für mich dann die Hilfe, wieder das Ende zu finden. Das ändert sich immer mal wieder. Zur Zeit zähle ich eher bis drei, zum Glück. Das können auch deutlich höhere Zahlen sein." Michael, Zwangserkrankter

Heute zählt Michael also nur noch bis drei. Doch wird er sich irgendwann einmal das Zählen ganz sparen können?

"Ich glaube, eine komplette Heilung ist relativ unwahrscheinlich. Aber es ist schon möglich, dass man die Zwänge soweit runterbekommt, dass man damit gut leben kann." Michael, Zwangserkrankter