Schüler im Klassenraum
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Wie sieht die Schule von morgen aus?

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Wie die Schule von morgen aussehen kann

Wissensabfrage statt kreativer Lösungsfindung: Bereitet das Schulsystem unsere Kinder gut genug auf die Herausforderungen der Zukunft vor? Werden die richtigen Kompetenzen gefördert? Ein Gespräch über die Schule von morgen, mit Prof. Uta Hauck-Thum.

Über dieses Thema berichtete jetzt red i am .

"Es ist tatsächlich wichtig, dass wir uns endlich gemeinsam auf den Weg machen, unser Bildungssystem ins 21. Jahrhundert zu führen. Wir müssen Schulen gemeinsam weiterdenken", betont Uta Hauck-Thum, Professorin für Grundschulpädagogik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Die Anerkennung der Individualität der Kinder spiele hier eine große Rolle, wenn es darum geht, Schule grundsätzlich neu zu denken.

Der erst kürzlich veröffentliche Bildungstrend 2022, durchgeführt vom Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen, zeigt in diesem Zusammenhang auf, dass vor allem Kinder mit Migrationshintergrund oder solche aus sozial schwachen Familien besonders auf spezifische Förderung und Unterstützung seitens der Schule angewiesen sind.

"Sie müssen auch dort verstärkt agieren als Teil einer lernenden Gemeinschaft, in die sie sich gemäß ihrer individuellen Lernausgangslage in Austausch und Gestaltungsprozess einbringen können. Und sie müssen natürlich auch hier individualisierte Lernangebote vorfinden." Uta Hauck-Thum
Uta Hauck-Thum, Professorin für Grundschulpädagogik an der LMU München
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Prof. Uta Hauck-Thum

Eine Mutter beklagt bei "jetzt red i", dass den jungen Menschen im heutigen Schulsystem keine Wertschätzung entgegenkomme.
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Eine Mutter beklagt bei "jetzt red i", dass den jungen Menschen im heutigen Schulsystem keine Wertschätzung entgegenkomme.

Lehrermangel, Unterrichtsausfall und Bildungslücken

Laut einer von der Bayern-SPD in Auftrag gegebenen Studie kann aber auch das Schulsystem, wie es heute ist, ihren Aufgaben nur bedingt gerecht werden. Es fehle in Bayern an Tausenden Lehrern. Ein häufig angebrachter Grund: zu wenig Studierende. "Es ist nicht so, dass wir keine Studenten haben. Unsere Hörsäle sind voll, die Seminare sind voll. Aber es schließen ja dann auch nicht alle ihr Studium ab. Es sind einfach nicht ausreichend Lehrkräfte vorhanden", bestätigt Uta Hauck-Thum.

Nötig seien demnach Entwicklungen auf verschiedenen Ebenen. Das betreffe nicht nur die Ausstattung der Schulen, sondern auch das Angebot von Fortbildungen und eine grundsätzliche Überarbeitung der derzeit bestehenden Strukturen des Bildungssystems.

Hohen Arbeitsbelastung für Lehrkräfte

Erst am vergangenen Mittwoch wurde in der Sendung "jetzt red i" im BR Fernsehen die Lage in bayerischen Schulen diskutiert. Lehrer, aber auch Eltern und Schüler selbst, berichteten von den zahlreichen Schwierigkeiten, denen sie sich tagtäglich ausgesetzt sehen. Fehlendes Personal etwa resultiere oftmals in einer hohen Arbeitsbelastung für die verbliebenen Lehrkräfte. Für die Schüler bedeutet das folglich: Unterrichtsausfälle, die, umso häufiger sie stattfinden, das Risiko von Bildungslücken enorm erhöhen.

"Wenn ich die Schule anschaue, dann sehe ich ein System, das völlig überlastet ist. Und wir schauen uns nie an, wie die Schule eigentlich gestrickt ist und dass dieses System, mit dem wir arbeiten, im Groben seit 100 Jahren besteht", sagte im Rahmen von "jetzt red i" unter anderem Barbara Löll aus Augsburg, selbst Mutter von zwei schulpflichtigen Kindern. Da es auch nach Unterrichtsschluss oftmals an zeitintensiver Nachbearbeitung des Lernstoffs bedarf, so Löll weiter, habe sie als Mutter mitunter das Gefühl, als Hilfslehrerin fungieren zu müssen: "Es geht mir nicht um mich selber – es geht mir um die Familien, die das nicht leisten können."

Digitalisierung falsch gedacht?

Beschäftigt man sich ganz konkret mit der Gestaltung neuer, modernerer Schulkonzepte, stößt man zwangsläufig auf die häufig diskutierte Thematik der Digitalisierung. Vor allem durch die Einführung des in Zeiten der Corona-Pandemie unumgänglichen Online-Unterrichts wurde deutlich, wie ausbaufähig die Digitalisierung an den meisten Schulen bundesweit noch ist.

Hauck-Thum kritisiert in diesem Zusammenhang jedoch auch, dass man sich zu stark auf den technologischen Aspekt fokussiere: "Es werden Fragen der Ausstattung diskutiert: Welche Geräte soll man anschaffen? Mit welchen Tools kann Unterricht gestützt werden?" Viel wichtiger sei es aber, Lehr- und Lernprozesse vor dem Hintergrund eines kulturellen Wandels komplett neu zu denken.

"Letztendlich geht es von Anfang an darum, dass Kinder bereits in der Schule erleben, dass sie ein kreativer, gestaltender Teil einer digitalen Welt sind." Uta Hauck-Thum

Schule muss nicht in der Schule stattfinden

Die Entwicklung neuer Schulkonzepte beschränkt sich jedoch nicht auf den Aspekt der Digitalisierung. Hauck-Thum geht davon aus, dass sich das Konzept Schule, wie wir es bis dato kennen, in den nächsten Jahrzehnten gänzlich verändern könnte. Schule könne demzufolge nicht nur innerhalb eines einzigen Schulgebäudes, sondern an ganz verschiedenen Orten stattfinden. "Orte, an denen Kinder auch Kompetenzen erwerben, aber wo sie sich eben vor allem in gemeinschaftliche Prozesse einbringen können, wo sie auch Feedback und Beratung bekommen, wo sie natürlich auch leistungsfähig werden und auch leistungsbereit sein sollen", so die Pädagogin.

In diesem Zuge würde Hauck-Thum, die selbst Mitglied des Instituts für zeitgemäße Prüfungskultur ist, zukünftig unter anderem von einer Bewertung der Schüler mithilfe der gängigen Notenskala von eins bis sechs absehen. Es sei nicht zielführend, über die Zukunft der Kinder auf Basis einer solchen Skala zu entscheiden.

Weg mit den starren Strukturen

"Ich finde es sehr schwierig bereits nach vier Jahren eine Aussage zu treffen, welche Schulart jetzt die beste ist. Das ist aus meiner Sicht auch eine sehr unmenschliche Entscheidung", sagt Hauck-Thum. Denkbar wäre mitunter, von klassischen Unterrichtsmodellen abzuweichen und stattdessen etwa auf fächer- oder sogar klassenübergreifende Projektmodelle zu setzen. Mehr gemeinsame Schulzeit, statt Trennung nach vier Jahren. Die Förderung besonders begabter Schüler – Gymnasien sollen bestehen bleiben – soll genauso stattfinden, wie zum Beispiel eine Gemeinschaftsschule, auf der Schüler mit unterschiedlicher Lernausgangslage mehr Zeit haben, sich weiterentwickeln zu können, aber auch die Möglichkeit haben, in die Oberstufe zu wechseln.

Schulunterricht würde dadurch praktischer werden und den Schülern konkretere Möglichkeiten geben, sich in verschiedenen Fachrichtungen auszuprobieren. Schule heutzutage noch primär als einen Ort zu verstehen, an dem Schüler auf die Arbeitswelt vorbereitet werden, sei nicht leicht, so Hauck-Thum. Dafür sei die zukünftige Arbeitswelt viel zu ungewiss.

"Wir wissen aktuell nicht einmal, welche Berufe es zukünftig überhaupt geben wird. Was wir aber eben wissen ist, dass Kinder sich in einem unbestimmten Raum zurechtfinden müssen, mit Schwierigkeiten umgehen, sich gemeinschaftlich mit Problemen auseinandersetzen müssen." Uta Hauck-Thum

Vielleicht, so Hauck-Thum, ist Schule in Zukunft ja auch ein Ort für soziale und demokratische Prozesse. Denn dafür bräuchte man den direkten Kontakt. Es wäre demnach wichtig, Schule in Zukunft nicht nur als reinen Ort der Wissensvermittlung zu verstehen, sondern nebst anderen Faktoren die Fähigkeit des kritischen und reflektierten Denkens zu fördern.

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