Kathrin auf dem Weg in den OP-Saal im tschechischen Brünn. Gleich werden ihr hier Eizellen entnommen.
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Kathrin auf dem Weg in den OP-Saal im tschechischen Brünn. Gleich werden ihr hier Eizellen entnommen.

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    Warum Frauen mit Kinderwunsch zur Behandlung ins Ausland fahren

    Warum Frauen mit Kinderwunsch zur Behandlung ins Ausland fahren

    Für jedes sechste Paar in Deutschland hängt die Erfüllung des Kinderwunsches von medizinischen Eingriffen ab. Doch die Behandlung stellt für Betroffene eine große Belastung dar. Deshalb suchen Frauen den schnellen Weg in ausländische Privatkliniken.

    Als Kathrin und Alex um kurz nach sieben Uhr morgens aus ihrem Kleintransporter steigen, liegen rund sieben Stunden Autofahrt bis ins tschechische Brünn hinter ihnen – und eine Nacht im Weizenfeld. Vor ihnen, in einer Villa mit mediterranem Charme aus Beigetönen, ist ihr Ziel: eine private Reproduktionsklinik. Sie haben die lange Fahrt aus dem Raum Augsburg schon am Vortag hinter sich gebracht, denn heute wollen sie fit sein.

    Bei Kathrin steht die Follikel-Punktion an. Ihr werden gleich unter Vollnarkose Eizellen entnommen. Rund zwei Wochen lang hat sie sich Hormone gespritzt, damit eine größere Anzahl von Eizellen gleichzeitig heranreift. An diesem Morgen dürften die Voraussetzungen ideal sein. Der Eingriff entscheidet, ob sich ihr Wunsch nach einem eigenen Kind endlich erfüllt. Seit vier Jahren probieren die beiden ein Kind zu bekommen – bisher erfolglos.

    Künstliche Befruchtung keine Garantie für Schwangerschaft

    "Ich bin schon ein bisschen nervös", sagt Kathrin. "Ist ja nicht das erste Mal, da hat man schon die Gedanken: Klappt’s dieses Mal? Weil man da schon eine ganz schöne Tortur auf sich nimmt." Sie weiß, dass der Eingriff keine Garantie für eine Schwangerschaft ist. Für sie ist es bereits das vierte Mal, dass sie für die künstliche Befruchtung Eizellen abgibt.

    Mit ein Grund: eine Anomalie in Kathrins Erbgut. Wie jeder Mensch hat sie 22 Chromosomenpaare – allerdings ist bei ihr ein 3er Chromosom zu lang, ein Chromosom 7 ist zu kurz. Das Erbgut ist vollständig da, hängt allerdings am falschen Chromosom. Für Kathrin bleibt das ohne Auswirkung, für den entstehenden Embryo kann das jedoch fatal sein. Er bekommt die Hälfte des Chromosomensatzes von der Mutter. Wenn dabei nur ein fehlerhaftes Chromosom vererbt wird, wäre das Kind nicht lebensfähig.

    Behandlung in Münchner Kinderwunschzentrum verlief nicht nach Wunsch

    Auf natürlichem Wege sei sie schon ein paar Mal schwanger geworden, erzählt sie. Die Embryonen haben nicht überlebt. Und auch die Behandlungen an Kinderwunschzentren in München seien dann nicht nach Wunsch verlaufen. Nach zwei erfolglosen Eingriffen in Deutschland suchte Kathrin deswegen den Kontakt zu anderen Betroffenen. Seither tauscht sie sich im Internet regelmäßig mit anderen Frauen aus und teilt ihre Erfahrungen. So habe sie auch den Tipp mit der Klinik in Brünn bekommen. Außerdem baut Kathrin auf die Erfahrung der tschechischen Ärztinnen und Ärzte. In Sachen Reproduktionsmedizin hat das Land eine lange Tradition.

    Tschechische Klinik wirbt gezielt nach Patientinnen aus dem Ausland

    Auch in Tschechien schlug der erste Versuch fehl. Aber hier habe man dem Paar glaubhaft gemacht, dass es mit gewissen Optimierungen, etwa in der Selektion der Spermien, dieses Mal klappen kann. Die tschechische Klinik, an der auch der Milliardär und ehemalige Ministerpräsident Tschechiens, Andrej Babiš, beteiligt ist, wirbt gezielt Patientinnen aus dem Ausland an – sie machen mehr als zwei Drittel aller Patientinnen aus. Aus über 90 Ländern sollen inzwischen Menschen zur Behandlung nach Brünn gekommen sein. Die Website gibt es auf neun verschiedenen Sprachen.

    Die Klinik punktet damit, dass die Behandlungen schnell und unbürokratisch über die Bühne gehen. Nach einer ersten Kontaktaufnahme per Online-Formular bekam Kathrin sofort eine Betreuerin zugeteilt, die fließend Deutsch spricht und bei allen Fragen rund um die Uhr zur Verfügung steht. Besonders praktisch in Pandemiezeiten: Die Klinik hat dadurch langjährige Erfahrung mit Konsultationen via Videotelefonie. Nur für die Entnahme der Eizellen und für das Einsetzen der Embryonen müssen die Patientinnen nach Brünn kommen, den Rest können sie in der Heimat erledigen. So ging Kathrin für die Ultraschalluntersuchungen zu ihrem Gynäkologen und übersandte die Ergebnisse anschließend über das Web nach Tschechien.

    Nur drei von zehn Paaren bekommen ein Kind

    "Hallo, wie geht es Ihnen?", Kathrins Arzt, Dr. Tomáš Bagócsi, begrüßt das Paar nicht nur auf Deutsch, sondern führt auch das Vorgespräch in der Muttersprache der beiden. Fünf Jahre hat er in Bayern praktiziert, die Klinik "reprofit" in Brünn hat ihn dann gezielt abgeworben. Auch wegen seiner Deutschkenntnisse.

    Dem Arzt ist es wichtig, dass die Chancen auf eine Schwangerschaft realistisch eingeschätzt werden. Viele Patienten wüssten überhaupt nicht, dass die künstliche Befruchtung eine Effektivität zwischen 20 und 30 Prozent hat, sagt er. Damit liegt "reprofit" ungefähr auf dem Niveau deutscher Kinderwunschzentren. Wenn pro Tag zehn Patientinnen zu ihm kommen, müsse er anschließend sieben erklären, warum es mit dem Kind nicht geklappt hat.

    Größtes Manko: Das fortgeschrittene Alter der Patientinnen

    Kathrins Chancen schätzt er nüchtern ein: Das größte Limit sei das Alter der Patientinnen, sagt er. "Je später sie zu uns kommen, desto weniger Möglichkeiten haben wir." Kathrin ist 39, ihre Chancen schwanger zu werden schwinden mit jedem Tag.

    Dabei liegt sie laut Umfragen unter Patientinnen mit 39 nur knapp über dem Altersschnitt aller Frauen, die sich künstlich befruchten lassen. "Wir sehen das realistisch so, dass es heute wieder nicht klappen kann", sagt Bagócsi nach dem Eingriff. Aber jetzt im OP sei alles in Ordnung gelaufen.

    Präimplantationsdiagnostik in Deutschland verboten

    In einem kleinen Labor neben dem OP-Saal befruchten Assistentinnen die Eizellen nach Entnahme in vitro, also außerhalb des Körpers, und frieren sie ein. Einige von ihnen bilden sich zu Embryos weiter. Bevor der Embryo dann in die Gebärmutter eingesetzt wird, wird er untersucht, das ist die sogenannte Präimplantationsdiagnostik, kurz PID. So kann man feststellen, ob er einen Gendefekt hat oder gesund ist. Für Kathrin ist diese Information besonders wichtig.

    In Deutschland ist dieser Vorgang weiterhin verboten. So steht es seit nun zehn Jahren im Embryonenschutzgesetz. Zu groß war damals die Angst vor dem Designerbaby. Ausnahmen sind nur möglich, wenn eine eigens eingesetzte Ethikkommission zustimmt. Diese setzt sich aus Mitgliedern verschiedener Fachbereiche wie Medizin, Ethik und Recht zusammen. 

    Ethikkommission: "Hier wird nicht nach dem Designerbaby gesucht"

    Die Würzburger Ärztin Prof. Ursula Zollner leitet seit Gründung 2015 die Bayerische Ethikkommission für Präimplantationsdiagnostik. Die Kommission tagt fünfmal im Jahr, pro Sitzung haben die Mitglieder über rund 60 Anträge zu entscheiden. "Die Anträge, die uns erreichen, werden zwar immer mehr, aber sind eigentlich alle sinnbehaftet", sagt sie vor einer Sitzung im Herbst 2021. "Also es wird hier nicht nach dem Designerbaby gesucht, sodass auch vielleicht unsere anfängliche Angst, zu viel zu erlauben, nicht begründet ist."

    Damit bezieht sich Zollner auf eine Entscheidung aus dem Jahr 2016, die später vom obersten Verwaltungsgericht gekippt wurde. Ihre Kommission hatte damals einem Paar die Untersuchung per PID verwehrt, weil die Erbkrankheit nicht "schwerwiegend genug" gewesen sei. Die obersten Verwaltungsrichter haben das korrigiert und es damit auch den Mitgliedern erleichtert, "mehr zustimmen zu können", wie Zollner dem Polit-Magazin report München sagt.

    Kostenfrage als Hürde zur künstlichen Befruchtung in Deutschland

    In der Sitzung im Herbst 2021 lehnt die Kommission nur einen Antrag ab. Die Fallbesprechung ist dabei streng vertraulich. Doch die rechtliche Hürde ist für betroffene Paare längst nicht die einzige. So müssen Krankenkassen derzeit nur etwa die Hälfte der Kosten für eine künstliche Befruchtung übernehmen – vorausgesetzt, die zu behandelnde Frau ist zwischen 25 und 40 Jahre alt und es kommen nur die eigenen Samen- und Eizellen des Paars zum Einsatz. Und auch für die Entscheidung der ehrenamtlichen Kommission fallen weitere Kosten an, die die Paare selbst tragen müssen – in Bayern liegen diese laut Angaben der Kommission jedoch nur zwischen 200 und 400 Euro pro Fall.

    Ampel-Koalition will ungewollt Kinderlose "besser unterstützen"

    Immerhin das will die neue Bundesregierung nun ändern. Im Koalitionsvertrag heißt es, "wir wollen ungewollt Kinderlose besser unterstützen". Die konkrete Ausgestaltung müsse allerdings noch innerhalb der Koalition verhandelt werden. Die FDP-Politikerin Katrin Helling-Plahr, die den Vertrag in der Arbeitsgruppe "Gleichstellung und Vielfalt" mitverhandelt hat, stellt klar: "Nach unserem Verständnis sollen künftig sowohl die Kosten des Eingriffs als auch die Kosten der Ethikkommissionen übernommen werden. Einzelheiten werden natürlich noch im Gesetzgebungsverfahren festgelegt." Von einer Legalisierung der PID, wie etwa in Tschechien, ist weiterhin keine Rede.

    Obwohl Kathrin bei der Abreise aus Brünn gelassen und voller Hoffnung ist, beginnt bereits wenige Tage später das große Zittern. Jeden Tag verfolgt sie über das Online-Portal der Klinik, was aus ihren Eizellen geworden ist. Vier von 15 befruchteten Eizellen haben sich zu Embryonen weiterentwickelt und konnten schließlich eingefroren werden. "Du hoffst einfach nur, dass eins dieser vier gesund ist", sagt sie.

    Der entscheidende Moment: die Ergebnisse des Gen-Tests

    Der entscheidende Moment kommt noch - das Ergebnis des Gen-Tests. Nur wenn die Embryonen gesund sind, können sie Kathrin auch eingesetzt werden.

    Kathrin deutet auf den Display, auf dem ihr die Befunde angezeigt werden. Dort steht "Embryo no Transfer". Man sieht, dass es nur X-Chromosomenpaare waren, "also alles Mädchen, und alle Ergebnis abnormal", sagt sie. Kein Embryo war gesund genug, um ihn einzusetzen. Versuch vier ist gescheitert, Kathrins bisherige Odyssee war nicht erfolgreich. Sie weiß nicht, ob sie überhaupt nochmal versuchen will ein eigenes Baby zu bekommen.

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