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Wie Corona Menschen mit Behinderung isoliert | BR24

© picture alliance/dpa-Zentralbild/Sascha Steinach

Symbolbild: Corona-Hinweisschild, Mund-Nasen-Schutz zu tragen

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    Wie Corona Menschen mit Behinderung isoliert

    Eine Gruppe Hilfsbedürftiger wird in vielen Corona-Debatten völlig vergessen: Menschen mit Behinderungen. Sie und ihre Angehörigen müssen seit Monaten mit enormen Einschränkungen zurechtkommen - was nicht immer gut funktioniert.

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    In der Corona-Zeit finden die Probleme von Menschen mit Behinderung oft nur wenig Beachtung, dabei hat sich ihr Alltag und der ihrer Angehörigen in der Pandemie stark verändert: Unkomplizierter ist er nicht geworden.

    Menschen mit Behinderungen in stationären Einrichtungen

    Rund 35.000 Kinder und Erwachsene mit Behinderungen leben bayernweit in stationären Einrichtungen, mehr als 37.000 sind laut Bayerischem Sozialministerium in Werkstätten tätig. Kristina Posch beispielsweise lebt und arbeitet seit gut acht Jahren in der Stiftung Attl bei Wasserburg im Landkreis Rosenheim. Die 30-Jährige ist geistig behindert und derzeit ganz schön durcheinander.

    Kein Rhythmus mehr

    Denn ihr Alltag ist weit entfernt von dem, was sie kennt, was sie schätzt und was ihr guttut. Die junge Frau darf, wie alle anderen Bewohnerinnen und Bewohner in der Stiftung Attl, nur jede zweite Woche an ihren Arbeitsplatz in den Werkstätten. Das ist nicht mehr derselbe wie vor Corona. Andere Räume, andere Betreuerinnen und Betreuer, andere Tätigkeiten. Das macht der jungen Frau zu schaffen.

    "Kristina ist deutlich gestresster, schwieriger, innerlich unruhig. Und dadurch in der Handhabe auch etwas schwerer zu führen." Armin Posch, Vater von Kristina

    Alles wegen "Sch...-Corona"

    Dazu kommt: Damit der wegen Corona nötige Abstand gewahrt werden kann, ist jeweils nur die Hälfte der bisher in den Werkstätten tätigen Menschen erlaubt. Das bedeutet für Kristina Posch und alle anderen: Jede zweite Woche müssen sie in ihrer Wohngruppe bleiben. Sie bekommen dort eine Beschäftigungstherapie. "Langweilig", findet Kristina Posch, die sich auch ärgert, dass sie ihren Kumpel und ihr Schatzi nicht mehr treffen darf.

    "Wegen Sch...-Corona! Schmusen neda, darf ihn nimmer treffen, darf gar nix mehr." Kristina Posch

    Besonders vermisst sie die Ausflüge, das Attler Frühlingsfest und das Rosenheimer Herbstfest. Wenigstens darf sie mit ihrer Wohngruppe Halloween feiern. Darauf freut sich die junge Frau schon.

    Ein Betreuer für acht bis zehn Bewohner

    Ein Kraftakt für die Heilerziehungspflegekräfte. Denn Corona macht eines extrem deutlich: den Personalmangel - und zwar nicht nur im Pflegebereich, sondern auch auch in der Eingliederungshilfe.

    Im März musste der Stiftungsvorstand sogar Mitarbeiter aus den Werkstätten abziehen für den Wohnbereich. Denn anders als in Krankenhäusern könne ja nicht einfach eine Station geschlossen werden, sagt Stiftungsvorstand Franz Hartl im BR-Gespräch. In Attl werde den Bewohnerinnen und Bewohnern ja Heimat geboten, die Versorgung müsse immer sichergestellt werden, egal, wie viel Personal vorhanden ist. 230 Krankmeldungen musste Hartl allein im März bewältigen.

    Große Sorgen vor dem Winter

    Positiv ist jedoch, dass das Hygienekonzept der Stiftung Attl greift. Seit Mai gab es keinen Corona-Fall mehr in der Einrichtung. Der betroffene Vater Armin Posch lobt den Umgang der Verantwortlichen mit diesen schweren Zeiten. Er und viele andere Eltern seien sehr zufrieden mit Attl. Die Maßnahmen, die getroffen worden sind, seien vollkommen korrekt.

    Doch Armin Posch hofft, dass spätestens im Frühjahr die Maßnahmen zurückgefahren werden und vor allem die Verantwortlichen in der Stiftung aus der Verantwortung entlassen werden.

    "Die können ja gar nicht anders, als das sehr streng zu handhaben, weil sie am Schluss verantwortlich sind. Aber für Krankheiten dieser Art ist kein Mensch verantwortlich. Das müsste die Politik halt auch mal einsehen." Armin Posch

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