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Bordellzimmer

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    Wie Corona die Prostitution ausbremst

    Nach rund acht Monaten Schließung durften Anfang Juli auch die Prostitutionsstätten in Bayern wieder öffnen. Die 13. Bayerische Infektionsschutzmaßnahmenverordnung hat es möglich gemacht – doch der Kundenverkehr wird ausgebremst.

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    Von
    • Inga Pflug

    In Nürnberg liegt der Rotlichtbezirk traditionell an der Frauentormauer in Nürnberg. In der Altstadt-Gasse am Rande der Innenstadt herrschte sonst reges Treiben und Laufhaus-Betrieb. Nun, da zumindest Eins-zu-Eins-Treffen zwischen Prostituierten und Freiern wieder erlaubt sind, ist die Stimmung eine andere.

    Doch Sexarbeiterin Diana (Name von der Redaktion geändert) ist froh, dass sie überhaupt wieder Kunden empfangen darf – auch wenn die Hygieneregeln vieles erschweren. Sie arbeitet seit mehr als 20 Jahren im Nürnberger Rotlicht-Bezirk. Und unterstützt mit dem Geld, das sie hier verdient, ihre Familie in Rumänien.

    Hygienemaßnahmen schrecken Freier ab

    Die Vorschriften beginnen schon beim Händedesinfizieren am Eingang. Diana muss ihre Kunden an der Haustür abholen. Jeder Freier muss außerdem ein Formular ausfüllen und seine Kontaktdaten hinterlassen. Das ist nicht gut fürs Geschäft, merkt auch Bordellbetreiberin Andrea S., schließlich ist der Besuch einer Sexarbeiterin etwas sehr Privates, das viele Männer geheim halten wollen: "Da ist die Sorge natürlich groß, dass wenn man ein Formular mit seinem Namen oder seiner Telefonnummer hinterlegt, das irgendwie an die Öffentlichkeit gelangen könnte."

    Die Bordellbetreiberin garantiert, dass die Unterlagen für unbefugte unzugänglich aufbewahrt werden. Nach vier Wochen werden die Formulare vernichtet. Das Vertrauen der Gäste sei allerdings nicht so groß.

    Sex mit Maske – je nach Dienstleistung

    Mit der Maske fällt allein schon die Geschäftsanbahnung am Fenster schwer, berichtet Sexarbeiterin Diana. Zumindest einige Stammkunden lassen sich ihren Worten zufolge davon aber nicht abschrecken. Die Prostituierte verbraucht selbst mehrere Masken am Tag und berichtet auch von Kunden, denen das Atmen mit der Maske schwerfällt. Auch wenn sie ihren Kunden dann an der Haustür abgeholt und der sich die Hände desinfiziert hat, bleibt auf dem Zimmer die Maske auf – soweit es die Dienstleistung zulässt: Zum Oralverkehr nimmt sie den Schutz ab – beim Geschlechtsverkehr kommt die Maske wieder drauf.

    Mehr Aufwand, weniger Kunden

    Genau das schreibt nämlich die Infektionsschutzmaßnahmenverordnung für die Ausübung und Inanspruchnahme von Dienstleistungen, bei denen eine körperliche Nähe zum Kunden unabdingbar ist, vor. Nach dem Eilantrag eines Betreibers hatte der Bayerische Verwaltungsgerichtshof die Corona-bedingten Einschränkungen der Prostitution in Bayern gelockert – zumindest für solche Prostitutionsstätten, in denen die Freier einzeln erscheinen und nicht auf andere Kunden oder Sexarbeiterinnen treffen. Nach jedem Gast muss Diana das Bett neu beziehen, alles desinfizieren. Das bedeutet mehr Aufwand – bei weniger Kunden. Diana weiß aber auch, dass sie sich dadurch auch selbst schützt.

    Wartezeiten auf dem Amt erschweren Neustart

    Nach rund acht Monaten Lockdown im Prostitutionsgewerbe war der Andrang nach Beratungsterminen in der Fachstelle sexuelle Gesundheit des Gesundheitsamtes der Stadt Nürnberg Anfang Juli entsprechend groß. Ein solches Beratungsgespräch ist nämlich Voraussetzung für den Arbeitsausweis, den Prostituierte brauchen, um ihr Gewerbe zu legalisieren. In der Pandemie war der bei vielen abgelaufen.

    Während Anfang des Monats bei der Beratungsstelle kaum noch Termine zu bekommen waren, gibt es sie nun in der Regel wieder innerhalb einer Woche, heißt es aus der Nürnberger Beratungsstelle, wo man nach eigenen Angaben mit aufgeklärten Frauen zu tun hat, die sich mit den geltenden Corona-Hygieneregeln für ihre Branche gründlich auseinandergesetzt haben.

    Das Gesundheitsreferat (GSR) in München nennt eine rund 14-tägige Wartezeit. Bei Absagen rufe man Klientinnen und Klienten auf der Warteliste an; in Einzelfällen sei am selben oder am nächsten Tag ein Termin möglich. Mehr als 100 solcher Beratungsgespräche haben die Einrichtung in der Landeshauptstadt und in Nürnberg seit der Wiedereröffnung der Prostitutionsstätten durchgeführt.

    Publikumsverkehr unter Vor-Corona-Niveau

    Noch sind nicht alle Frauen, die sonst an der Frauentormauer gearbeitet haben, in die Betriebe zurückgekehrt. Auch der Publikumsverkehr im Rotlichtviertel ist noch lange nicht wieder auf Vor-Corona-Niveau. Das bestätigt auch die Beratungsstelle für Sexarbeiterinnen Kassandra in Nürnberg. Viele Frauen haben sich demnach im Lockdown auch nach anderen Jobs umgesehen. Jetzt sei zwar die Nachfrage sowohl von Seiten der Frauen als auch der Freier wieder da – doch die Regeln erschwerten die Arbeit in der Branche.

    Diana hat den Lockdown finanziell durch die Unterstützung ihres Freundes überstanden. Nun will sie wieder ihr eigenes Geld verdienen und hofft, dass die Maskenpflicht in ihrem Gewerbe bald fallen könnte. Und dass keine nächste Welle sie wieder in den Lockdown bringen wird. Sie ist mit ihrem Job zufrieden und macht ihn gern, sagt sie. "Ich bin in diesem Job jetzt so lange Jahre und ich möchte noch weiterarbeiten. Dieser Job war immer gut."

    Lockdown-Angst statt Corona-Angst

    Große Angst, sich bei einem Kunden mit Corona zu infizieren, hat Sexarbeiterin Diana nicht. Vor kurzem hat sie ihre erste Impfung bekommen. Und auch die meisten Freier, sagt sie, sind geimpft – oder haben zumindest einen Negativtest dabei. Bordellbetreiberin Andrea S. stellt den Frauen, die bei ihr arbeiten, die Masken und unterstützt sie bei Impfterminen. Spätestens im Herbst sollen alle komplett durchgeimpft sein, sagt sie.

    Ein neuerlicher Lockdown wäre sowohl für die Frauen als auch für die Betreiber von Prostitutionsstätten finanziell eine Katastrophe, schon allein wegen der laufenden Kosten wie für Müllabfuhr, Miete und Strom. "Wir haben ein Hygienekonzept, das ist schon sehr streng. Wir wüssten jetzt nicht, was wir daran noch strenger machen sollten. Wir hoffen, dass dann kein Lockdown mehr kommt."

    💡 Corona-Hygienekonzept im Bordell

    Öffnen dürfen nur Prostitutionsstätten mit separaten Zimmern, denn erlaubt ist nur der Eins-zu-eins-Kontakt zwischen Prostituierter und Freier.

    Gruppen- oder Gemeinschaftsräume oder das Aufeinandertreffen mehrerer Menschen an der Bar, in der Sauna oder in Darkrooms ist nicht erlaubt. Die entsprechenden Bereiche sind in den Häusern geschlossen.

    Neben der FFP2-Maskenpflicht gilt auch, dass die Dienstleistenden die Kontaktdaten der Kundschaft erheben müssen.

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