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Wie Charlotte Knobloch die Shoah im Versteck überlebte

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Wie Charlotte Knobloch die Shoah im Versteck überlebte

Charlotte Knobloch ist Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, lange saß sie dem Zentralrat der Juden in Deutschland vor. Die Shoah überlebte sie, wie nur wenige Juden, versteckt in Deutschland. Ein Portrait.

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Charlotte Knobloch kam 1932 in München als Charlotte Neuland zur Welt und ist in der NS-Zeit aufgewachsen. Die Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung aus der sogenannten "Volksgemeinschaft" der Nazis hat sie als kleines Kind bereits am eigenen Leib erlebt. Charlotte war ungefähr dreieinhalb Jahre alt, als sie plötzlich nicht mehr in den Hof des Nachbarhauses durfte, um dort mit anderen Kindern zu spielen. Die Hausmeisterin sagte zu ihr: "Unsere Kinder dürfen nicht mehr mit einem jüdischen Kind spielen."

Die glücklichen Tage ihrer Kindheit sind mit ihrer Großmutter Albertine Neuland verbunden, zumal sich ihre Eltern getrennt haben und die Mutter die Familie verlassen hat. "Ich hab' zu meiner Mutter auf Grund auch der Tatsache, dass sie uns allein gelassen hat, eigentlich keine innere Bindung gehabt; keine innere Bindung, wollen wir es mal so sagen."

Sie sieht die Synagoge brennen und bricht in Tränen aus

Charlotte Knobloch hat auch die sogenannte "Reichskristallnacht" in München erlebt, das Pogrom vom 9. November 1938. Ihr Vater hatte einen Wink bekommen und ging mit der Tochter auf die Straße. So entging er der Verhaftung durch die Gestapo, die ihn tatsächlich in seiner Wohnung und in seinem Büro gesucht hat.

Später sieht sie die brennende Synagoge in der Herzog-Rudolf-Straße. "Ich bin sofort in Weinen ausgebrochen, weil gegenüber lag mein Kindergarten, und ich hab das irgendwie verbunden. Mein Vater hat mich sofort weggezogen, damit wir nicht auffallen, ein Kind, das laut weint - aber da hab ich das letzte Mal diese Synagoge gesehen."

Der Judenstern - eine Riesenbelastung

Fritz Neuland fand schließlich mit seiner Tochter in Gauting bei einem Freund Unterschlupf. In der NS-Zeit wurde Verbot um Verbot erlassen. Juden durften nicht auf einer Parkbank sitzen, durften die öffentlichen Verkehrsmittel nicht mehr benutzen und mussten den gelben Judenstern tragen. "Den Stern haben wir getragen, die ganze Familie, in München. Nachdem ich gewusst habe, mit diesem Stern sind wir etwas anderes, etwas Unschönes, war das für mich eine Riesenbelastung - eine Riesenbelastung, und ich hab oft, wenn ich was angehabt hab, den Stern umgedreht, also das Kleidungsstück umgedreht, die Jacke oder irgendwas."

Dann wurde ihre geliebte Großmutter in das Ghetto Theresienstadt bei Prag deportiert. Dort stirbt Albertine Neuland 1944. "Die Verabschiedung ist eine meiner schmerzlichsten Erfahrungen in meinem Leben, weil ich natürlich wusste, dass ich sie nie mehr wiedersehe. Sie hat mir gesagt, sie fährt auf Kur und wird in einiger Zeit zurückkommen." Sie aber habe damals schon gewusst, dass niemand auf Kur ging.

Versteckt in Franken überlebt sie die Shoah

Damit nicht auch Tochter Charlotte auf einen der gefürchteten Transporte gehen muss, bringt ihr Vater sie nach Mittelfranken, aufs Land zu Kreszentia Hummel, die Haushälterin bei seinem bereits in die USA emigrierten Bruder in Nürnberg war. Charlotte wird aufgenommen und lebt drei Jahre lang, getarnt als katholisches Kind, auf einem Bauernhof in Arberg. Dort erlebt sie auch die Befreiung. Die Ankunft der US-Armee ist filmreif. "Der erste Panzer, der den Weg heraufgefahren ist in das Dorf, da waren schwarze Soldaten drauf, die Bonbons 'runtergeschmissen haben, das war ja nicht nur ich, die die begrüßt hat."

Drei Jahre lang hörte sie nichts mehr von ihrem Vater, aber er hatte überlebt. In München zur Zwangsarbeit verpflichtet, hatte er bereits den Deportationsbescheid in der Tasche. Da verhalfen ihm sowjetische Kriegsgefangene zur Flucht. Und sein Freund in Gauting, zu dem er schon am 9. November 1938 geflüchtet war, versteckte ihn.

Als ihr Vater sie in Arberg abholte, fiel Charlotte nach drei Jahren der Abschied schwer, aber sie kehrt nach München zurück - und bleibt. Sie heiratete Samuel Knobloch, beide wollen eigentlich auswandern, aber dann kam das erste Kind, und irgendwann saß das Ehepaar nicht mehr auf den sprichwörtlichen gepackten Koffern. "Wir wollten weg, und es hat sich dann nie ergeben, und meine Koffer hab ich erst ausgepackt, als ich gesehen hab: Juden habe hier wieder eine Zukunft."