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Wie Bayern Menschen mit Autismus helfen könnte | BR24

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Symbolbild Autismus

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Wie Bayern Menschen mit Autismus helfen könnte

Etwa 130.000 Menschen in Bayern sind von einer Autismus-Spektrum-Störung betroffen. Das Bayerische Sozialministerium und die Hochschule München arbeiten an einer Strategie, um ihnen zu helfen. Das könnte auch zum Vorbild für den Bund werden.

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Den komplizierten Namen "Autismus-Spektrum-Störung" braucht man deshalb, weil Autismus tatsächlich ein sehr weites Spektrum unterschiedlicher Ausprägungen haben kann. Dieses reicht von Menschen, die teilweise behindert sind, bis zu Menschen, die im Alltag gut zurechtkommen und besondere Fähigkeiten entwickeln. Greta Thunberg ist so ein Fall. Sie hat das Asperger-Syndrom, eine Ausprägung von Autismus.

Autismus-Spektrum-Störung: Ein Prozent der Bayern ist betroffen

Etwa ein Prozent der Menschen in Bayern sind von einer Autismus-Spektrum-Störung betroffen – also rund 130.000 Menschen. Obwohl so viele betroffen sind, gibt es in ganz Deutschland bislang noch keine einheitliche Strategie, wie Menschen mit Autismus-Spektrum geholfen werden kann. Das soll sich nun ändern.

Alltag liefert fast unerträgliche Reize

Autisten wie Thomas Schneider aus Geiselhöring nehmen ihre Umgebung sehr viel intensiver wahr. Es ist, als würde ein Filter fehlen. Reize im Supermarkt sind für Schneider fast unerträglich stark.

"Es strengt enorm an. Jeder Einkauf ist einfach eine Herausforderung. Und wenn es nicht wirklich nötig ist, dann versuche ich natürlich auch, einen Einkauf zu vermeiden." Thomas Schneider, Autist

Im Gespräch Gefühle und Intentionen einfach aussprechen

Autisten haben eine besondere Wahrnehmung der Welt. Aber viele können den Alltag ganz normal meistern. Thomas Schneider würde es beispielsweise schon helfen, wenn sein Gegenüber wüsste, wie man mit ihm reden muss.

"Gerade Autisten haben ein Problem, non-verbale Kommunikation zu erkennen, zu deuten und auch richtig zu interpretieren. Das heißt, dass ein Großteil der zwischen-menschlichen Kommunikation dadurch auf der Strecke bleibt. Wenn man Gefühle, Intentionen und alles, was man sonst nicht aussprechen würde, weil man denkt, der andere versteht es sowieso, einfach verbalisieren würde, würde uns das viel helfen." Thomas Schneider, Autist
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Autisten haben Schwierigkeiten, sich in andere einzufühlen, im Gespräch den richtigen Ton zu treffen. Über sie gibt es viele Klischees. Rund 800.000 Menschen in Deutschland leben mit einer sogenannten Autismus-Spektrum-Störung.

Vom ersten Verdacht bis zur Diagnose beim Facharzt dauert es lange

Professor Markus Witzmann von der Hochschule München leitet die Entwicklung der Autismus-Strategie Bayern. Fachleute, Betroffene und deren Familien-Angehörige arbeiten dafür Empfehlungen aus, was Autisten brauchen.

Ziel ist es, Autisten Hilfe von klein auf bis zur Pflege im Alter anzubieten, sodass sie so gut wie möglich am Leben teilhaben können. Im Moment, so eine erste Erkenntnis, dauert es bis zu einem Jahr vom ersten Verdacht bis zur Diagnose beim Facharzt – viel zu lange für Professor Witzmann.

"Das Problem ist, wer diese Diagnostik nach einem gewissen Standard gut durchführen kann. Vor allem Fachärzte oder Psychotherapeuten, die speziell ausgebildet sind. Wie können die in der Fläche verfügbar gemacht werden?" Professor Markus Witzmann

Autisten brauchen Rückzugsräume und zweiten Lehrer an Schulen

Nanna Lanz aus München ist selbst Autistin und hat zwei Kinder, die von Autismus-Spektrums-Störung betroffen sind. Aus eigener Erfahrung sagt sie, es fehle ein eigener Förderschwerpunkt Autismus. Autisten an Regelschulen bräuchten zum Beispiel Rückzugsräume, Schutz vor Mobbing oder einen zweiten Lehrer, der auf ihr spezielles Lerntempo eingehen kann.

"Autisten haben zum Beispiel oft ein ganz anderes Lernverhalten. Auch die kognitiven Fähigkeiten und die Handlungskompetenz liegen oft weit auseinander, sodass das oft speziell berücksichtigt werden müsste." Nanna Lanz, Betroffene und Mutter von Autisten

Bei der Autismus-Strategie sollen Betroffene und deren Angehörige intensiv beteiligt werden. Bis zum Jahr 2021 dürften die Empfehlungen ausgearbeitet sein.