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Widerstandskämpfer und Zeitzeuge Vittore Bocchetta gestorben | BR24

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Im Alter von 102 Jahren ist Vittore Bocchetta, ehemaliger Häftling des Konzentrationslagers Hersbruck, gestorben. Er hatte im Zweiten Weltkrieg geholfen, 900 italienische Gefangene zu befreien. Dafür wurde er inhaftiert.

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Widerstandskämpfer und Zeitzeuge Vittore Bocchetta gestorben

Im Alter von 102 Jahren ist der italienische Widerstandskämpfer Vittore Bocchetta gestorben. Als Gefangener überlebte er das KZ Flossenbürg und das Hersbrucker Außenlager. Nach dem Krieg setzte er sich als Künstler und Zeitzeuge für den Dialog ein.

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Von
  • Nicolas Eberlein
  • Anja Bühling

Der ehemalige Häftling im Konzentrationslager Hersbruck, Widerstandskämpfer und Zeitzeuge Vittore Bocchetta ist im Alter von 102 Jahren gestorben. Sein Neffe Alberto teilte mit, dass sein Onkel nach kurzem Krankenhausaufenthalt am 18. Februar bei sich zuhause starb, heißt es im Nachruf der Dokumentationsstätte KZ Hersbruck.

Gegen Gewalt und die faschistische Ideologie

Darin ist zu lesen, dass Vittore Bocchetta am 15. November 1918 in Sassari auf Sardinien geboren wurde und ab 1932 in Verona lebte. Im Nachruf wird Bocchetta damals als "jung und lebenslustig, gebildet und freiheitsliebend" bezeichnet. Befreundet mit Widerstandskämpfern kam der junge Mann bald mit dem faschistischen Regime des "Duce" Mussolini in Konflikt. Er war, wie er selbst sagte, arm, fühlte sich zwar nicht als Antifaschist, lehnte aber Gewalt ab und hatte Prinzipien, die nicht mit denen der Machthaber zu vereinbaren waren. Er schließt sich dem italienischen Widerstand an.

"Es gibt keine Kopfschmerzen, die mich daran hindern zu denken. Ich bin kein Neuling mehr, bin in der schmalen Reihe der Verschworenen, ein vollwertiger Anhänger der Utopie der Freiheit." Vittore Bocchetta, in "Jene fünf verdammten Jahre"

Verschleppt ins KZ Flossenbürg und das Außenlager Hersbruck

So kam er in den Kreis der Widerstandskämpfer in Verona und fand in ihnen Freunde. So schrieb er selbst: "Freunde finde ich auf den Straßen wenige. Ich habe jedoch viele und gute im Untergrund meiner Stadt gewonnen." Die staatliche Willkür und die Machtlosigkeit junger Menschen zu der Zeit machten ihn selbst politisch aktiv, auch wenn er sich keiner politischen Partei anschließen wollte. "Ich existiere für den Wunsch nach dem Ende des Krieges, für einen Traum von Frieden", schrieb Vittore Bocchetta später in seinen Erinnerungen "Jene fünf verdammten Jahre. Aus Verona in die Konzentrationslager Flossenbürg und Hersbruck".

Bocchetta kämpft gegen die Machthaber. Als Mussolini am 9. September 1943 gestürzt wird, wird Verona von der deutschen Wehrmacht besetzt. Im Nachruf wird Bocchetta gewürdigt, gemeinsam mit Freunden mehr als 900 gefangene italienische Soldaten vor der Deportation zur Zwangsarbeit nach Deutschland befreit zu haben. Nach der dritten Verhaftung wird er selbst nach Deutschland verschleppt und kommt ins Konzentrationslager Flossenbürg und das dazu gehörige Außenlager Hersbruck. 1945 gelingt ihm die Flucht bei einem Evakuierungsmarsch aus dem KZ Hersbruck und er wird von den Amerikanern befreit.

Engagierter Künstler in Erinnerung an den Widerstand

Danach beginnt er ein neues Leben, engagiert sich für ein neues Italien, geht als Korrespondent einer italienischen Zeitung nach Argentinien und arbeitet bildhauerisch. Über Venezuela kommt er nach Chicago, wo er ab 1958 als Bildhauer und Künstler lebt. 1992 kehrt er mit 84 Jahren nach Italien zurück. Dort sind auch einige seiner Arbeiten zu finden: So schenkt er der Stadt Verona einen sieben Meter hohen Obelisken zum Gedenken an seine sechs früheren Kampfgefährten und 1989 ein Bronzedenkmal zur Erinnerung an einen Gefängnispfarrer, der inhaftierte Widerstandskämpfer betreute.

Rückkehr nach Deutschland und Zeitzeugen-Gespräche mit Schülern

In Italien wird er Mitglied in der Organisation ehemaliger Verfolgter und Deportierter, ANED, und arbeitet als Zeitzeuge vor allem in Schulen und mit der Jugend. Er schreibt über die Verflechtung von Militär und Wirtschaft im NS-Reich. Lange will Bocchetta nicht zurück nach Deutschland, so heißt es im Nachruf. Das ändert sich 2001, als er bei einem Besuch bei Detmolder Freunden auch nach Flossenbürg zurückkommt. Dort wird die deutsche Übersetzung seiner Erinnerungen "Jene fünf verdammten Jahre" vorgestellt und zum ersten Mal in Deutschland auch sein künstlerisches Werk. Es folgen Ausstellungen und Zeitzeugenprojekte mit Schulen in verschiedenen deutschen Städten. Schließlich wird 2007 seine Skulptur "Ohne Namen" in Hersbruck eingeweiht. Sie mahnt, so der Nachruf, "eindrücklich vor der Entmenschlichung, verursacht von Menschen, und behält verborgen einen Rest von Hoffnung auf Menschlichkeit unter unwürdigsten Bedingungen".

"Die Fragen, die sich aus der nahen Vergangenheit ergeben, sind noch nicht beantwortet, sie lasten auf uns mit beständigem Druck: Die Entmenschlichung des Menschen, die sich so bedrückend in meinem Monument 'Ohne Namen' zeigt, was soll sie ausdrücken? Nur die Erinnerung an ein längst vergangenes Übel? Oder nicht vielmehr eine höchst ernste Warnung für die Zukunft, vor dem, wozu der Mensch in Zukunft in der Lage ist?" Vittore Bocchetta, in "Jene fünf verdammten Jahre"

In den folgenden Jahren besuchte Bocchetta als Zeitzeuge mehrere Schulen in der Region. Reisefähigkeit und körperliche Gesundheit nahmen laut des Nachrufs über die Jahre ab, doch schickte er seinen Freunden in Hersbruck ein Video zu seinem 100. Geburtstag. Vor wenigen Tagen endete dann sein zweites Leben. "Finire Finisco", wie er als Zeitzeuge über das Ende seines ersten Lebens sagte.

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