BR24 Logo
BR24 Logo
Bayern

Wenn Wohnen ungemütlich wird | BR24

© BR

Tilman Schaich und die anderen Mieter eines Gebäudes in der Thalkirchner Straße haben mit einer Modernisierungsankündigung zu kämpfen.

33
Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Wenn Wohnen ungemütlich wird

Die Preisspirale für Mieten und Eigentumswohnungen kennt nur eine Richtung – nach oben. Investoren kaufen ganze Mietshäuser auf und renovieren sie. Für die angestammten Mieter wird es oft ungemütlich. So auch in der Thalkirchner Straße in München.

33
Per Mail sharen

Das Mehrfamilienhaus mit Rückgebäude in der Thalkirchner Straße im Herzen von München ist von außen ein schöner, renovierter Altbau aus den 1870er-Jahren. Die Lage ist perfekt. Man kann spazieren gehen und kaum hundert Meter weit entfernt liegt das hippe Glockenbachviertel. Hier liegen die Mieten bei bis zu 26 Euro pro Quadratmeter. Wohnungen in diesem Viertel sind begehrt – in diesem Haus stehen allerdings viele leer.

Mit dem ersten Verkauf des Hauses beginnt die Unsicherheit

Der ursprüngliche Hausbesitzer berechnete eine geringe Miete, wenn man sich um seine Wohnung selbst kümmerte. Künstler wohnten hier, richteten sich ihre Ateliers ein. Das Haus war im Viertel auch bekannt als "das Künstlerhaus". Alles ändert sich im Jahr 2016. Das Haus wird verkauft. Die neuen Besitzer kündigen den gewerblichen Mietern, die Künstler müssen mit ihren Ateliers ausziehen. Im Gegensatz zu Wohnungsmietern genießen gewerbliche Mieter kaum Mieterschutz. Dann kommt für die Wohnungsmieter die Modernisierungsankündigung. Unter anderem soll in den Wohnungen eine Videosprechanlage eingebaut werden und im denkmalgeschützten Treppenhaus ein Fahrstuhl. Für den Mieter Tilman Schaich würde das eine Erhöhung seiner Miete um 830 Euro bedeuten. Ihm wurde die Wohnung einmal auch zum Kauf angeboten, für 13.500 Euro pro Quadratmeter.

"Das wäre dann für meine Wohnung eine knappe Million Euro. Und da denke ich oft dran, wenn ich unter der Dusche stehe. Das ist so ein Quadratmeter, was das denn so kosten würde." Tilman Schaich, Mieter

Zu dem Zeitpunkt kann noch jede einzelne Modernisierungsmaßnahme mit 20 Prozent pro Jahr auf die Mieter umgelegt werden. Geändert hat sich das im Jahr 2019. Seitdem dürfen nur noch acht Prozent auf die Mieter umgelegt werden. Außerdem gilt jetzt eine Deckelung. Maximal darf eine Mieterhöhung wegen einer Modernisierung nun drei Euro pro Quadratmeter betragen. Nach der Modernisierungsankündigung ziehen einige Mieter aus. Die Wohnungen stehen seitdem leer.

Wem gehören die Wohnungen in Augsburg, München und Würzburg? Wo fließt die Miete hin und wer profitiert von den steigenden Preisen? Gemeinsam mit den Bürger*innen möchten BR und Correctiv den Immobilienmarkt transparenter machen. Helfen Sie mit!

Gehen Sie auf unsere Webseite br.de/wemgehoert. Teilen Sie uns Adresse und Eigentümer Ihrer Wohnung mit. Laden Sie einen Beleg, zum Beispiel ein Foto Ihres Mietvertrages, hoch. Eingaben überprüfen und absenden.

Mit dem zweiten Verkauf wird es ungemütlich im Haus

Nur ein halbes Jahr nachdem das Haus das erste Mal verkauft wurde, wechselt es erneut den Besitzer. Tilman Schaich findet zusammen mit den übrigen Mietern den Kaufpreis heraus: 19,5 Millionen Euro. Kurze Zeit darauf wird das denkmalgeschützte Treppenhaus mit Pressspanplatten vernagelt. Eine rechtlich erlaubte Maßnahme. So kann es für etwaige Renovierungsarbeiten geschützt werden. Auch der geteerte Innenhof und der Zugang zur Thalkirchnerstraße werden aufgerissen, daraufhin können aber die Mülltonnen nicht mehr geleert werden, sie stehen jetzt auf der Straße. Auch Heizung und Warmwasser fallen mal aus – ausgerechnet im Winter. Fast ein Jahr lang funktioniert das Schloss der Haustüre nicht: Jeder, der wollte, konnte hinein. Fremde feierten Partys im Keller, versprühten Graffitis, Junkies ließen benutztes Spritzenbesteck liegen. Der Eindruck der verbliebenen Mieter: Sie sollen es so ungemütlich wie möglich haben.

"Man wird hingehalten, es macht wahnsinnig ärgerlich. Und natürlich: Es nimmt einem das Sicherheitsgefühl. Es macht einen dann wirklich eine Weile lang hilflos." Daphne Dieter, Mieterin

Der Investor äußert sich nicht

Aktueller Besitzer des Hauses ist die Remberg Bauträger GmbH & Co KG mit Sitz in München. Auf Anfragen zum Anwesen in der Thalkirchner Straße äußert sich das Unternehmen grundsätzlich nicht. Fragen des BR, wie es weitergehe für die Mieter, was das Unternehmen vorhabe und ob und wann die angekündigten Modernisierungen umgesetzt würden, bleiben damit unbeantwortet. Ebenso Fragen, die das Verhältnis zwischen Mietern und Investor betreffen.

Wegziehen läuft nicht

Trotz der für sie ungemütlichen Atmosphäre im Haus: Wegziehen wollen Tilman Schaich und die übrigen Mieter trotzdem nicht. Noch wurde die Modernisierungsankündigung nicht umgesetzt. Was der jetzige Eigentümer mit dem Mietshaus tatsächlich vorhat, wissen sie nicht.

Etwas Positives sehen Schaich und die anderen Mieter allerdings: Die verbliebene Hausgemeinschaft ist enorm zusammengewachsen. Und Tilman Schaich hat im Zuge seiner Erfahrungen im Haus den "Münchner Mieter*innenstammtisch" mitbegründet, damit sich Mieter, denen es ähnlich geht, besser austauschen können.

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!

Sendung

B5 aktuell

Von
  • Kristina Thiele
  • Moritz Steinbacher
  • Georg Wolf
Schlagwörter