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Sternenkinder: Das erste und das letzte Bild | BR24

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Mehr als 3.000 Babys sind im Jahr 2018 in Deutschland als Totgeburten zur Welt gekommen. Eltern trauern um ihre viel zu früh gestorbenen Kinder. Ein Netzwerk hilft ihnen dabei - unter anderem mit Fotografien, die an ihre Kinder erinnern werden.

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Sternenkinder: Das erste und das letzte Bild

Mehr als 3.000 Babys sind im Jahr 2018 in Deutschland als Totgeburten zur Welt gekommen. Eltern trauern um ihre viel zu früh gestorbenen Kinder. Ein Netzwerk hilft ihnen dabei - unter anderem mit Fotografien, die an ihre Kinder erinnern werden.

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Weltweit sterben jedes Jahr mehr als 2,6 Millionen Babys. Das berichten Wissenschaftler des medizinischen Fachblatts Lancet. 98 Prozent der Totgeburten ereignen sich in ärmeren Ländern, die meisten in Südostasien und den südlichen Staaten Afrikas. Kinder, die vor, während oder kurz nach der Geburt sterben, werden als Sternenkinder bezeichnet. Verwendet werden auch die Begriffe "Schmetterlingskinder" oder "Engelskinder". Das Thema Totgeburt ist auch heute noch mit großen Unsicherheiten, vermeintlich sozialen Standards und vielen Tabus behaftet – auch in Deutschland.

Jedes Sternenkind hat ein Recht auf einen Namen

Experten schätzen, dass zwischen 0,2 und 0,3 Prozent aller Kinder in Deutschland tot zur Welt kommen. In Deutschland waren es im Jahr 2018 nach Angaben des Statistik-Online-Portals Statista über 3.000 Totgeburten. Zum Vergleich: Im selben Jahr kamen über 780.000 Babys lebend auf die Welt.

Sternchen, die mindestens 500 Gramm wiegen, müssen beim Standesamt registriert werden. Seit März 2013 werden Sternchen auch unterhalb dieser Gewichtsgrenze offiziell als Menschen anerkannt. Eltern haben seitdem ein Recht darauf, dass ihr Sternenkind mit einem Namen im Personenstandsregister verzeichnet wird. Diese Gesetzesänderung im Personenstandsrecht führt dazu, dass Sternenkinder auf jedem deutschen Friedhof beigesetzt werden dürfen.

In vielen Städten gibt es ein spezielles Sternenkindergrab. Meist handelt es sich um eine Gemeinschaftsgrabanlage, die von Angehörigen liebevoll dekoriert wird. Häufig werden dort beispielsweise kleine Stofftiere oder sternförmige Devotionalien abgelegt.

Netzwerk "Dein Sternenkind"

Ein wichtiger Schritt des Trauerprozesses ist eine Verbindung zum verstorbenen Kind. Das Netzwerk "Dein Sternenkind" ist dabei eine bedeutende Schnittstelle. Es besteht aus einem Netzwerk von über 500 Fotografen, die Sternenkinder in ganz Deutschland und Österreich fotografieren. Und das ehrenamtlich, neben dem Beruf und wenn nötig zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Gründer des Netzwerks ist Fotograf Kai Gebel. Die Idee schnappte er 2013 in den USA auf und brachte sie nach Deutschland. Anfangs waren es ein paar Fotografen, die sich über eine Facebook-Gruppe organisierten und per Telefon absprachen. Als das Projekt jedoch bekannter und die Anrufe mehr wurden, mussten sich die Fotografen besser vernetzen. Seit 2016 konnte "Dein Sternenkind" jede Anfrage bearbeiten, die bei ihnen einging. Das heißt: Jedes Sternchen wurde fotografiert. Im Jahr 2019 waren es 2.054 fotografierte Sternenkinder.

Und so funktioniert der Kontakt: Auf der Homepage können Eltern oder Vertrauenspersonen ein Formular ausfüllen. Sobald der Anruf eingeht bzw. das Formular abgeschickt wurde, klingelt die Alarm-App der Fotografen. Innerhalb der nächsten Minuten meldet sich ein Koordinator bei dem Antragssteller. Hier werden im ersten Schritt die wichtigsten Fragen – Adresse, Namen und auch Dringlichkeit - geklärt. Auch wird gefragt, ob das Sternchen Kleidung hat oder nicht. Anschließend erstellt der Koordinator eine Meldung in einem internen Forum, woraufhin alle Fotografen kontaktiert werden, die sich im "Alarmkreis" befinden – also in der Nähe des Einsatzgebietes. Danach klären die entsprechenden Fotografen, wer den Einsatz wann übernehmen kann und bestätigt nochmal für alle, wenn er oder sie bereits unterwegs ist.

Zwischen dem ersten Kontakt und dem ersten Rückruf vergehen nur wenige Minuten. Bis die Eltern mit dem verantwortlichen Fotografen zusammenkommen, vergeht so viel Zeit, wie nötig.

Zusammenarbeit mit Kliniken unterschiedlich

Ob und wie ein Krankenhaus mit dem Netzwerk zusammenarbeitet, hängt von der jeweiligen Einrichtung ab. Ein standardisiertes Vorgehen gibt es nicht. Besonders in Ballungszentren, wie zum Beispiel München oder Hamburg, funktioniert die Kooperation einwandfrei. Oftmals kontaktieren Hebammen oder auch Klinik-Psychologen das Netzwerk, nachdem sie die Eltern aufgeklärt haben. Häufig werden kritischere Fälle in Kliniken in größeren Städten verlegt, da diese besser für spezielle Situationen aufgestellt sind. Deshalb ist der Kontakt mit Totgeburten oder eben Sternenkindern in ländlicheren Gegenden geringer.

Fotograf und Mitglied des Netzwerks "Dein Sternenkind" Uwe Dreier aus Mettenheim (Lkr. Mühldorf) setzt sich besonders dafür ein, dass Kliniken den Eltern die entsprechenden Informationen über das Netzwerk zukommen lassen. Das Klinikpersonal ist in dieser schwierigen Situation das Vertrauenspersonal und der erste Ansprechpartner der Eltern. Sie haben somit neben den Angehörigen den engsten Kontakt. Dennoch stößt der Fotograf immer wieder auf Hürden bei der Kontaktaufnahme mit den Kliniken.

Auch Hebammen reagieren verschieden. Das Thema Totgeburt ist zwar Teil ihrer Ausbildung, das Netzwerk findet jedoch keine Erwähnung. Dreier hofft für die Zukunft, dass auch kleinere Kliniken mit dem Netzwerk kooperieren. Wenn das Kind nicht mehr da ist, gibt es keine Möglichkeit mehr, ein Foto von ihrem Sternenkind machen zu lassen - ganz nach dem Motto des Netzwerks "Dein Sternenkind": "Das erste und das letzte Bild" oder: "Wir fotografieren nicht den Tod, wir fotografieren sehnlichst erwartetes Leben" (Birgit Walther-Luers).

© BR/Nadine Cibu

Ein Netzwerk hilft betroffenen Familien bei der Trauer um ihr tot geborenes Kind.

© BR/Nadine Cibu

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