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Gewalt, auch sexuelle Gewalt, unter Kindern ist häufiger als bekannt
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Autoren

Gabriel Wirth
Carola Brand
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Gewalt, auch sexuelle Gewalt, unter Kindern ist häufiger als bekannt

Was passierte mit ihrem Sohn während eines Sommerlagers der Schule? Diese Frage beschäftigt die Eltern eines damals elfjährigen Jungen seit über einem Jahr.

"Uns hat der Schulleiter angerufen und darüber informiert, dass unser Sohn höchstwahrscheinlich Opfer eines sexuellen Missbrauchs geworden ist." Mutter

In einem Bubenzimmer soll es zu dem Zwischenfall unter Gleichaltrigen gekommen sein, während drei andere Schüler mit im Raum waren.

Anwalt der Kirche stellt „Grenzverletzungen“ fest

Die als Schulträger zuständige Erzdiözese München-Freising beauftragte einen Anwalt und eine Psychologin, um aufzuklären, was in dem Bubenzimmer passiert ist. Ergebnis: Es habe „Grenzverletzungen“ gegeben. Doch am Ende lasse sich nicht sagen, wer als Täter, wer als Opfer einzustufen sei.

Allerdings haben Anwalt und Psychologin ausschließlich mit den Eltern der beteiligten Kinder gesprochen, nicht jedoch mit den beiden direkt beteiligten Kindern und den dreien, die den Vorfall beobachtet hatten.

Ist das ein probates Verfahren bei Fällen von möglichem sexuellen Missbrauch?

Experten: Betroffene Schüler müssen angehört werden

Kritik am Vorgehen der Kirche kommt von Experten, wie der Erziehungswissenschaftlerin Ursula Enders. Sie leitet den Kölner Verein Zartbitter, der sich um Missbrauchsopfer kümmert. Bei Fällen von sexuellem Missbauch, sagt sie, müssten zunächst die Kinder befragt werden.

"Man kann die Fakten nicht klären, wenn man die Berichte der Eltern hört, das ist schlichtweg unseriös." Ursula Enders, Beratungsstelle Zartbitter

Hätte die Erzdiözese das Jugendamt einschalten müssen?

Auch der unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig kann nicht verstehen, warum die Kinder nicht angehört wurden. Seiner Einschätzung nach hätte die Schule zudem eine auf solche Fälle spezialisierte Beratungsstelle hinzuziehen sollen.

Zentrale Anlaufstelle in einem solchen Fall ist das Jugendamt. Laut bayerischem Schulgesetz soll die Behörde eingeschaltet werden, wenn Tatsachen bekannt werden, die auf eine Kindeswohlgefährdung hinweisen. Doch der katholische Schulträger argumentiert, man habe keine Beweise für einen sexuellen Missbrauch. Ein Sexualakt zwischen zwei Elfjährigen, bei dem unklar ist, ob er auf Gewalt beruhte, reichte der Erzdiözese München-Freising nicht.

Missbrauch unter Gleichaltrigen häufiger als man denkt

Dass die Schulen richtig reagieren, ist dem Bundesbeauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs zufolge so wichtig, weil die Fälle häufiger vorkommen als die meisten denken.

"Wir müssen davon ausgehen, dass ein bis zwei Kinder in jeder Schulklasse Grenzverletzungen erlebt haben, auch unter Gleichaltrigen. Oft reagieren Schulen erst, wenn ein Fall im Raum steht." Johannes-Wilhelm Rörig

Der Bundesbeauftragte Rörig weiß: In vielen Schulen gibt es große Unsicherheit darüber, wie man mit diesem Thema richtig umgeht. Nur die wenigsten Schulen – Rörig zufolge sind es 13 Prozent – haben offenbar einen Notfallplan für solche Fälle. Schulleiter bangten häufig um den Ruf der Einrichtung.

Bundesweites Schutzkonzept für Schulen

Rörig hat deshalb ein Schutzkonzept einwickelt mit dem Namen: Schule gegen sexuelle Gewalt. Es wurde bundesweit an staatliche Schulen, aber auch an katholische und andere private Schulträger verschickt. Angewandt wurde es im konkreten Fall nicht, räumt der Schulträger ein.

Die Erzdiözese München und Freising erklärt auf Anfrage, man kenne die Initiative und werde die Inhalte sorgfältig prüfen.

Übergriffe blieben ohne direkten Konsequenzen

Der Vorfall an einer katholischen Schule blieb bislang ohne direkte Konsequenzen. Die Eltern des Buben, der sich als Opfer sieht, beklagen zudem, dass sie bis heute keine nachvollziehbaren Ergebnisse des Verfahrens bekommen hätten.

Inzwischen haben sie Polizei und Jugendamt eingeschaltet. Und sie haben ihr Kind von der Schule genommen.